Schrott im All
Deutsche Spitzentechnik soll Unfälle im Weltraum verhindern

Ausrangierte Satellitenteile, Rückstände von Raketen - der Weltraumschrott nimmt zu. Damit wächst auch die Kollisionsgefahr für funktionierende Satelliten. Das erste in Deutschland gebaute Weltraumüberwachungsradar soll davor warnen.

Montag, 12.10.2020, 05:04 Uhr aktualisiert: 12.10.2020, 05:06 Uhr
Das computergenerierte Bild der European Space Agency zeigt Weltraummüll früherer Weltraummissionen, der neben intakten Satelliten um die Erde kreist.
Das computergenerierte Bild der European Space Agency zeigt Weltraummüll früherer Weltraummissionen, der neben intakten Satelliten um die Erde kreist. Foto: -

Koblenz (dpa) - Unfall im Weltraum? Schon mehr als 900.000 teils kleine Schrottobjekte, Tausende Satelliten sowie Raumfahrzeuge ziehen nach Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ihre Bahnen.

Die Kollisionsgefahr wächst. Das DLR stellt daher an diesem Dienstag (13.10.) in Koblenz nach eigenen Angaben das «erste in Deutschland entwickelte und gebaute Weltraumüberwachungsradar» vor.

Die Spitzentechnik für 44,5 Millionen Euro soll Weltraumschrott in erdnahen Orbithöhen zwischen 200 und 2000 Kilometern erkennen. Betreiber gefährdeter Satelliten können ihre teuren Objekte dann bremsen oder die Flughöhe verändern. Auch die Internationale Raumstation ISS in rund 400 Kilometern Höhe kann gewarnt werden.

Das German Experimental Space Surveillance and Tracking Radar (Gestra) ist auf der Koblenzer Schmidtenhöhe in zwei weißen Containern mit je einer Dachkuppel untergebracht. Sende- und Empfangssystem befinden sich räumlich getrennt jeweils in einem Container. Das führt dem DLR zufolge zu «geringerer Beeinflussung und damit zu einer höheren Empfangsleistung».

Das im Auftrag des DLR-Raumfahrtmanagements in Bonn vom Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik entwickelte Radarsystem besteht aus jeweils 256 einzeln elektronisch gesteuerten Sende- und Empfangseinheiten. Nach einer Testphase soll Gestra im ersten Quartal 2021 in den Vollbetrieb gehen.

Die Spitzentechnik in den beiden Containern arbeitet meist alleine ohne Personal und wird aus der Ferne vom Weltraumlagezentrum im nordrhein-westfälischen Uedem am Niederrhein kontrolliert. Dieses betreiben das DLR-Raumfahrtmanagement und die Luftwaffe gemeinsam. Hier werden die Daten von Gestra verarbeitet. Während das neue Koblenzer System die Bahnen von Weltraumkörpern verfolgt und katalogisiert, kann das Weltraumbeobachtungsradar Tira bei Bonn verdächtige Objekte näher unter die Lupe nehmen.

Inzwischen hängen weite Teile der modernen Technik wie Mobiltelefone, Internet und Navigationsgeräte von Satelliten ab. Umso wichtiger ist deren Schutz vor Weltraumschrott. «Die ISS fliegt regelmäßig Ausweichmanöver», sagt DLR-Sprecherin Elisabeth Mittelbach. «Das Problem sind die nicht mehr steuerbaren, ausrangierten Teile, bei denen man keinen Knopf mehr drücken kann. Wenn davon zwei zusammenstoßen, können noch mehr Trümmer entstehen.»

Von der Luftverteidigungsanlage auf dem Paulsberg bei Uedem hat auch das deutsche Militär den kompletten Luftraum über der Bundesrepublik im Blick. Neben der Beobachtung des Weltraums steuert es von hier aus auch Alarmstarts von Kampfflugzeugen bei möglichen Bedrohungen. Aus Sicht von Militärexperten ergibt es für Deutschland wenig Sinn, Luft- und Weltraum zu trennen - ungeachtet der physikalischen Unterschiede. Deutschland geht damit einen anderen Weg als die USA, die für den Weltraum eine eigene Teilstreitkraft aufgestellt hat.

© dpa-infocom, dpa:201012-99-909570/2

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