Verstorbenes Kind bewahrt Erwachsene vor der Dialyse
Frau bekommt Organe von Säugling

Münster -

In der Uniklinik Münster haben Chirurgen einer Frau die Nieren und die Bauchspeicheldrüse eines verstorbenen Säuglings transplantiert. Nach Angaben der Klinik ist nie zuvor in Deutschland eine so kleine Bauchspeicheldrüse übertragen worden.

Donnerstag, 07.01.2021, 03:00 Uhr
In einer Transplantation-OP ähnlich wie auf diesem Symbolbild setzte Prof. Jens Brockmann von der Uniklinik Münster einer erwachsenen Frau Organe eines verstorbenen Säuglings ein.
In einer Transplantation-OP ähnlich wie auf diesem Symbolbild setzte Prof. Jens Brockmann von der Uniklinik Münster einer erwachsenen Frau Organe eines verstorbenen Säuglings ein. Foto: M

 

Sandra Giese aus Beckum litt seit mehr als 40 Jahren an Diabetes Typ 1. Im Herbst verschlechterte sich der Zustand ihrer Nieren so sehr, dass ihr die Dialyse drohte, also eine regelmäßige maschinelle Blutwäsche. Prof. Jens Brockmann, Vizedirektor der Klinik für Allgemein-, Bauch- und Transplantationschirurgie: „Dialysen sind sehr belastend. Von den Typ-1-Diabetikern, die an die Dialyse müssen, lebt nach vier Jahren jeder zweite nicht mehr.“

Im September setzten die Ärzte Sandra Giese deshalb auf die Warteliste für Spenderorgane – zwei Nieren und eine Bauchspeicheldrüse. Letztere ist für die Produktion von Insulin verantwortlich, die bei Typ 1-Diabetikern nicht funktioniert, was auf Dauer die Blutgefäße aber auch Organe wie die Nieren schädigt.

Wartezeit zwei Jahre

In der Regel dauert es zwei Jahre bis zur Transplantation – zwei Jahre, in denen sich die Gesundheit weiter verschlechtert. Doch Sandra Giese hatte Glück: Am 8. November bekam sie den Anruf, sie solle in die Uniklinik kommen. „Ich war noch gar nicht vorbereitet und hatte doch noch nichts gepackt!“

In Münster erfuhr die Frau, dass sie die Organe eines Säuglings bekommen sollte – mehr durfte ihr aus Datenschutzgründen über den Spender oder die Spenderin nicht mitgeteilt werden. Prof. Brockmann: „Die Stiftung Eurotransplant hatte die Nieren und die Bauchspeicheldrüse den Verteilungsrichtlinien entsprechen angeboten, aber keine Transplantationsklinik wollte die Organe haben.“ Generell bestehe bei so kleinen Spendernieren eine Zurückhaltung, sagt der Chirurg, weil die Ärzte unter anderem Thrombosen in den sehr kleinen Gefäßen und dann ein Versagen der Organe befürchteten. „Es ist nicht selten, dass deshalb Nieren von Kindern keinen Empfänger finden.“

Wenig Abnehmer für Kindernieren

Eurotransplant-Sprecher Christiaan van Grootheest sagte am Mittwoch, 2020 habe man für 22 Prozent der Nieren von bis zu Vierjährigen keine Klinik gefunden.

Prof. Jens Brockmann befasst sich allerdings schon seit etwa zehn Jahren mit der Transplantation kindlicher Organe. „Wir haben im aktuellen Fall eine neue Operationstechnik angewendet, die weltweit nur von wenigen Chirurgen durchgeführt wird“, sagt er. Die eigenen Organe blieben im Körper, und der Patient bekomme die gespendeten dazu. „Im Bauchraum ist genug Platz dafür.“ Bei diesem Verfahren würden weniger Gefäße verletzt, und die Risiken seien geringer.

Nieren wachsen schnell

Die Nieren des verstorbenen Säuglings waren nur 3,2 Zentimeter groß, als Prof. Brockmann sie im November transplantierte. „Sie wuchsen dann sehr schnell. Wir gehen davon aus, dass sie im Februar die Größe von Erwachsenen-Nieren erreicht haben und dann etwa zehn mal vier mal sieben Zentimeter groß sind“, sagt der Chirurg, der die gespendete Bauchspeicheldrüse huckepack auf die neuen Nieren genäht hat. Mit der neuen Bauchspeicheldrüse ist Sandra Giese auch von ihrem Diabetes geheilt – zumindest auf Zeit. Fünf Jahre nach einer solchen Transplantation funktionieren noch 75 Prozent der „fremden“ Bauchspeicheldrüsen.

Bessere Akzeptanz

Die Nutzung kindlicher Organe kann nicht nur die Warteliste etwas verkürzen,. Es gibt auch Hinweise darauf, dass so junge Organe weniger stark abgestoßen werden als ältere. Auf der Eurotransplant-Warteliste für Nieren standen Ende 2020 insgesamt 7338 Patienten aus Deutschland. 265 warteten auf eine Bauchspeicheldrüse.

Prof. Brockmann sagt, es müsse ein unvorstellbar schwerer Schritt für Eltern sein, die Organe des eigenen Kindes zur Transplantation freizugeben. „Gleichzeitig kann es für Mütter und Väter aber auch tröstend sein, zu wissen, dass sie damit mehreren Menschen das Leben retten.“

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