Im Dieselskandal verlieren Kläger mit jedem Kilometer mehr Geld
Die Zeit arbeitet für VW

Wolfsburg (WB). Im Dieselskandal sind trotz des Vergleichs des VW-Konzerns mit 240.000 an der Musterfeststellungsklage beteiligten Autobesitzern noch Zehntausende Fälle offen. Vor allem Teilnehmer von Sammelklagen, die ihre Ansprüche an Dienstleister wie Myright abgetreten haben, müssen um Schadenersatz bangen. VW lehnt Verhandlungen ab. Die Zeit arbeitet für den Autobauer: Selbst wenn die Kläger am Ende Recht bekommen, reduziert sich mit jedem gefahrenen Kilometer die Schadenersatzzahlung.

Samstag, 17.10.2020, 03:00 Uhr
Die Klagen von Dieselfahrern gegen den VW-Konzern füllen viele Ordner Foto: dpa
Die Klagen von Dieselfahrern gegen den VW-Konzern füllen viele Ordner Foto: dpa

Mehr als 400.000 Besitzer von Autos der Konzernmarken VW, Audi, Seat oder Skoda hatten sich ursprünglich der Musterfeststellungsklage der Verbraucherzentralen angeschlossen. 265.000 waren laut VW anspruchsberechtigt. Ihnen hatte der Konzern einen Vergleich angeboten – mit Zahlungen von 1350 bis 6257 Euro je nach Fahrzeugmodell und -alter. 240.000 Kunden nahmen den Vergleich an – laut Konzern sind diese Fälle abgewickelt und insgesamt gut 750 Millionen Euro gezahlt. Die Einigung mit mehr als 90 Prozent der Vergleichsberechtigten habe Kunden, Konzern und Justiz langwierige Verfahren erspart.

VW will sich am liebsten individuell vergleichen

Bei den meisten der laut VW noch 46.000 offenen Einzelklagen strebe der Konzern schnelle, einvernehmliche Lösungen möglichst im Wege individueller Vergleiche an, die sich an den bisherigen Offerten orientieren, sagt Sprecher Nicolai Laude. Maßgeblich sei das Ende Mai erfolgte Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofes (BGH), der vom Dieselskandal betroffenen Autobesitzern Schadenersatz zugesprochen hatte. Davon sei aber eine Nutzungsentschädigung für gefahrene Kilometer abzuziehen. In der Regel haben die Gerichte die Lebensdauer eines Fahrzeugs auf 250.000 bis 300.000 Kilometer Gesamtlaufleistung festgesetzt. Ist sie erreicht, gibt es kein Geld mehr. Die Zeit spielt für VW. Mit jedem Tag, an dem die Kläger mit dem Auto fahren, reduziert sich die mögliche Schadenersatzzahlung – am Ende bis auf Null.

Dieser Aspekt spielt besonders bei Sammelklagen des Dienstleisters Myright eine Rolle, der rund 45.000 VW-Kunden vertritt. Der Autobauer lehnt Vergleichsverhandlungen mit Myright kategorisch ab, spricht von einer Klageindustrie nach US-Vorbild. VW will es hier notfalls auf einen jahrelangen Rechtsstreit ankommen lassen. Der wiederum würde – angesichts steigender Laufleistungen der Fahrzeuge – vor allem zu Lasten der Autobesitzer gehen. Und auch zu Lasten von Myright, das auf Provisionsbasis agiert.

VW lehnt Verhandlungen mit Myright ab

VW zweifelt grundsätzlich die Rechtmäßigkeit der Abtretung der Kundenansprüche an Myright an – und sieht sich in der Auffassung durch ein Urteil des Landgerichts Ingolstadt bestätigt. Myright-Gründer Sven Bode verweist auf anderslautende Grundsatzurteile. Er kündigt aber auch einen Strategiewechsel an. So bietet Myright jetzt VW-Besitzern, die sich an der Musterfeststellungsklage beteiligten, aber von VW wegen Abtretung ihrer Ansprüche kein Vergleichsangebot erhielten, den Wechsel in ein Einzelverfahren an. Damit sollen sie schneller zu Schadenersatz kommen – auch über einen Vergleich mit VW. Ob sich der Autobauer in diesen Fällen darauf einlassen will, lässt er offen. Ziel von VW sei es, alle Streitigkeiten aus dem Dieselskandal möglichst bis Frühjahr 2021 abzuwickeln. Ausnahmen seien Fälle, in denen Besitzer ihr Auto zurückgeben oder keinen Vergleich schließen wollen. Diese müssten dann gerichtlich geklärt werden – wie wohl auch viele Myright-Fälle.

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