Klaus Cichutek über Erforschung und Zulassung des Mittels
„Der Impfstoff ist die Lösung“

Düsseldorf (WB). Weltweit suchen Forscher in mehr als 100 Projekten nach einem Mittel gegen den Erreger der neuen Infektionskrankheit Covid-19. Vor allem ein Impfstoff wird sehnlichst erwartet. Über dessen Zulassung entscheidet maßgeblich das im hessischen Langen ansässige Paul-Ehrlich- Institut. Mit dem Präsidenten der Bundesbehörde, Klaus Cichutek, sprach unser Mitarbeiter Philipp Jacobs.

Samstag, 09.05.2020, 03:10 Uhr aktualisiert: 09.05.2020, 05:02 Uhr
Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts,rechnet mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffs in 15 bis 18 Monaten. Foto: dpa
Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts,rechnet mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffs in 15 bis 18 Monaten. Foto: dpa

 

Weltweit suchen Forscher in mehr als 100 Projekten nach einem Mittel gegen den Erreger der neuen Infektionskrankheit Covid-19. Vor allem ein Impfstoff wird sehnlichst erwartet. Über dessen Zulassung entscheidet maßgeblich das im hessischen Langen ansässige Paul-Ehrlich- Institut. Mit dem Präsidenten der Bundesbehörde, Klaus Cichutek, sprach unser Mitarbeiter Philipp Jacobs.

Cichutek: Weltweit suchen Forscher in mehr als 100 Projekten nach einem Mittel gegen den Erreger der neuen Infektionskrankheit Covid-19. Vor allem ein Impfstoff wird sehnlichst erwartet. Über dessen Zulassung entscheidet maßgeblich das im hessischen Langen ansässige Paul-Ehrlich- Institut. Mit dem Präsidenten der Bundesbehörde, Klaus Cichutek, sprach unser Mitarbeiter Philipp Jacobs.

 

Können Sie uns erklären, was mRNA-Impfstoffe auszeichnet?

Cichutek: Diese Impfstoffe enthalten die Erbinformationen mRNA, die den Bauplan für diejenigen Virusstrukturen umfassen, die vom menschlichen Immunsystem erkannt werden und zur Erzeugung einer schützenden Immunantwort durch die Impfung dienen. Diese Erbinformation wird vom Körper als Bauplan genommen, die einzelne Virusstruktur – das Spike-Protein oder ein Teil davon – in wenigen Körperzellen selbst zu produzieren. Die Zellen präsentieren dieses sogenannte Antigen dem Immunsystem, was die gewünschte Immunantwort auslöst. Bei einem späteren Kontakt der geimpften Person mit Sars-CoV-2 erkennt das Immunsystem diese Antigene wieder und kann das Virus gezielt bekämpfen, weil das Immunsystem durch die Impfung vorbereitet wurde. Vorteil dieser mRNA-Impfstoffe könnte unter anderem sein, dass davon relativ schnell viele Impfdosen hergestellt werden können. Bisher aber noch nicht ermittelt ist die Menge RNA pro Impfstoffdosis, die für einen Immunschutz notwendig ist.

 

Gesundheitsminister Jens Spahn mutmaßt, dass es Jahre dauern könnte, bis ein Impfstoff verfügbar ist – wegen möglicher Rückschläge. Wie sehen Sie das?

Cichutek: Meine Standardantwort folgt der Einschätzung der WHO: 15 bis 18 Monate. Gerechnet ab jetzt. Ich muss betonen, dass wir trotz aller Erfolgsmeldungen in einer frühen Phase der Entwicklung sind und nicht in einer späten. Es ist erfreulich, dass wir weltweit bisher mehr als 100 Forschungsprojekte haben, die sich mit einem Impfstoff beschäftigen. Eine der klinischen Studien haben wir als Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland ja schon genehmigt. Ich rechne damit, dass wir im Laufe des Jahres drei weitere Anträge eingereicht bekommen und genehmigen können. Am Ende braucht man aber einen Datensatz, der zeigt, dass ein Impfstoffprodukt wirkt und dass es sicher ist, also keine schweren Nebenwirkungen hervorruft. Auf diesem Weg gibt es theoretisch Tausende mögliche Komplikationen.

 

Es wurde bereits versucht, Impfstoffe gegen Coronaviren zu entwickeln. Gelungen ist das bisher nie. Warum nicht?

Cichutek: Die Projekte gegen das Sars-Coronavirus-1, das 2003 in Asien aufgetreten ist, waren erfolgversprechend, sind dann aber eingestellt worden aus Mangel an Bedarf. Beim Mers-Coronavirus sind wir drangeblieben und stehen kurz vor weiteren klinischen Prüfungen. Weil das Mers-Coronavirus nur noch in bestimmten Regionen beim Menschen vorkommt, können Arzneimittelentwickler alternativ beim Wirksamkeitsnachweis auf Tierdaten ausweichen. Das klingt alles vielleicht nach geringfügigem Erfolg, doch helfen uns diese Erkenntnisse jetzt bei der Entwicklung eines Impfstoffs für Sars-CoV-2 sehr.

 

Man versucht eine Art vorhaltende Forschung zu betreiben für den Fall einer neuen Pandemie?

Cichutek: Genau. Wenn es einen neuen Erreger gibt, könnten wir dann viel schneller reagieren und müssten die Suche nach einem Impfstoff nicht erst beginnen, was mehrere Jahre dauert. Unter anderem deshalb wurde ja die internationale Impfstoff-Allianz Cepi gegründet. Auch das Paul-Ehrlich- Institut hat hierzu die Erforschung von Impfstoffkonzepten im Labor laufen. Dies sind keine Produktentwicklungen, sondern Forschungsprojekte im Labor. Solche Projekte müssen wir vorantreiben, auch wenn es keine akute Pandemie gibt. Es gibt schon einige Projekte in diese Richtung, vor allem seit dem Auftreten des Mers-Coronavirus. Doch wir müssen die Pandemiepläne weiter schärfen und vorbeugende Forschung konzeptionieren, um bei neuen Virusausbrüchen schneller einen Impfstoff bereitstellen zu können.

 

Wie könnte eine globale Verteilung zum Start aussehen?

Cichutek: Es ist anzunehmen, dass es zu Beginn eine Priorisierung geben wird. Es würden erst die geimpft, die eine erhöhte Ansteckungsgefahr haben – etwa medizinisches Personal –, und dann Menschen, bei denen es voraussichtlich schwere Verläufe geben könnte, wenn sie sich anstecken. Insgesamt darf der Impfstoff aber nicht für einige Staaten oder Regionen reserviert werden. Wir müssen global und gleichberechtigt vorgehen. Darüber werden bereits politische Diskussionen geführt.

 

Was halten Sie von einer Impfpflicht?

Cichutek: Mit Impfungen können wir die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wirksam bekämpfen. Im Fall von Sars-CoV-2 scheint die Bereitschaft zur Impfung sehr hoch zu sein. Das könnte sich vermutlich auch in der geringen Zahl der Impfgegner widerspiegeln. Denn meist ist es ja so, dass Impfgegner die Notwendigkeit und den Nutzen von bestimmten Impfungen gar nicht mehr erkennen, weil in ihrem Umfeld die jeweilige Infektionskrankheit nicht mehr auftritt. Beim neuen Coronavirus ist das anders. Heute sehen sie vielleicht Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld, die schwer an der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 erkranken. Ich glaube, wir alle verstehen mittlerweile die Brisanz der Lage. Wir wollen wieder zu einem normalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zurückkehren. Mit den bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus gewinnen wir Zeit, um einen Impfstoff zu bekommen, den wir dringend brauchen. Denn nur der Impfstoff ist am Ende die Lösung des Problems.

 

 

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