Fußballerin Lena Goeßling vor dem Re-Start der Bundesliga
„Natürlich hatten wir auch Bedenken“

Bielefeld/Wolfsburg (WB). Heimlich, still und leise hat sich die Frauen-Bundesliga auf ihren Re-Start vorbereitet, fast ohne Debatten. An diesem Freitag geht es wieder los. Der amtierende Deutsche Meister, der VfL Wolfsburg, erwartet den 1. FC Köln (14 Uhr). Beim VfL spielt die gebürtige Bielefelderin Lena Goeßling. Mit der 34-Jährigen sprach Jens Brinkmeier vor dem Wiederbeginn über ihre Quarantänezeit, Jubel ohne Emotionen, ihre Fitness und Pokalspiele in Ostwestfalen.

Donnerstag, 28.05.2020, 03:19 Uhr aktualisiert: 28.05.2020, 05:03 Uhr
Lena Goeßling spielt seit 2011 in Wolfsburg und hat alle großen Vereinstitel gewonnen. Foto: imago
Lena Goeßling spielt seit 2011 in Wolfsburg und hat alle großen Vereinstitel gewonnen. Foto: imago

 

Freitag geht es wieder los. Verspüren Sie nur reine Vorfreude oder ist auch ein mulmiges Gefühl dabei?

Lena Goeßling: Ich freue mich und will mir nicht so viele Gedanken machen, ob sich jemand von uns ansteckt. Wir werden so viel getestet, da sollte nichts passieren. Wir haben auch einen Hygienebeauftragten, der uns alles genau erklärt hat. Seit Samstag sind wir in einem Hotel in Quarantäne.

 

Seit knapp zwei Wochen trainieren Sie wieder mit der ganzen Mannschaft. Wie lief die Zeit davor ab?

Goeßling: Am Anfang hat jede Spielerin individuelle Pläne bekommen, für vier Wochen etwa. Dann sind wir ins Kleingruppentraining gegangen, ohne Kontakt, mit Abstand. Dann ging es immer Schritt für Schritt weiter.

 

Wie haben Sie anfangs die Corona-Situation erlebt?

Goeßling: Man kannte es ja gar nicht. Man durfte nicht raus. Für alle Menschen war es verrückt, nicht nur für uns Sportler. Für jeden Menschen hat sich das Leben verändert. Es ist ja das Schlimme, dass alle immer noch so eingeschränkt sind.

 

Wie lief bei Ihnen das „normale Leben“, Stichwort Einkaufen. Oder gab es da Hilfe vom Verein?

Goeßling: Nein, wir sind schon alleine einkaufen gegangen. Aber natürlich immer unter Beachtung der Hygieneregeln. Ich habe darauf geachtet, nicht jeden Tag einkaufen zu gehen. Ich habe mehr geplant, geguckt, was ich brauche und bin dann vielleicht einmal die Woche einkaufen gegangen. Auch um mich selbst zu schützen.

 

Wie sieht der Tag in dieser Quarantäne-Woche bei Ihnen aus?

Goeßling: Wir haben ein- bis zweimal am Tag Training. Montag wurden wir auf Corona getestet, der nächste Test ist an diesem Donnerstag. Ansonsten halten wir uns nur im Hotel auf, wir dürfen das Gelände nicht verlassen. Zum Training fahren wir im eigenen Auto, Fahrgemeinschaften dürfen nicht gebildet werden. Natürlich tragen wir Mundschutz, auch am Trainingsgelände ist das Pflicht. Im Hotel, wenn wir mal zu einer Mitspielerin gehen, tragen wir den Mund-Nasen-Schutz auch.

 

Einige Spielerinnen vom FF USV Jena haben unter anderem kritisiert, dass sie vor dem Re-Start nicht gefragt worden seien. Auch männliche Profis hatten über zu wenig Mitsprache geklagt. Wie sehen Sie das?

Goeßling: Das liegt auch immer an den Vereinen. Die Vereine wurden, glaube ich, mehrmals gefragt, ob sie weiterspielen wollen. Dass es viele Spiele in kurzer Zeit geben wird, war klar. Ich kann die Spielerinnen verstehen, es ist eine krasse Situation. Viele Spielerinnen haben eben kein Profitum, sie gehen arbeiten oder studieren und haben andere Sorgen. Das kann ich natürlich nachvollziehen. Vielleicht hätten die Vereine ihre Spielerinnen mehr mit ins Boot holen müssen.

 

Wie war das beim VfL: Wurde Ihnen freigestellt, ob Sie weiterspielen möchten oder nicht?

Goeßling: Natürlich hatten wir auch Bedenken. Wenn man vier Wochen zuhause ist, macht man sich Gedanken, ob das alles seine Richtigkeit hat. Man will sich nicht anstecken, ist vorsichtig. Unser Trainer Stephan Lerch hat klar gesagt, dass es keine Pflicht gibt. Jede Spielerin konnte es für sich selbst entscheiden. Aber die Situation wird sich nicht in Kürze verändern. Wir werden noch lange damit leben müssen. Mit Geisterspielen und den vielen verschiedenen Vorkehrungen, die bei den Männern in der Bundesliga und 2. Liga gut klappen. Jeder ist sich der Situation bewusst. Natürlich ist es mit den Emotionen nicht einfach, wenn man zum Beispiel ein entscheidendes Tor schießt. Dann freut man sich, es ist schwer, das unter Kontrolle zu halten. Wenn Arminia es endgültig schafft, aufzusteigen – dann soll man sich nur per Ellenbogen freuen? Da weiß ich nicht, wie das funktionieren soll. Dass das Konzept klappt, war ein Zeichen für die Frauenliga. Ich hoffe, dass es bei uns auch so gut läuft.

 

Thema Gehaltsverzicht, Spenden oder ähnliches: War das auch bei Ihnen in der Diskussion?

Goeßling: Gehaltsverzicht war bei uns kein Thema, aber wir haben soziale Projekte in Wolfsburg unterstützt. Vom Gesamtverein wurden drei Projekte ausgewählt, da konnte jede Spielerin selbst entscheiden, was sie spenden möchte. Das fand ich gut. Wir verdienen ja nun mal nicht so viel, dass wir einfach so auf Gehalt verzichten können. Jede muss gucken, wie sie über die Runden kommt. Das ist ja überhaupt nicht vergleichbar mit den Männern.

 

Kurz vor dem Wiederbeginn: Wie fit fühlen Sie sich?

Goeßling: Naja, wir haben seit Anfang März nicht mehr gespielt. Ich fühle mich aber fit, ich hatte in letzter Zeit keine Verletzungen – das ist das A und O. Mal sehen, wie es dann am Freitag nach den 90 Minuten ist.

 

Die Zuschauerzahlen bei den Frauen sind nicht so hoch wie bei den Männern, aber dennoch: Es sind keine Fans zugelassen, was erwarten Sie?

Goeßling: Ich glaube, dass der Frauenfußball damit nicht so hart zu kämpfen hat. Wir haben manchmal Testspiele vor zehn Zuschauern. Es ist schon ein Unterschied, ob man sonst vor 80.000 spielt wie zum Beispiel Borussia Dortmund. Klar fehlen uns die Fans, aber der Unterschied ist nicht so krass.

 

Freitag geht es in der Liga los, dann folgt gleich eine Englische Woche mit dem Pokalspiel beim Ex-Klub Gütersloh.

Goeßling: Darauf freue ich mich, aber natürlich können Familie und Freunde nicht kommen. Das wäre schöner gewesen, so ist es leider irgendwie kein besonderes Spiel an dem Ort, wo ich meine Karriere angefangen habe.

 

Im Pokalhalbfinale könnte es dann zu Arminia Bielefeld gehen.

Goeßling: Das hoffen wir natürlich, dass wir nicht zum SC Sand müssen (lacht). Ich bin gespannt. Es wäre schön, zweimal nach Ostwestfalen zu fahren.

 

Das Double aus Meisterschaft und Pokal ist sicher auch in Corona-Zeiten das große Ziel?

Goeßling: Definitiv. In der Liga sieht es ja ganz gut aus. Wir haben nach 16 Spielen acht Punkte Vorsprung (auf Bayern München, Anm. der Red.) und ein wahnsinniges Torverhältnis (74:7) – das ist noch mal ein Punkt. Wir haben noch sechs Spiele. Da müsste schon relativ viel falsch laufen, dass wir nicht wieder Deutscher Meister werden. Aber wir müssen erst mal sehen, wie wir aus der Pause kommen.

 

Ihr Vertrag läuft noch bis Ende Juni 2021. Gibt es schon Pläne für die Zeit nach der Karriere?

Goeßling: Darüber habe ich mir auch schon vor Corona Gedanken gemacht. Ich kann mir schon vorstellen, langfristig in Wolfsburg zu bleiben und mir hier mein neues Leben aufzubauen. Es laufen Gespräche. Ich denke, dass es auf jeden Fall mit Fußball zu tun haben wird. Alle Nationalspielerinnen haben den Trainer-B-Schein. Ich denke, es kann nicht schaden, wenn ich noch den B-Eliteschein mache.

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