Corona-Krise
Nachteil ist «immens»: Wettlauf der Olympioniken ums Impfen

Bleibt die Chancengleichheit der Athleten durch die verschiedenen Geschwindigkeiten beim Impfen in den Ländern schon vor den Tokio-Spielen auf der Strecke? Die deutschen Olympia-Kandidaten fürchten einen Nachteil, wollen sich aber nicht vordrängeln.

Freitag, 05.03.2021, 12:27 Uhr aktualisiert: 05.03.2021, 12:30 Uhr
Vorsitzender der Interessenvertretung Athleten Deutschland: Max Hartung.
Vorsitzender der Interessenvertretung Athleten Deutschland: Max Hartung. Foto: Guido Kirchner

Frankfurt/Main (dpa) - Im Weltsport gibt es ein Wettrennen um die Schnelligkeit beim Impfen der Athleten vor den Olympischen Spielen in Tokio. Die Chancengleichheit droht dabei auf der Strecke zu bleiben.

«Früh geimpft zu sein und damit mit weniger Sorgen trainieren zu können, ist auf jeden Fall ein großer Vorteil», sagte Max Hartung, Vorsitzender der Vereinigung Athleten Deutschland. «Der Nachteil ist jetzt schon immens und wird mit jedem Tag größer.»

Denn die Zahl der Länder, die ihre Athleten mit Blick auf die Tokio-Spiele vom 23. Juli bis 8. August schon oder so schnell möglich vor Corona-Infektionen schützen wollen, nimmt zu. In Litauen sind viele Sportler schon geimpft worden. In Indien, Israel, Ungarn oder Mexiko soll potenziellen Olympioniken ebenso eine Priorität eingeräumt werden wie denen in China, das mit 26 Goldmedaillen Platz drei im Medaillenspiegel der Sommerspiele 2016 in Rio belegte.

In Belgien hat das Nationale Olympische Komitee die Regierung um 500 Impfdosen gebeten, wie Teamarzt Johan Bellemanns einem TV-Sender sagte: «Wir wollen keinen Wettbewerbsnachteil haben.» Für einen generellen Vorrang der Olympia-Athleten machte sich Richard Pound, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, stark. Dies sei eine Möglichkeit, die Tokio-Spiele zu retten. Mit Bezug auf sein Heimatland Kanada fügte er hinzu: Wegen 300 bis 400 Impfungen für Athleten sollte es doch «keinen öffentlichen Aufschrei» geben.

Der Deutsche Olympische Sportbund und viele seiner Topsportler wollen keine bevorzugte Behandlung in der Pandemie. «Wir akzeptieren die festgelegte Reihenfolge und werden uns nicht vordrängeln», bekräftigte Präsident Alfons Hörmann. Bei einer Umfrage des DOSB unter Olympia-Kandidaten sprachen sich 73 Prozent gegen eine Bevorzugung aus. Andererseits wollen sie nicht die Letzten in der Impf-Kette sein.

«Für mich ist klar, dass diejenigen mit einem hohen Risiko, schwer zu erkranken, Priorität haben müssen, genauso wie medizinisches Personal und Beschäftigte in der Daseinsvorsorge», sagte der Weltklassefechter Hartung. «Sobald diese erste Gruppe geimpft ist, würde ich mich sehr freuen, wenn auch wir Sportler schnell geimpft werden.» Viele seiner Konkurrenten seien geimpft oder hätten nach Ansteckungen einen Immunschutz und würden sich «freier bewegen» können.

«Die Athleten hoffen, dass bald der Zeitpunkt gekommen ist, an dem sie mit gutem Gewissen zum Impfen gehen können, und das kann man gut nachvollziehen», sagte Hörmann. «Es ist deshalb eine der wichtigen Aufgaben von uns, genau dafür zu werben, dass die Sportler rechtzeitig vor den Olympischen Spielen die Möglichkeit einer Impfung erhalten.» Das gehöre zu seinem Job, «sonst würden nicht nur die Athleten, sondern auch diejenigen, die uns nicht so gewogen sind, zurecht sagen: Da sieht man mal, wie es um die Interessenvertretung der Sportler bestellt ist».

Thomas Konietzko, der Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes, geht davon aus, dass die meisten Athleten aus anderen Ländern geimpft nach Tokio kommen werden. «Natürlich ist es schwer zu erklären, dass bei uns das Impfen etwas langsamer geht als in anderen Ländern und dass Leistungssportler in anderen Ländern offensichtlich eine andere Wertschätzung genießen, die sich durch vorgezogenes Impfen zeigt, als in Deutschland», sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

DOSB-Chef Hörmann begegnet dem Impf-Wettlauf auch mit Fatalismus. «Wir können die unterschiedliche Vorgehensweise in diesen Ländern nicht ändern und müssen mit dem Szenario leben», befand er. «Man muss kein Prognostiker sein: In vielen Ländern wird es alsbald eine Impfung für die Athleten geben.» Man müsse deshalb in den kommenden Monaten darüber diskutieren, wie «unsere Athleten mit der gebotenen Chancengleichheit» antreten könnten. Sie arbeiten ein Leben lang auf diesen besonderen Höhepunkt ihrer Laufbahn hin: «Da könnten Lebensträume in Erfüllung gehen oder eben auch platzen.»

Unabhängig von Karrieren und Chancengleichheit ist für das Internationale Olympische Komitee das Impfen ein wichtiges Rezept, die Tokio-Spiele so sicher wie möglich über die Bühne zu bringen. Eine «beträchtliche Zahl» der 206 Nationalen Olympischen Komitees habe bereits Impfungen für seine Athleten sichergestellt, sagte IOC-Präsident Thomas Bach. Die Maßnahmen gegen das Coronavirus seien der «Schlüssel für den Erfolg».

© dpa-infocom, dpa:210304-99-694393/4

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7851017?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509832%2F2198364%2F
„Notbremse ohne Effekt“
Aus Handydaten registrierter Nutzer berechnen Experten in der Corona-Krise die Entwicklung der Kontaktzahlen.
Nachrichten-Ticker