Fr., 27.03.2020

Tipps von Prof. Diethelm Tschöpe, Chef des NRW-Diabeteszentrums in Bad Oeynhausen „Diabetiker müssen aufpassen”

Prof. Dr. Diethelm Tschöpe ist Direktor des Diabeteszentrums am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen und Vorsitzender der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“

Prof. Dr. Diethelm Tschöpe ist Direktor des Diabeteszentrums am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen und Vorsitzender der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ Foto: Peter Hübbe

Von Christian Althoff

Bad Oeynhausen (WB). Immer wieder liest man in diesen Tagen, dass Diabetiker im Hinblick auf das Coronavirus zur Hochrisikogruppe gehören. Warum eigentlich?

„Vor allem schlecht eingestellte Diabetiker haben ein geschwächtes Immunsystem”, sagt Prof. Dr. Diethelm Tschöpe, Direktor des Diabeteszentrums am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen und Vorsitzender der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“.

Dazu komme, dass von den etwa acht Millionen Diabetikern in Deutschland etwa jeder vierte eine weitere Krankheit habe. „Oft ein Herz-Kreislaufleiden, eine Nierenerkrankung oder die Lungenkrankheit COPD.” Dadurch sei der Körper stark geschwächt, und das könne ein Einfallstor für das Virus sein. „Wir wissen inzwischen aus China, dass es häufig solche Patienten waren, die am Coronavirus gestorben sind.”

Mehr Infektionen

Wissenschaftler der britischen Universität Surrey hatten vor Jahren die Hausarztakten von mehr als 34.000 Patienten des weitverbreiteten Diabetes Typ-2 ausgewertet und mit den Daten gesunder Menschen verglichen. Der 2016 veröffentlichten Studie zufolge hatten die Diabetiker mehr Infektionen. Je schlechter ihr Blutzucker eingestellt war, umso anfälliger waren sie für Bronchitis, Lungen- und Harnwegsentzündungen. Als Ursache für die höhere Anfälligkeit bei schlechtem Blutzuckerspiegel nannten die Wissenschaftler eine verminderte Gewebedurchblutung und eine Hemmung von Immunreaktionen.

Prof. Dr. Diethelm Tschöpe sagt, deshalb sei es in diesen Tagen wichtiger denn je, dass Diabetiker auf ihre Werte achteten. „Wenn jemand nur Diabetiker ist und keine weitere Erkrankung hat, kann er sein erhöhtes Coronarisiko durch eine gute Stoffwechseleinstellung kompensieren. Dann ist sein Risiko nicht höher als das anderer Menschen.”

Aufs Rauchen verzichten

Der Stoffwechsel könne in der Regel mit einer entsprechenden Lebensweise, mit Insulin und hormonellen Eingriffen korrigiert werden. Außerdem sei ein Verzicht aufs Rauchen aktuell besonders wichtig. „Das weiß aber auch jeder.”

Ein Problem sei unverändert, dass Diabetes nicht von jedem ausreichend ernstgenommen werde. „Die Krankheit gilt als stiller Killer, weil die Menschen lange Zeit keine Beschwerden haben. Wenn Symptome auftauchen, ist oft schon ein großer Schaden an Blutgefäßen und Nerven eingetreten.” Im schlimmsten Fall drohten Erblindung, Dialyse, Herzinfarkt und die Amputation von Füßen.

Der Experte sagt, er habe Verständnis dafür, dass Hausärzte jetzt viele Kontrolltermine verschöben, um sich und ihre Patienten vor einer Coronainfektion zu schützen. „Bei schlecht eingestellten Diabetikern kann das aber fatale Folgen haben. Deren Risiko erhöht sich, wenn sie nicht zum Arzt gehen.” Das sei in diesen Tagen eine schwierige Abwägung, bei der Hausärzte in jedem Einzelfall entscheiden sollten.

Arztbesuch nicht aufschieben

Wer schlechte Zuckerwerte oder andere Probleme mit seinem Diabetes habe und sie nicht selbst in den Griff bekomme, sollte seinen Arztbesuch auf keinen Fall bis zum Ende der Coronakrise herausschieben, rät der Klinikdirektor und macht Diabetikern ein Angebot: „Wenn jetzt bei jemandem der Zucker entgleist ist, wenn jemand eine offene Wunde hat, oder wenn der Langzeitwert HbA1C über 10 Prozent liegt, kann er uns gerne anrufen. Dafür sind wir schließlich da.”

Während die übliche Messung nach einem Stich in den Finger den momentanen Blutzuckerwert wiedergibt, werden HbA1C-Werte verwendet, um den durchschnittlichen Blutzuckergehalt der letzten zwei bis drei Monate zu ermitteln. Gesunde Menschen haben einen Wert unter 5, gut eingestellte Diabetiker unter 7 Prozent. Der Wert wird üblicherweise alle drei Monate im Auftrag des Hausarztes in einem Labor bestimmt. „Seit einigen Jahren gibt es aber einen kleinen Scanner zur nichtblutigen Glukosemessung, mit dem Patienten selbst ihren HbA1c-Wert ermitteln können.“ Der angezeigte Wert sei allerdings nicht exakt, sondern eine Schätzung, sagt Prof. Tschöpe. Patienten könnten mit ihrer Kasse besprechen, ob diese ein solches Gerät bezahlt.

Im Hinblick auf Corona empfiehlt der Experte allen Diabetikern, die allgemein bekannten Schutzregeln auf jeden Fall einzuhalten. „Also regelmäßig die Hände gründlich waschen und den Abstand zu anderen einhalten.” Denn die Bugwelle der Coronainfektionen, fürchtet er, habe Deutschland noch nicht erreicht. „Da kann noch etwas auf uns zukommen.”

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