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Kontaktverbot

Tag der Organspende: Es gibt Wege, Danke zu sagen

Frankfurt/Mainz (dpa)

Sollten sich der Empfänger einer Organspende und die Familie des Spenders kennenlernen dürfen? In Deutschland ist das verboten. Aber es gibt andere Wege, Danke zu sagen.

Von Sandra Trauner, dpa

Massiver Rückgang: Die Zahl der Spender lag in den ersten drei Monaten 2022 bei 176, im Vergleichszeitraum waren es 249. Foto: Soeren Stache/dpa/dpa-tmn

Er lebt seit zwei Jahrzehnten mit einer Spenderlunge und konnte sich nicht dafür bedanken. Sie gab die Organe einer Freundin frei und lernte den Empfänger nie kennen.

Postmortale Organspenden sind in Deutschland prinzipiell anonym - aus gutem Grund. Dennoch gibt es im Vorfeld des Tags der Organspende am 4. Juni Kritik am strikten Kontaktverbot zwischen Transplantierten und den Angehörigen der Spender: Angehörigen würde «eine Kultur des Dankes» helfen, sagen viele.

Kanadische Ärzte haben kürzlich gefordert, den Kontakt zwischen Empfänger und der Familie des Spenders zu erleichtern. «Eine wachsende Zahl von Rechtsprechungen sowohl in Kanada als auch international erkennt an, dass restriktive Ansätze für den Kontakt zwischen Spenderfamilie und Empfänger veraltet sind und die Autonomie der sich gegenseitig zustimmenden Interessengruppen auf unfaire Weise einschränken», argumentierte der kanadische Medizinethiker Charles Weijer im «Canadian Journal of Cardiology».

Ein Kontakt könne helfen, Trauer zu bewältigen, Heilung zu fördern und «das Lebensgeschenk des verstorbenen Spenders ehren», ergänzte Mitautor Nicholas Murphy.

Kontaktverbot macht durchaus Sinn

«In Deutschland ist das rechtlich nicht möglich», erklärt Burkhard Tapp vom Bundesverband der Organtransplantierten. «Postmortale Organspenden sind grundsätzlich anonym.» Die Transplantationszentren dürfen keinen Kontakt herstellen, nicht einmal Alter oder Geschlecht nennen, geschweige denn einen Wohnort. «Und das macht auch durchaus Sinn», sagt der 66-Jährige aus Sasbach am Kaiserstuhl (Baden-Württemberg), der seit 20 Jahren mit einer transplantierten Lunge lebt. «Sonst würde man nur falsche Erwartungen wecken oder Enttäuschungen produzieren.»

Auch Goldina aus Leipzig, die ihren ganzen Namen nicht in den Medien sehen möchte, findet das Kontaktverbot im Prinzip richtig. Was ist, wenn der Organempfänger nicht den Vorstellungen entspricht, wenn zum Beispiel der Leber-Empfänger beim Treffen ein Bier bestellt, der Lungentransplantierte raucht, kurzum, «wenn man das Gefühl hat, dass er nicht sorgsam genug mit diesem Geschenk umgeht»?

Andererseits sei Dank für die Angehörigen wichtig, sagt die Mitbegründerin des «Netzwerks Spenderfamilien». «Es ist eine Bestätigung, dass die Entscheidung, den Verstorbenen zur Organspende freizugeben, richtig war.»

Goldina musste ihre Entscheidung gegen viele Widerstände rechtfertigen: Sie hatte die Vollmacht für eine Freundin, die nach künstlichem Koma für hirntot erklärt wurde. Die Familie war unentschieden, also traf sie die Entscheidung - für eine Organspende. «Später wurde ich dafür als Mörderin beschimpft», erzählt sie.

Mit der Spende ein Leben gerettet

Wer dank ihrer Freundin weiterleben durfte, hat sie nie erfahren. Aber sie suchte Kontakt zu anderen Transplantierten. Ihren Geburtstag feiert sie seit Jahren mit einem Mann, für den an diesem Tag mit einer Herztransplantation sein zweites Leben begann. Zu sehen, dass es diesem Freund und anderen Transplantierten gut gehe, helfe ihr, nicht zu zweifeln, sondern zu sehen, «dass man stolz darauf sein kann, dass man mit der Spende Leben gerettet hat».

Seit 2019 gibt es rechtssicher einen anderen Weg, Danke zu sagen: mit einem anonymen Dankesbrief. Der Brief wird - wenn die Zustimmung der Angehörigen vorliegt - über das Transplantationszentrum an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) weitergeleitet, die als Schaltstelle fungiert, damit beide Seite nicht in Kontakt kommen.

Anonymer Brief

«Hoch geschätzte Spenderfamilie...», beginnt der anonyme Brief eines Nierentransplantierten, den die DSO auf der Internetseite dankesbriefe-organspende.de veröffentlicht hat. Der Mann dankt der «verantwortungsbewussten und außerordentlich human denkenden Person», die ihm einen gesunden Lebensabend ermöglichte. «Der Dank an sie ist so groß, dass der kaum in Worte zu fassen ist.»

Die Zahl solcher Briefe ist «überschaubar», sagt Anne-Bärbel Blaes-Eise, die bei der DSO die Angehörigenbetreuung koordiniert. Aus Gesprächen mit Hinterbliebenen weiß sie aber: «Viele Spenderfamilien wünschen sich diese Briefe.» Es helfe ihnen, zu sehen, dass der Verstorbene in gewisser Weise weiterlebe. Bei den Angehörigentreffen, die die DSO organisiert, sei das strikte Anonymitäts-Gebot regelmäßig «ein großes Thema», sagt Blaes-Eise. Vielen fällt es schwer zu verstehen, wieso das nicht möglich ist, wenn beide Seiten zustimmen. Aber letztendlich soll das Gesetz damit beide Seiten auch schützen.»

Dass eine Abkehr von der Anonymitätspflicht zu mehr Organspenden führen würde, glaubt Burkhard Tapp vom Bundesverband der Organtransplantierten nicht: «Die These halte ich für gewagt.» Auch Goldina ist in dieser Frage «zwiegespalten», sagt aber auch: «Ich vermisse manchmal eine Kultur der Dankbarkeit.»

Zahl der Organspenden massiv zurückgegangen

Zu Beginn dieses Jahres war die Zahl der Organspenden massiv zurückgegangen - um fast 30 Prozent gegenüber dem ersten Quartal im Jahr davor. Die Zahl der Spender lag in den ersten drei Monaten 2022 bei 176, im Vergleichszeitraum waren es 249. Die Zahl der nach dem Tod entnommenen Organe sank von 778 auf 562 Organe. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO, zeigte sich angesichts dieser Zahlen «zutiefst besorgt»: «Wir stehen vor einer dramatischen Entwicklung für die rund 8500 Patienten auf den Wartelisten.»

Die DSO vermutet, dass die Arbeitsüberlastung in den Kliniken ein Grund sein könnte: «Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass hierdurch weniger Organspenden realisiert werden konnten, als unter normalen Umständen möglich gewesen wären.» Auch die Zahl der Nein-Voten nach den Beratungsgesprächen nahm zu. Ein weiterer Grund ist, dass Verstorbene mit einer Corona-Infektion von der Organspende ausgeschlossen waren.

Die Veranstaltungen zum «Tag der Organspende» finden in diesem Jahr am 4. Juni in Mainz statt. Unter anderem wollen Organempfänger Plakate hochhalten, auf denen die Zahl der Lebensjahre steht, die sie seit ihrer Transplantation gewonnen haben. Die «Aktion Geschenkte Lebensjahre» soll zeigen, wie groß das Geschenk einer Organspende ist. «Angesichts der aktuellen Zahlen ist die Wahrscheinlichkeit, Organempfänger zu werden, vier Mal höher, als Organspender zu werden», rechnet Tapp vor.

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Er lebt seit zwei Jahrzehnten mit einer Spenderlunge und konnte sich nicht dafür bedanken. Sie gab die Organe einer Freundin frei und lernte den Empfänger nie kennen.

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