Lemgo: Neue Methode bestimmt Geschlecht bei sechs Tage alten Eiern
Rettet diese Forscherin Millionen Küken?

Lemgo (WB). Wissenschaftler der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo und der Hochschule Coburg haben ein Verfahren entwickelt, um das Geschlecht von Küken schon im Ei festzustellen. Vergangene Woche wurde es zum Patent angemeldet.

Freitag, 24.01.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 24.01.2020, 09:02 Uhr
Prof. Helene Dörksen (45) von der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe hat ein Patent angemeldet, um Küken zu retten. Foto:
Prof. Helene Dörksen (45) von der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe hat ein Patent angemeldet, um Küken zu retten.

45 Millionen Küken werden nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums jedes Jahr in Deutschland geschreddert oder vergast – weil sie das falsche Geschlecht haben. Denn Hähne legen keine Eier, und sie setzten nur wenig Fleisch an. Sie sind deshalb kaum zu vermarkten.

Neues Verfahren aus Lemgo

Schon seit Jahren sucht die Geflügelwirtschaft nach einer Möglichkeit, das Geschlecht weit vor dem Schlüpfen zu bestimmen, um das bebrütete Ei zu Tierfutter zu verarbeiten und nicht das Küken zu schreddern. Ein erstes Verfahren wird bereits angewendet, es nennt sich Seleggt. Das Verfahren aus Lemgo bedeutet aber möglicherweise weniger Aufwand.

Die Idee stammt aus einem ganz anderen Bereich: In manchen Ländern schickt die Küstenwache aus Flugzeugen Laserstrahlen auf die Meeresoberfläche. An dem reflektierten Licht lässt sich erkennen, ob es eine Ölverschmutzung gibt. Fluoreszenzspektroskopie heißt dieses Verfahren, das Professorin Helene Dörksen (Lemgo, mathematische Auswertung) und Jens Staufenbiel (Coburg, Laseranwendung) jetzt für die Geschlechtsbestimmung nutzen. Dörksen: „Im Ei entstehen bei männlichen und weiblichen Küken unterschiedliche Hormone. Ohne die Eihaut zu verletzten schicken wir mit einem Lichtleiter durch ein zwei Millimeter großes Loch in der Schale einen Laserstrahl ins Ei, der dort reflektiert wird.“

Mit enormem Rechenaufwand gelang es der Wissenschaftlerin des Instituts für industrielle Informationstechnik, in den Datenmengen des reflektierten Lichts ein Muster zu erkennen, das Rückschlüsse auf das Geschlecht zulässt. Prof. Dörksen: „Bei sechs Tage alten Eiern haben wir im Moment eine Fehlerquote von sieben Prozent, die wir sicher noch verbessern können. In diesem Alter haben die Embryos noch kein Schmerzempfinden.“

Es ist Grundlagenforschung, die hier betrieben wird, von einer Marktreife ist das Verfahren weit entfernt. Jetzt müssen Fördergelder eingeworben oder Partner in der Industrie gefunden werden, die bei der Weiterentwicklung helfen und die Geräte an die Geflügelwirtschaft verkaufen wollen.

Das Seleggt-Verfahren

Weiter ist das Unternehmen Seleggt, dessen Methode aber auch aufwendiger ist. Die GmbH wurde 2017 von Rewe und dem niederländischen Brütereitechnologie-Unternehmen Hatch-Tech in Kooperation mit der Uni Leipzig gegründet. Entwickelt wurde das sogenannte Seleggt-Verfahren. In einem automatisierten Prozess wird in ein zehn Tage bebrütetes Ei ein 0,3-Millimeter-Loch gelasert, durch das ein wenig Flüssigkeit entnommen wird. Der Tropfen wird auf einen Farbmarker gegeben, der sich ändert, wenn ein weibliches Geschlechtshormon festgestellt wird. Diese Eier werden weiter bebrütet, die anderen zu Tierfutter verarbeitet. Laut Seleggt dauert der Prüfprozess pro Ei eine Sekunde.

Der deutsche Tierschutzbund hält die Seleggt-Methode nicht für tierschutzkonform. Er befürchtet, dass ein Schmerzempfinden  der zehn Tage alten Embryos nicht ausgeschlossen werden kann.

Rewe kooperiert mit Uni Osnabrück

Die Geflügelwirtschaft fordert Maschinen, von denen jede etwa 100.000 Eier pro Tag untersuchen kann. Soweit ist noch niemand, weshalb männliche Küken weiter getötet werden. Die Brütereien hoffen, Ende kommenden Jahres darauf verzichten zu können. Bis dahin wird ein sehr kleiner Teil der männlichen Küken in speziellen Projekten vor dem Tod bewahrt. Der Lebensmittelhändler Rewe hat nach eigenen Angaben bereits mehr als eine Million dieser Küken gerettet. Sie werden aufgezogen, und ihr Fleisch zu Hühnerfrikassee verarbeitet. Der Versuch wird von der Uni Osnabrück begleitet. Rewe sieht aber wegen der schlechten Gewichtszunahme der Hähne nur einen Nischenmarkt und nicht eine Möglichkeit, alle Hähne zu retten. Auch Edeka unterstützt die Aufzucht der sogenannten Bruderhähne und verkauft Geflügelprodukte aus diesem Projekt.

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