Wirtschaft
Nachhaltigkeit und E-Commerce: Ein Widerspruch?

Der Boom des E-Commerce zeigt sich immer deutlicher: Aktuell verzeichnen Online-Shops im Gegensatz zum stationären Einzelhandel etwa 8-mal so hohe Wachstumsraten. Doch gleichzeitig lässt sich ein weiterer Trend heutzutage nicht mehr übersehen: die weltweite Bewegung rund um Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz. Schließen sich Online-Shopping und Nachhaltigkeit gegenseitig aus oder lässt sich auch E-Commerce klimaschonend gestalten?

Montag, 19.10.2020, 03:37 Uhr aktualisiert: 19.10.2020, 11:45 Uhr
Wirtschaft: Nachhaltigkeit und E-Commerce: Ein Widerspruch?
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Noch hat sich die Wissenschaft kein klares Urteil darüber gebildet, wie Nachhaltigkeit und E-Commerce zusammenhängen. Die betreffenden Studienergebnisse gehen hier stark auseinander: Manche bescheinigen dem Online-Handel eine 32-prozentige CO2-Einsparung, andere berechnen dagegen einen 240 Prozent höheren Ausstoß von Treibhausgasen . Kritische Autoren sehen die Probleme dabei vor allem in den folgenden Faktoren:

  • Verpackungsmüll: Die meisten Online-Händler verschicken ihre Ware in Einwegverpackungen, deren Maße standardisiert sind. Im ungünstigsten Fall muss hier viel leerer Raum mit Styropor und Kunststoff ausgefüllt werden. Empfindliche Waren wie Elektronikartikel oder Lebensmittel erfordern darüber hinaus eine aufwändigere Verpackung und eventuell einen gekühlten Transport, der zusätzliche Energie verbraucht.
  • Retouren: Die meisten Kunden verschicken ihre Rücksendungen nicht im Originalpaket, sodass ein Artikel die Umwelt doppelt mit Verpackungsmüll belastet. Doch nicht nur das Paket wird entsorgt, auch die Rücksendung wird bei einigen Online-Händlern vernichtet. Für den Anbieter ist das manchmal günstiger, als den Artikel auf Gebrauchsfähigkeit zu testen und erneut zu verpacken.
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  • Express-Lieferungen an die Haustür: Wird der Versand zur Wunschzeit oder im „Prime“-Service abgewickelt, sind meist lokale Kurierdienste involviert. Die arbeiten durch ihre geringere Auslastung weit weniger energie- und CO2-sparend als große Logistikunternehmen . Besonders negativ schlägt eine Express-Lieferung am selben Tag in der Umweltbilanz zubuche – zumindest dann, wenn der Lieferant nicht per Elektromobil unterwegs ist. Schlussendlich verursachen die Lieferungen des E-Commerce viele überflüssige Wege, da ein Großteil der Kunden sie zum Lieferzeitpunkt nicht empfangen kann. Die Folge: Mehrere erneute Zustellversuche bis hin zur Lagerung in der Postfiliale. Rund 18 Prozent der Kunden müssen ihre Bestellung am Ende selbst abholen und verschlechtern deren Ökobilanz noch einmal mit einer eigenen Autofahrt zur Poststelle.
  • Problemfall Kleidung: Keine andere Warengruppe verzeichnet so viele Retouren wie Kleidung und Mode-Accessoires. Hier schicken Kunden im Durchschnitt jedes zweite Paket zurück. Insgesamt summieren sich so rund 800.000 Retoure-Sendungen pro Tag, die einen CO2-Ausstoß von 400 Tonnen verursachen. Zum Vergleich: Das entspricht etwa 100 Langstreckenflügen von München nach New York.
  • Möglicher Strukturwandel durch E-Commerce: Stadtplaner geben zu bedenken, dass eine stärkere Konzentration der Kunden auf den Online-Handel zulasten des regionalen Einzelhandels gehe. Wenn Geschäfte in der Nähe mangels Nachfrage schließen, müssen Kunden, die nicht online bestellen, für den Einkauf weitere Distanzen fahren. So steigt auch die Umweltbelastung im analogen Handel.

Wie lässt sich E-Commerce nachhaltiger gestalten ?

Eines ist klar: Der Trend zum Online-Einkauf lässt sich nicht aufhalten, sondern man kann ihn lediglich umweltfreundlicher gestalten. Dabei können diese effektiven Maßnahmen helfen:

2. Verpackungen nach Maß

Das Umweltbundesamt vermeldet rund 18,7 Millionen Tonnen Verpackungsmüll pro Jahr für Deutschland – etwa 1,5 Millionen Tonnen davon gehen auf das Konto der Paketsendungen im E-Commerce. Fakt ist: Je größer ein Paket ist, desto größer fällt auch sein CO2-Fußabdruck aus. Die Forbes-Studie „The Empty Space Economy“ offenbart hierzu Brisantes:  34 Prozent der Unternehmen versenden ihre Artikel in doppelt so großen Verpackungen wie nötig, weitere 65 Prozent glauben, mindestens ein Viertel der Verpackung einsparen zu können. Eine simple Lösung für den nachhaltigeren Online-Handel liegt demnach in der Optimierung der Verpackungsgröße. Gerade Verpackungen aus Wellpappe lassen sich heute bequem nach Maß fertigen und sind darüber hinaus auch noch sehr stabil. Somit sparen Händler auch eine doppelte Verpackung.

2. Umweltfreundliche Verpackungsmaterialien

Recyclingfähige Verpackungsmaterialien schonen die Umwelt, insbesondere wenn der Kunststoffanteil reduziert werden kann. Hierfür bietet sich zum Beispiel Nassklebeband aus Papier an, welches Plastikklebeband sinnvoll ersetzt. Geeignetes Füllmaterial sind Papier-Luftpolsterfolien, Wellpappe und Füllchips aus Maisstärke. Auch Stretchfolien und Kunststoffbeutel gibt es heutzutage aus biologisch abbaubaren Materialien, die aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt werden.

3. Lieferung an Zentralstellen

Um den Lieferweg stärker zu rationalisieren, sollten Händler ihre Pakete an zentralen Packstationen deponieren. Laut einer Studie der Universität Bamberg reduziert diese Praxis die CO2-Belastung des Transports um durchschnittlich 36 Prozent – vorausgesetzt, der Kunde agiert seinerseits umweltbewusst. Immerhin 80 Prozent der Packstation-Kunden holen ihre Lieferung ab, wenn sie sich auf dem Weg zur Arbeit befinden oder andere Besorgungen machen, sodass zwei Wege energiesparend zusammengelegt werden. Entscheidend ist auch, wie die Kunden zur Packstation kommen: Immerhin 65 Prozent nutzen das Auto, 14 Prozent ihr Fahrrad und 11 Prozent kommen zu Fuß.

4. Gesammelte Lieferung

Online-Händler versenden Teillieferungen häufig in Einzelpaketen, um beim Kunden durch Schnelligkeit zu punkten. Dabei kann es vorkommen, dass sogar einzelne Komponenten desselben Artikels (z.B. Speicherkarte und Ladekabel) getrennt voneinander verschickt werden. Im Gegensatz zur Option „Teillieferungen schnellstmöglich erhalten“ sollten Händler ihren umweltbewussten Kunden auch eine Option zur umweltfreundlichen Sammellieferung anbieten.

5. Bewusste Auswahl der Anbieter

Auch dieser Punkt liegt im Verantwortungsbereich des Käufers. Er kann sich vor dem Kauf online über den Unternehmenskodex informieren, der die Punkte Nachhaltigkeit und Sozialstandards betrifft. Umweltbewusste Verbraucher sollten hier Anbieter bevorzugen, die bezüglich ihrer Umwelt- und Sozialnormen von externen Prüfstellen kontrolliert und zertifiziert werden.

Wie wichtig ist E-Commerce heute?

Der Online-Handel muss auch deshalb nachhaltiger gestaltet werden, weil er im Konsum einen immer größeren Stellenwert einnimmt. Diese Zahlen zeigen eine steile Entwicklung auf:

  • Der Umsatz wächst: Im Bereich der privaten Verbraucher ist der E-Commerce-Umsatz während der vergangenen 10 Jahre um 279 Prozent gestiegen. Während die Händler 2009 rund 15,6 Milliarden Euro umsetzten, waren es 2019 bereits 59,2 Milliarden Euro. Dabei machen die Warengruppen Bekleidung und Elektronik den Löwenanteil aus – sie erwirtschaften zusammen knapp die Hälfte des Online-Umsatzes.
  • Einzelhandel vs. Onlinehandel: Der E-Commerce verzeichnet starke Wachstumsraten, doch sein Potenzial ist noch lange nicht ausgereizt. Immerhin finden in Deutschland immer noch 89 Prozent der Umsätze im stationären Einzelhandel statt. Doch während der lokale Handel von 2018 auf 2019 nur um 1,2 Prozent gewachsen ist, verzeichnete der Online-Handel im gleichen Zeitraum ein Wachstum um 9,1 Prozent. Bis 2025 erwartet die Branche einen Anstieg des Online-Anteils im Handel auf 15,5 bis 18 Prozent.
  • Mobiles Shopping gewinnt an Bedeutung: Etwa 39 Prozent der Käufe im Online-Handel tätigen die Kunden aktuell über mobile Geräte. Laut einer Studie soll dieser Anteil hierzulande bis 2023 auf etwa 55 Prozent ansteigen. Doch damit ist Deutschland in puncto M-Shopping noch immer ein Entwicklungsland: In Indien werden laut Schätzungen bereits 2020 rund 80 Prozent der Käufe über das Smartphone abgewickelt.
  • Boom durch die Corona-Krise? Schlagzeilen lassen vermuten, dass der E-Commerce generell zu den Corona-Gewinnern gehört. Laut einer Umfrage des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. offenbarte sich jedoch ein geteiltes Bild: Während 11 Prozent der Händler hohe Zuwächse verzeichneten, klagten 41 Prozent gleichzeitig über herbe Umsatzeinbrüche. Die Gründe liegen in den unterschiedlichen Wachstumsraten der jeweiligen Produktgruppen: So stieg die Nachfrage bei Fieberthermometern um 2900 Prozent , während Gesellschaftsspiele lediglich 8 Prozent stärker nachgefragt wurden. Einen Vorteil bringt die Krise dem E-Commerce jedoch unzweifelhaft: Während des Lockdowns wuchs die Zahl an E-Commerce-Kunden, die erstmalig online bestellten. Diese Bequemlichkeit werden die Betreffenden voraussichtlich auch in Zukunft mehrfach nutzen.
  • Das Kundenprofil ändert sich: Aktuell stellen junge Kunden die Mehrheit im E-Commerce. Die 20- bis 29-Jährigen kaufen durchschnittlich einmal pro Monat bei Online-Händlern ein. Im Gegensatz dazu bestellen nur etwa 3,1 Prozent der Senioren über 70 ihre Artikel im Internet. Laut Prognosen soll die Anzahl der Online-Käufer in den kommenden Jahren stark wachsen: bis auf 68 Millionen Kunden im Jahr 2024.

Fazit: E-Commerce geht auch nachhaltig

E-Commerce und Nachhaltigkeit müssen keine Gegensätze sein, wenn Händler und Kunden verantwortungsvoll agieren. Schlüsselfaktoren sind hier eine umweltfreundliche Verpackung und eine intelligente Lieferstruktur. Kunden können ihren Online-Kauf nachhaltig gestalten, indem sie auf Teillieferungen verzichten, überflüssige Retoure-Sendungen im Vorhinein vermeiden und Anbieter bevorzugen, die Wert auf Nachhaltigkeit legen.

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