Bielefeld früher Hochburg der Meinungsforschung in Deutschland
Kantar Emnid vor Schließung

Bielefeld (WB). Einst hat Bielefeld als Vorreiter auf dem Gebiet der Meinungs- und Marktforschung gegolten. Jetzt könnte die Stadt ihr Aushängeschild verlieren. Wie am Freitag aus Mitarbeiterkreisen verlautete, beabsichtigt Kantar Emnid, den Stammsitz zu schließen. Der aktuelle Eigentümer, die Kantar Group, bestätigte nur, dass es Gespräche zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat geben werde. Zur Schließungsabsicht selbst wolle man sich noch nicht äußern.

Samstag, 12.09.2020, 05:00 Uhr
Noch steht das Firmenschild Kantar vor der früheren Emnid-Zentrale in Bielefeld. Die kleinen Fotos zeigen die früheren Geschäftsführer Klaus-Peter Schöppner (links) und Hartmut Scheffler. Foto: Thomas F. Starke
Noch steht das Firmenschild Kantar vor der früheren Emnid-Zentrale in Bielefeld. Die kleinen Fotos zeigen die früheren Geschäftsführer Klaus-Peter Schöppner (links) und Hartmut Scheffler. Foto: Thomas F. Starke

Vor 18 Monaten gab es schon einmal das Gerücht, Kantar wolle den Standort Bielefeld aufgeben. Damals wurde dies noch heftig dementiert. Beendet wurden zur Jahresmitte 2019 die Telefonbefragungen aus Bielefeld. Als Folge hat sich der Standort räumlich halbiert. Betroffen waren 210 Mitarbeiter von Telquest , überwiegend Inhaber von Minijobs.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch in Bielefeld beschäftigt sind – dazu gab Kantar ebenfalls keine Auskunft. Im März 2019 waren es 160, die in drei Sparten – Kantar TNS (Marktforschung), Kantar Emnid (Politik-, Meinungs- und Sozialforschung) sowie Kantar Health (Pharma- und Gesundheitsforschung) – tätig waren. Damit ist Bielefeld der zweitgrößte von sechs Kantar-Standorten in Deutschland. Weltweit ist der Konzern, der seinen Sitz in London hat, in 95 Ländern vertreten und mit 28.000 Beschäftigten das zweitgrößte Marktforschungsunternehmen. Die Deutschland-Zentrale ist in München.

Gegründet wurde Emnid 1945 unmittelbar nach Kriegsende in Bielefeld. Die Firma war Pionier auf dem Gebiet der Meinungsforschung. Der Name Emnid steht für „Erforschung der öffentlichen Meinung, Marktforschung, Nachrichten, Informationen und Dienstleistungen“. Zu den Auftraggebern gehörte auch die Bundesregierung. Der Gründer Karl Georg von Stackelberg zählte ungeachtet einiger früherer militaristischer Bücher und Schriften zum engsten Beraterkreis von Wirtschaftsminister und später Kanzler Ludwig Erhard.

In den sechziger und siebziger Jahren boomte neben Meinungsumfragen auch die Marktforschung. Unternehmen wollten, bevor sie ein neues Produkt auf den Markt bringen, wissen, ob es überhaupt eine Nachfrage gibt.

Anfang der neunziger Jahre begann bei Emnid eine turbulente Zeit. 1990 erwarb die französische Sofres-Gruppe die Mehrheit am Unternehmen. Mit deren Zusammenschluss mit Taylor Nelson AGB wurde Emnid 1997 Teil der TNS-Gruppe. Sieben Jahre später erfolgte die Verschmelzung mit der Münchener Schwesterfirma TNS Infratest.

Klaus-Peter Schöppner

Klaus-Peter Schöppner

Das vermutlich nach außen bekannteste Gesicht Emnids war über lange Zeit Klaus-Peter Schöppner. Als er 2014 aus dem Unternehmen ausschied, war er etwa 40 Jahre bei Emnid gewesen, davon 23 Jahre als Geschäftsführer. Der Psychologe, Betriebswirt und Publizist hatte von 1995 bis 2004 auf NTV eine eigene Sendung. Danach war er noch eine Zeit lang Moderator beim Nachrichtensender N24. Bis heute ist seine Sachkenntnis bei Talkshows gefragt. Nicht zuletzt gründete er nach seinem Ausscheiden bei Emnid das Bielefelder Start-up Mentefactum.

Hartmut Scheffler

Hartmut Scheffler

Zuletzt führte Hartmut Scheffler das Meinungsforschungsinstitut. Noch Anfang März 2019 betonte er, „dass der Kantar-Standort Bielefeld unverändert erhalten bleibt und im deutschen Kantar-Verbund unverändert eine wichtige Rolle einnimmt“. Ende Juni 2020 schied Scheffler altersbedingt beim Unternehmen aus. Die neue Führung zog es vor, öffentlich keine Stellungnahme abzugeben.

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