Di., 06.08.2019

Verwarnung, Verweis oder Enthebung aus den Ämtern: Schalkes Ehrenrat entscheidet – mit Tonaufnahme Tönnies muss sich erklären

So war es 2013. Doch auch Schalke-Legende Gerald Asamoah, geboren in Ghana, hat die Aussagen von Clemens Tönnies kritisiert.

So war es 2013. Doch auch Schalke-Legende Gerald Asamoah, geboren in Ghana, hat die Aussagen von Clemens Tönnies kritisiert. Foto: dpa

Gelsenkirchen (dpa). Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies gerät angesichts der Rassismus-Vorwürfe gegen ihn aus Politik und Sport immer stärker in Erklärungsnot.

Die Kernfragen vor seiner Anhörung vor dem Ehrenrat des Fußball-Bundesligisten am Dienstag lauten: Steckt hinter den Aussagen des mächtigsten Mannes des Vereins eine ausländerfeindliche oder rassistische Grundhaltung? Oder handelt es sich um unbedachte und inakzeptable Äußerungen, deren Wirkung der 63 Jahre alte Fleischfabrikant aus Rheda-Wiedenbrück sich erst nach der hereinbrechenden Welle der Empörung und Kritik bewusst wurde?

Das denken die Ökostrom-Experten

Die umstrittenen Aussagen von Clemens Tönnies über Afrika und den Klimaschutz beim »Tag des Handwerks« in Paderborn seien auch aus energie- und klimapolitischer Sicht falsch und inakzeptabel. Darauf weist der Regionalverband Ostwestfalen-Lippe im Landesverband Erneuerbare Energien Nordrhein-Westfalen (LEE NRW) hin.

»In der Europäischen Gemeinschaft wird mehr Kohlendioxid ausgestoßen als in ganz Afrika. Der Pro-Kopf-Ausstoß in Deutschland ist etwa viermal so hoch wie in Afrika«, wird Daniel Saage vom LEE-Regionalvorstand in einer Erklärung zitiert.

Wenig durchdacht ist für den Regionalverband OWL auch der Tönnies-Vorschlag, Deutschland solle in Afrika den Bau 20 neuer Großkraftwerke finanzieren. Afrika sei achtmal so groß wie die EU und habe keine Infrastruktur zur Energieverteilung.

FDP-Vize Wolfgang Kubicki bezeichnete Tönnies’ Aussagen gegenüber »tagesspiegel.de« derweil als »drastisch«, aber zulässig. Der 67-Jährige sagte, Tönnies habe »auf ein Riesendilemma der selbst ernannten Klimaaktivisten« hingewiesen. Denn in 80 Jahren müssten mehr als 12 Milliarden Menschen »ernährt, untergebracht, beschäftigt« werden, und deren Mobilitätsbedürfnisse würden »sicher nicht geringer sein als heute«.

Das zu bewerten, ist nun die schwierige Aufgabe des fünfköpfigen Schalker Ehrenrats und später auch der DFB-Ethikkommission. »Clemens Tönnies war sofort bereit zu kommen und sich vor dem Ehrenrat zu erklären«, sagt Anja Kleine-Wilde, Leiterin der Schalker Vereinskommunikation.

Der Chef der Tönnies-Unternehmensgruppe mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück und einem Jahresumsatz von mehr als sechs Milliarden Euro hatte beim »Tag des Handwerks« in Paderborn als Festredner Steuererhöhungen im Kampf gegen den Klimawandel kritisiert. Stattdessen solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren. »Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren«, sagte Tönnies. Für die Äußerungen hatte er sich später entschuldigt.

Cacau ist schockiert

Doch die Sätze waren in der Welt. »Deplatziert«, »primitiv«, »rassistisch« seien die Äußerungen, heißt es. Nach DFB-Interimschef Reinhard Rauball zeigte sich am Montag auch der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau betroffen: »Mich haben die verächtlichen Worte von Clemens Tönnies schockiert, und je länger ich darüber nachdenke, desto unvorstellbarer wird es, dass ein Mann seiner Position und Erfahrung so generalisierend und abfällig über die Bevölkerung eines ganzen Kontinents spricht.«

Dass auch der loyale und von Tönnies geförderte Schalker Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah, in Ghana geboren, seinen Boss öffentlich harsch angeht, verwundert selbst Insider. Schließlich ist der 40-Jährige als Manager des U23-Teams ein Klub-Angestellter. Er sei »sehr überrascht, geschockt und auch verletzt«, hatte Asamoah getwittert und Konsequenzen gefordert: »Er beleidigt mich und alle anderen Betroffenen. Das können wir nicht dulden.«

Grober Verstoß gegen das Schalker Leitbild

Ohne Konsequenz dürften und werden die Tönnies-Aussagen wohl kaum bleiben. Allein schon wegen der öffentlichen Wirkung der Worte müssen sie laut Satzung als vereinsschädigend eingestuft werden. Ganz zu schweigen von einem groben Verstoß gegen die im Schalker Leitbild (»FC Schalke 04. Wir leben dich.«) seit 2012 verankerten Grundsätze. Dass Tönnies das Leitbild mitentwickelte, macht seine Aussagen noch unverständlicher.

Zwar kann auch der dreiköpfige Schalke-Vorstand mit Alexander Jobst (Marketing), Peter Peters ­(Finanzen) und Jochen Schneider (Sport) Sanktionen verhängen. Doch der Ehrenrat müsste diese dann auch überprüfen. Mögliche Strafen reichen von »Verwarnung« und Verweis« bis zur »Enthebung aus Vereinsämtern auf Zeit und Dauer«.

Wer sein Leben und Wirken auf Schalke verfolgt, weiß, dass Tönnies vor allem der Klub am Herzen liegt. Und er hängt nicht aus Eitelkeit an seinem Amt, sondern aus Überzeugung. »Wenn man mich nicht mehr haben will, dann höre ich auf«, sagte er schon häufig.

Tritt Tönnies den Rückzug an?

Tönnies ist niemand, der jedes Wort sorgfältig abwägt. Zuweilen klopft er Sprüche und wundert sich später über deren Wirkung. Dem Ehrenrat dürfte es nicht leicht fallen, ein für alle befriedigendes Urteil zu fällen. Dass Tönnies selbst den Rückzug antritt, ist eine denkbare Variante.

Weitreichende Folgen hätte sein Aus für den Klub auf jeden Fall. Er sitzt seit 1994 im Aufsichtsrat, seit 2001 ist er dessen  Vorsitzender. Unter anderem fädelte er den Sponsoren-Deal mit dem russischen Energiekonzern Gazprom ein. Schalke 04 ist sportlich derzeit im Umbruch – mit Tönnies würde die bedeutende Konstante des Vereins wegbrechen.

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