Branche bangt nach Sonntagsverkäufen auch um Weihnachtsmärkte
Einzelhandel in doppelter Sorge

Münster/Düsseldorf (WB). Nach dem höchstrichterlichen Verbot verkaufsoffener Sonntage, die mit der Corona-Krise begründet sind, sorgen sich die Einzelhändler jetzt um die Zukunft der Weihnachtsmärkte. Für den stationären Handel könne eine Absage der Märkte in der Adventszeit zu einem „gefährlichen Stolperstein“ werden, warnte der Präsident des Handelsverbandes NRW, Michael Radau, am Wochenende gegenüber dieser Zeitung. „Wenn das in diesem Jahr ausfällt, wird das erneut eine bittere Erfahrung. Alle haben gehofft, dass sich das Geschäft zum Herbst hin erholt“, sagte er. „Ich fürchte, dass das eine deutliche Beschleunigung der Krise auslöst.“

Montag, 31.08.2020, 02:00 Uhr
Ein Mann trägt seine Mund-Nase-Bedeckung am Handgelenk mit seinen Einkaufstüten. Der stationäre Handel leidet unter der Corona-Krise. Foto: dpa
Ein Mann trägt seine Mund-Nase-Bedeckung am Handgelenk mit seinen Einkaufstüten. Der stationäre Handel leidet unter der Corona-Krise. Foto: dpa

Umorientierung der Kunden hin zum Onlinehandel?

Dahinter steckt die Sorge, dass sich ohne die Weihnachtsmärkte als Publikumsmagnet für die Innenstädte eine Umorientierung der Kunden hin zum Onlinehandel verfestigt.

Eine dauerhaft sinkende Besucherfrequenz in den von der Corona-Pandemie ohnehin getroffenen Innenstädten treibt auch NRW-Kommunalministerin Ina Scharrenbach (CDU) um: „Dass ich dazu aufrufe, in den Innenstädten und nicht im Internet zu kaufen, das wird sie nicht überraschen“, sagte sie dieser Zeitung. „Damit kann jeder dazu beitragen, dass die örtlichen Einzelhändler überleben können, übrigens auch ihre Beschäftigten. Ohne Einzelhandel wird es keine lebendigen Innenstädte mehr geben, sondern ausgestorbene Fußgängerzonen.“

Weihnachtsmärkte mit „Geschiebe und Gedränge“

Bezüglich der Weihnachtsmärkte zeigte sie sich „erstmal verhalten optimistisch“. Die kleinen Märkte seien zu organisieren. „Aber es gibt eben auch die großen Märkte wie in Münster oder Köln, wo es mehr ein Geschiebe und Gedränge ist.“ Da sei sie jetzt gespannt auf die Konzepte aus den Städten. Allerdings drängte Radau auf schnelle Entscheidungen: Daran hingen viele Existenzen, weil die Beschicker längst ihre Produkte geordert hätten.

Ina Scharrenbach (CDU), Ministerin für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Ina Scharrenbach (CDU), Ministerin für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen. Foto: Marcel Kusch/dpa

Scharrenbach forderte eine gesellschaftliche Debatte. „Entscheidend ist, dass wir uns als Gesellschaft darüber einig werden, Innenstädte zu erhalten.“ Das verlange von den Kunden, beim stationären Einzelhandel zu kaufen. An dieser Stelle liege die Stärkung der Innenstädte nicht in der Hand von Landes- und Kommunalpolitikern: „Aber wir können schlecht gegen das Verbraucherverhalten fördern.“ Die Ministerin erinnerte an die Kampagne der Industrie- und Handelskammern, die für ein bewusstes „Heimat-Shopping“ geworben haben. Radau fasste dies in eine eindringliche Mahnung: „Ich glaube, dass viele sich noch nicht im Klaren sind, was das bedeutet, wenn wir diese Verschiebung haben hin zum Onlinehandel und in der Folge den Verlust des stationären Handels in den Städten erleben.“

Für Kommunen sind damit auch empfindliche Verluste bei Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen verbunden. Für Scharrenbach geht es deshalb darum, die Rahmenbedingungen für stationären Handel fair anzupassen: Der könne nicht 24 Stunden an sieben Tagen liefern. „Da stehen nämlich Menschen“, sagte die Ministerin. Die hohe Frequenz der Paketdienste beanspruche die städtische Infrastruktur. „Aber während der Einzelhändler sich über lokale Steuern und Abgaben an der Infrastruktur beteiligt, macht der Versandhändler das nicht“, moniert die Ministerin.

Kostenlose Rücksendeoption und Versand an Sonntagen gehörten deshalb auch auf den Prüfstand, sagte die Kommunalministerin.

Verkaufsoffene Sonntage: Pinkwart sucht Lösung

Nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster, das am Freitag coronabedingte Sonntagsöffnungen untersagt hatte , will NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) nach anderen Lösungen suchen: „Wir werden die Begründung prüfen und klären, wie nach Maßgabe des Gerichts Sonntagsöffnungen ermöglicht werden können, damit Betriebe Umsätze aufholen und ihre Existenz sichern können.“ Die geforderte Verknüpfung mit Veranstaltungen sei wegen der Pandemie derzeit aber nicht realistisch.

NRW-Handelsverbands-Präsident Michael Radau zeigte sich enttäuscht, dass das Gericht den Gemeinnutz der Sonntagsöffnung nicht im Blick gehabt habe. Er forderte schnelle rechtssichere Regelungen beispielsweise direkt über die Corona-Verordnung.

 

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