In Sögel sollen Fragebögen nicht von Betroffenen ausgefüllt worden sein
Falsche Nachweise bei Tönnies-Subunternehmen?

Sögel/Rheda-Wiedenbrück (WB). FS Fleischservice, ein Subunternehmen der Tönnies-Gruppe, soll nach einem TV-Bericht für falsche Gesundheitsbescheinigungen des Landkreises Emsland für Schlachthof-Mitarbeiter im Weidemark-Werk in Sögel verantwortlich sein. Es habe Online-Fragebögen für mindestens 200 Zerleger und Auslöser gefälscht. Das berichtete Enthüllungsjournalist Günter Wallraff am Dienstag im Fernsehsender RTL. Nach ersten Hinweisen einer ehemaligen FS-Mitarbeiterin am 7. August hat Tönnies nach eigenen Angaben den Werkvertrag mit den Unternehmen „aus diesem und weiteren triftigen Gründen“ gekündigt.

Donnerstag, 22.10.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 22.10.2020, 11:58 Uhr
Um diesen Betrieb geht es: Der Weidemark-Schlachthof im niedersächsischen Sögel. Foto: dpa
Um diesen Betrieb geht es: Der Weidemark-Schlachthof im niedersächsischen Sögel. Foto: dpa

FS Fleischservice hat seinen Sitz in Werpeloh, einem Ortsteil von Sögel. Die Firma beschäftigt überwiegend Arbeitnehmer aus Osteuropa, laut Bericht vor allem aus Rumänien. Nach eigener Darstellung im Internet handelt es sich um „erfahrenes Personal für Rinder, Kälber und Schweineköpfe, aber auch für Schultern oder Schinken von Schlachtgut“. Es sei in den Heimatländern – erwähnt werden hier Serbien, Albanien und die Ukraine – gut ausgebildet worden. Eine Stellungnahme des Unternehmens zu den Vorwürfen war angefragt, lag bei Redaktionsschluss aber nicht vor.

Um in Deutschland in der Lebensmittelindustrie arbeiten zu können, müssen die Menschen laut Paragraf 43 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes seit Ausbruch der Corona-Pandemie zusätzlich über Hygienemaßnehmen geschult werden. Das sollte, entschied die Ordnungsbehörde des zuständigen Landkreises dem Bericht zufolge, online stattfinden und vergab die Auftgabe an einen externen Dienstleister. Am Ende mussten die Arbeiter mit Hilfe eines Fragebogens in ihrer Muttersprache beweisen, dass sie den Unterricht verstanden haben.

Mit dem Ausfüllen dieser Online-Fragebögen beauftragte FS Fleischservice den Vorwürfen zufolge allerdings eine Mitarbeiterin, die bei RTL als Britta R. auftritt. Sie beantwortete die Fragen nach eigenen Angaben sogar ohne die rumänische Sprache zu beherrschen – mit Hilfe des Internets und weil sich die Fragen wiederholten. Britta R. sagt in dem Bericht, sie habe das mit einem sehr schlechten Gewissen gemacht. Inzwischen wurde ihr nach einer Erkrankung gekündigt.

Tönnies Opfer des Betrugs

Tönnies erklärt, man sei wie der Landkreis selbst Opfer des Betrugs von FS Fleischservice. Immerhin könne man darauf verweisen, dass die Beschäftigten in Sögel zusätzlich von Konzernmitarbeitern über die einzuhaltenden Hygieneregeln informiert worden seien. Im Übrigen beschränkten sich die Geschäftsbeziehungen auf das Werk Sögel; in Rheda-Wiedenbrück seien keine Arbeitskräfte von FS Fleischservice zum Einsatz gekommen.

Gleichwohl weckt der Wallraff-Bericht Erinnerungen an ein Video aus der Tönnies-Kantine am Stammsitz, das darlegt, dass dort noch Mitte April Mindestabstände keineswegs eingehalten wurden. Der Küchenhilfe, die die Aufnahmen mit dem Privathandy machte, wurde später vom Pächter der Tönnies-Kantine gekündigt.

Schlachthof am 7. Oktober geschlossen

Der Schlachthof der Tochterfirma Weidemark in Sögel sorgt seit Anfang des Monats für Schlagzeilen. Am 7. Oktober wurde er geschlossen , nachdem sich dort 112 Beschäftigte mit dem Coronavirus infiziert hatten. Ende der vergangenen Woche einigten sich der Landkreis und Weidemark auf eine Wiederaufnahme des Betriebs, aber in sehr eingeschränkter Form. Seitdem befinden sich 200 Beschäftigte des Schlachthofs in „Arbeitsquarantäne“. Das bedeutet, dass sie sich nur zu Hause oder am Arbeitsplatz aufhalten dürfen. Tönnies hat sich verpflichtet, dies zusätzlich zum Landkreis selbst zu überwachen. Außerdem sollen die 200 Beschäftigten zwei Mal täglich auf das Coronavirus getestet werden. Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) kritisiert die Arbeitsquarantäne. Hier werde der Weiterbetrieb auf den Rücken der Beschäftigten ermöglicht.

Was die Werkverträge betrifft, so hat Tönnies vor etwa einem Monat angekündigt, alle Betroffenen in die Stammbelegschaft zu übernehmen. Ähnliches hatte zuvor schon der Konkurrent Westfleisch bekannt gegeben und dafür einen Tarifvertrag abgeschlossen. Im Bundestag wurde inzwischen ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Werkverträge und Leiharbeit in der Branche von 2021 an grundsätzlich verbietet.

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