So., 28.04.2019

Sven Lewandowski forscht in Bielefeld über private Sexfilme – mit Kommentar Der Soziologe und die Pornos

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Florian Weyand

Bielefeld (WB). Soziologie gilt oft als verstaubte Wissenschaft – nicht an der Universität Bielefeld: Dort beschäftigt sich Dr. Sven Lewandowski in den kommenden drei Jahren mit den »Praxen der Amateurpornographie«. In die Schlafzimmer der Deutschen schaut der Wissenschaftler aber nicht.

Sven Lewandowski arbeitete zuletzt an der Uni Würzburg. Foto: Weyand

Etwa 400.000 Euro stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für das Projekt in den kommenden drei Jahren zur Verfügung. Damit möchten Lewandowski und sein Team aus Wissenschaftlern und Hilfskräften die Motive für Amateurpornographie ergründen. Doch wie kam der Soziologe überhaupt darauf, sich mit privaten Sexfilmen zu beschäftigen?

Soziale Medien und moderne Technik haben für einen Boom im Bereich der Amateurpornos gesorgt. »Es ist ein Teil der alltäglichen Medienpraxis, sich selbst zu veröffentlichen. Leute fotografieren ihr Essen oder ihre Kinder und stellen beides ins Netz. Sexualität zu veröffentlichen, ist ein Teil eines Kontinuums«, sagt Lewandowski, der sich schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Thema Sexualität beschäftigt.

»Private alltagssexuelle Praxis«

Der Wissenschaftler schrieb im Jahr 2004 seine Doktorarbeit über »Sexualität in den Zeiten funktionaler Differenzierung« und ist gefragter Experte in den Medien. »Man forscht gern in Bereichen, die nicht komplett abgegrast sind«, sagt Lewandowski, der während seiner Forschung auf Amateurpornographie gestoßen ist. Darüber wisse man so gut wie nichts.

»Dabei bietet Amateurpornographie einen Zugang zur privaten alltagssexuellen Praxis, den man anders kaum finden kann«, ergänzt der gebürtige Stuttgarter, der Anfang des Jahres sein Büro im vierten Stock der Bielefelder Uni bezogen hat.

In den kommenden drei Jahren wird der Soziologe mit seinem Team Filme anschauen, die private Paare oder Einzelpersonen beim Sex zeigen. Nur so bekommen die Wissenschaftler bei ihrer Studie optimale Ergebnisse. »Man kann sich nicht in die Schlafzimmer der Leute setzen, um sie beim Sex zu beobachten. Das funktioniert einfach nicht.« Die Probanden reagierten auf die Beobachtung, und dadurch würden Ergebnisse verfälscht.

»Irgendwann wird es sexuell langweilig«

Daher greifen die Wissenschaftler auf die Videoaufnahmen zurück, die auf großen Bildschirmen abgespielt werden, um Details erkennen zu können. »Wir schauen uns an, wie die Videos gemacht sind. Wie sind sie geschnitten, wie bewegt sich die Kamera oder wie agieren die Leute mit der Kamera? Andererseits behandeln wir Videos als Dokumente der sexuellen Interaktion. Wir schauen dann, was die Videos zeigen«, beschreibt Lewandowski seine Arbeit. Der sexuelle Aspekt verschwinde fast komplett. »Irgendwann wird es sexuell langweilig, Pornographie anzuschauen, soziologisch ist es aber immer spannend.«

Zudem will das Wissenschaftlerteam Darsteller der Amateurfilme zu Interviews einladen. »Wir befragen die Leute und wollen zum Beispiel herausfinden was passiert, wenn die Kamera noch nicht an ist«, sagt Lewandowski. Dass es Schwierigkeiten gibt, Probanden zu finden, glaubt der Soziologe nicht. »Wir wollen in die Tauschbörsen oder die Chatforen gehen. Zudem kann man auf einschlägigen Webseiten Anzeigen schalten«, sagt der Forscher.

Die Universität Bielefeld hat sich der Wissenschaftler aufgrund der guten Reputation der Fakultät für Soziologie ausgesucht. Mit dem Wissenschaftler Niklas Luhmann lehrte und forschte dort einer der bekanntesten Soziologen des Landes. »Für Bielefeld spricht, dass die Universität den in Deutschlang größten soziologischen Fachbereich hat«, sagt Lewandowski.

Kommentar von Florian Weyand

Nein, in den kommenden Monaten geben sich keine Erotikstars in der Universität Bielefeld die Klinke in die Hand. Es sind normale Männer und Frauen, die in der Fakultät für Soziologe erzählen, warum sie sich beim Geschlechtsakt filmen.

Obwohl Sexualität in der heutigen Zeit immer vielfältiger wird, brechen Sven Lewandowski und sein Forscherteam immer noch ein Tabu. Mal ehrlich: Pornographie ist für viele Schmuddelkram – oder? Umso wichtiger ist es, dass der Wissenschaftler an dieser Meinung rüttelt.

Ob das Projekt gleich mit 400.000 Euro gefördert werden muss, darf man hinterfragen. Aber: Dass Gelder fließen, zeigt, dass es in der Wissenschaft keine Tabus gibt. Davon kann sich die Gesellschaft etwas abgucken.

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