Carl-Christian Goll wird Geschäftsführer für berufliche Bildung der OWL-Handwerkskammer
„Handwerk bleibt Hand-Werk“

Bielefeld (WB). „Handwerk bleibt Hand-Werk“, sagt Carl-Christian Goll (51) – auch wenn die Digitalisierung weiter fortschreitet. Mit Goll, der demnächst von der Kreishandwerkerschaft Paderborn als Geschäftsführer zur Kammer in OWL nach Bielefeld wechselt, sprach Bernhard Hertlein.

Freitag, 23.10.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 23.10.2020, 06:09 Uhr
Carl-Christian Goll im Bildungszentrum im „Campus Handwerk“ an einer CNC-Steuerung von DMG Mori. Foto: Thomas F. Starke
Carl-Christian Goll im Bildungszentrum im „Campus Handwerk“ an einer CNC-Steuerung von DMG Mori. Foto: Thomas F. Starke

Die Warnungen vor dem Fachkräftemangel im Handwerk sind von Jahr zu Jahr lauter geworden. Nun sinkt die Zahl der Lehrverträge. Was läuft falsch in OWL?

Carl-Christian Goll: 2020 fällt aus dem Rahmen. In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Ausbildungsverträge kontinuierlich gestiegen. 2019 war im OWL-Handwerk ein Rekordjahr. In diesem Jahr wurden wir in den Monaten März bis Mai, in denen normalerweise die meisten Lehrverträge abgeschlossen werden, von der Corona-Pandemie erfasst. Doch wir stecken mitten in der Aufholjagd. Im September lag die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge nach vorläufigen Zahlen noch acht Prozent unter Vorjahresniveau. Wir setzen alles daran, den Abstand noch zu verringern. Im Augenblick sind 500 freie Lehrstellen in OWL noch nicht besetzt.

In welchen Branchen?

Goll: Traditionell haben es die Lebensmittelhandwerker, also Bäcker, Fleischer und Konditoren, etwas schwerer bei den Jugendlichen. Aber auch am Bau und im Ausbauhandwerk, etwa bei Elektro sowie Sanitär-Heizung-Klima, dort, wo immer noch die Post abgeht, sind Lehrstellen frei. Sogar im Kfz-Handwerk.

Haben Sie Ideen, wie man die Lehrstellen besetzen kann – schnell besetzen kann?

Goll: Durch Information und Werbung. Die überregionale Kampagne läuft. Aktionen vor Ort kommen hinzu. Auch Aktivitäten wie Speed Datings im Internet. Sogar auf dem aktuell bei Jugendlichen beliebten Videoportal TikTok ist seit Kurzem das OWL-Handwerk mit einem Profil vertreten, um für handwerkliche Berufe zu werben. Unsere Herausforderung 2020 bei Vermittlungsaktionen ist, dass die Schule als der wichtigste Ansprechort coronabedingt weitgehend ausfällt.

Der „Campus Handwerk“ in Bielefeld ist Bildungsstätte und Sitz der OWL-Handwerkskammer.

Der „Campus Handwerk“ in Bielefeld ist Bildungsstätte und Sitz der OWL-Handwerkskammer. Foto: Oliver Schwabe

Wird das Coronavirus die Art des Unterrichts in den überbetrieblichen Bildungsstätten verändern?

Goll: Das hat schon längst begonnen. Als die Pandemie auch OWL erreichte, hat die Kammer alles darangesetzt, den Unterricht fortzusetzen. Flexibilität ist eine handwerkliche Tugend. Das kam uns zugute. Wir konnten den Unterricht schon nach kurzer Zeit, in der wir die notwendigen Hygienemaßnahmen eingeleitet haben, wieder aufnehmen, zu einem großen Teil natürlich digital. Das wird nach dem Ende der Corona-Krise bleiben. Hätte das Prüfungswesen im Handwerk nicht so schnell reagiert, hätten wir vielen Jugendlichen ohne Gesellen- oder Meisterbrief einen guten Start ins Berufsleben verbaut. Die Zukunft des überbetrieblichen Unterrichts ist hybrid – im Klassenraum, an Maschinen, aber auch digital.

Können die Ausbildungsstätten mit der digitalen Entwicklung mithalten?

Goll: Daran führt kein Weg vorbei. Die digitale Ausstattung der Berufsbildungsstätten ist ein wichtiger Baustein für das Projekt Zukunftskammer 2025 in OWL. Wenn ich unsere Situation mit der in den allgemeinbildenden Schulen vergleiche, sind wir schon ein ganzes Stück weiter.

Und die Jugendlichen? Sind sie auf die neuen Herausforderungen im Handwerk schulisch und privat ausreichend vorbereitet?

Goll: Ja – was die Nutzung der digitalen Medien betrifft. Weiter als ich mit meinen 51 Jahren. Wenn ich zusätzlich sehe, wie problembewusst viele Jugendliche mit Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz umgehen, muss ich sagen: Früher war mitnichten alles besser. Im Gegenteil.

Werden im Handwerksbetrieb der Zukunft überhaupt noch hand-werkliche Fähigkeiten gefragt sein – oder ist künftig alles nur noch Kopf-Werk?

Goll: Ich kann mir einen Friseurroboter vorstellen – aber nicht, dass Kundinnen und Kunden das annehmen. Handwerk bleibt Hand-Werk, und das ist gut so. Wer sonst kann mit seinen Kindern oder Freunden durch die Stadt gehen und stolz anmerken, bei dem Bau oder der Restaurierung dieses Gebäudes habe ich mitgewirkt? Für viele Jugendliche ist es gerade sehr reizvoll, im Beruf etwas mit ihren Händen tun zu können. Studieren können sie später immer noch. Das Bildungssystem ist heute sehr durchlässig. Viele gute Architekten haben vorher erst einmal Tischler gelernt.

Haben Sie einen Geheimtipp für einen jungen Menschen, der sich noch nicht schlüssig ist, welchen Handwerksberuf er ergreifen soll?

Goll: Er soll nicht auf jedes Gerede etwas geben, sondern vor allem darauf sehen, wozu er Lust hat. Dann müsste es schon fast mit dem Teufel zugehen, wenn er unter den 90 Handwerksberufen, in denen in OWL ausgebildet wird, nicht den richtigen findet.

Zur Person

Ostwestfalen-Lippe und das Handwerk: Das sind für Carl-Christian Goll keine unbekannten Größen. In Bielefeld geboren, hat der heute 51-jährige auch an der hiesigen Universität Jura studiert.

Seit 1999 berät Goll im Auftrag der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe die dortigen Handwerksbetriebe in arbeitsrechtlichen Fragen. 2006 zog er nach Paderborn. Vor sieben Jahren wurde Goll dann auch Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe. Ihr gehören 26 Innungen an, die wiederum die Interessen von 5200 freiwilligen Mitgliedern aus dem Handwerk vertreten. In ihren Betrieben sind mehr als 48.000 Mitarbeiter beschäftigt. Zudem werden circa 4400 Lehrlinge ausgebildet.

Goll folgt als Geschäftsführer für Berufliche Bildung auf Birgit Stehl, die die Kammer OWL in Bielefeld auf eigenen Wunsch verlassen hat.

 

 

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