Tierhaltende Betriebe fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz – Kritik an Tönnies
Eingeklemmt in der Krisenfalle

Rheda-Wiedenbrück (WB) -

Der Wind weht den Landwirten gerade eisig ins Gesicht. Vor allem die tierhaltenden Betriebe – traditionell in Westfalen stark vertreten – leiden unter einem enormen Preisverfall für Schweinefleisch. Vor neun Monaten erhielten sie noch das Doppelte für ihre Tiere – doch seitdem geht es abwärts. „Die Lage ist schwierig, und Hoffnung gibt es auch nicht“, sagt ein Branchenkenner resignierend. Die Ursachen.

Freitag, 20.11.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 20.11.2020, 10:04 Uhr
Vor allem die tierhaltenden Betriebe leiden unter einem enormen Preisverfall für Schweinefleisch.
Vor allem die tierhaltenden Betriebe leiden unter einem enormen Preisverfall für Schweinefleisch. Foto: dpa

Corona: Die Nachfrage nach Schweine- und Geflügelfleisch in Deutschland ist seit Jahren rückläufig. Schon der erste Lockdown im Frühling mit den damit verbundenen Schließungen in Gastronomie-Betrieben hat die Nachfrage zusammenbrechen lassen – jetzt wird es noch schlimmer. Keine Großveranstaltungen (zum Beispiel Fußball-Spiele), keine Feiern in Restaurants in der Vorweihnachtszeit, keine Weihnachtsmärkte – den Bauern bricht ein ganzer Absatzmarkt weg.

Preiskampf: Trotz aller Bemühungen der politisch Verantwortlichen ist der Preisdruck im Lebensmitteleinzelhandel weiter stark. „Es bleibt zu wenig von der Wertschöpfungskette für die Bauern übrig“, sagt Hans-Heinrich Berghorn, Sprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes. Obwohl die von der Corona-Krise stark betroffenen Schlachtbetriebe Tönnies (Rheda-Wiedenbrück) und Westfleisch (Coesfeld und Münster) ihre Kapazitäten wieder hochgefahren haben, stauen sich die Tiere in den Ställen. Vor der Corona-Krise wurden bei Tönnies allein im Werk in Rheda-Wiedenbrück rund 25 000 Schweine geschlachtet – pro Tag. Aktuell liegt die Auslastung aber lediglich bei rund 17 000 Schweinen täglich. Folge: die Preise werden weiter gedrückt, liegen aktuell bei 1,20 Euro pro Kilogramm. Auch der Lebensmitteleinzelhandel ist nicht bereit, höhere Preise am Markt durchsetzen zu wollen.

Schweinepest: Seit dem Ausbruch der – für den Menschen ungefährlichen – Afrikanischen Schweinepest (ASP) im Osten Deutschlands gilt ein Exportverbot für deutsches Schweinefleisch nach China. Ein Absatzmarkt, der sowohl von der Menge (ein Drittel des Exports ging ins Riesenreich) als auch von den Produkten (Chinesen mögen vor allem Teile von Schweine wie Pfoten und Schnauzen) die sinkende Nachfrage in Deutschland mehr als kompensierte. Jetzt „produziert“ China wieder selbst Schweinefleisch vor Ort – unter anderem mit westfälischer Hilfe: Tönnies baut dort derzeit einen großen Schlachtbetrieb, der in Dimension und Kapazität jede deutsche Anlage in den Schatten stellt.

Europäische Konkurrenz: Auch in Europa verschieben sich gerade die Gewichte. Bestimmten – neben Deutschland – Dänen und Niederländer lange den Markt der großen konventionell tierhaltenden Betriebe, hat Spanien zuletzt Deutschland als Fleischexporteur überholt. „Hier ist der Staat angesichts der Wirtschaftsschwäche sehr daran interessiert, die Tierhaltung auszubauen. Das schafft in strukturschwachen Gebieten Arbeitsplätze“, sagt Berghorn. An leitenden Positionen sind oft Unternehmer oder Manager aus den Niederlanden in die Betriebe eingestiegen. Grund: In ihrer Heimat ist angesichts der hohen Nitratbelastung des Grundwassers keine betriebliche Erweiterung der Ställe mehr möglich – vielerorts müssen sie sogar schließen oder werden vom niederländischen Staat aufgekauft.

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