1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Dsc
  4. >
  5. Bielefeld das „gallische Dorf“ der Bundesliga

  6. >

Arminia Bielefelds Sport-Geschäftsführer Samir Arabi im Interview

Bielefeld das „gallische Dorf“ der Bundesliga

Wie in der vergangenen Saison mit dem souveränen Aufstieg will Arminia Bielefeld auch bei der Bundesliga-Rückkehr überraschen. Sportchef Samir Arabi hält den Fan-Ausschluss dabei für einen klaren Nachteil. „Wir sind das gallische Dorf in der Bundesliga“, sagt er.

Arminias Sport-Geschäftsführer Samir Arabi. Foto: Thomas F. Starke

Scheffau am Wilden Kaiser (dpa/lnw). Bloß nicht gleich wieder absteigen wie der Rivale SC Paderborn. Das ist das Ziel von Zweitliga-Meister Arminia Bielefeld für die nächste Saison in der Fußball-Bundesliga. Im beschaulichen Scheffau am Wilden Kaiser bereiten sich die Ostwestfalen noch bis Sonntag auf die Rückkehr in die 1. Liga nach elf Jahren vor. Sportchef Samir Arabi sprach in Tirol mit der Deutschen Presse-Agentur darüber, wie die Mannschaft den Klassenerhalt schaffen will, welche finanziellen Risiken vermieden werden sollen und was er Trainer Uwe Neuhaus wünscht.

Arminia Bielefeld geht als krasser Außenseiter in die Saison. Wie beurteilen Sie die Chancen auf den Klassenerhalt?

Samir Arabi: Die reine Faktenlage ist eindeutig. Beim Lizenzspieleretat sind wir abgeschlagen Letzter. Es war aber in der letzten Saison auch so, dass man sagen musste, wenn es beim HSV und beim VfB normal läuft, haben wir keine Chance. Max Eberl hat gesagt, Mönchengladbach sei das gallische Dorf im Vergleich zu den deutschen Vereinen, die in der Champions League spielen. Wir sind das gallische Dorf im Vergleich zur ganzen Bundesliga. Es gibt aber immer mal wieder Überraschungen. Wir gehen mit dem nötigen Selbstvertrauen ran, um am Ende Minimum zwei, im besten Fall drei Mannschaften hinter uns zu lassen

Wäre der Klassenerhalt für Sie sogar eine Sensation?

Arabi: Es ist sicher etwas Außergewöhnliches, wenn wir das schaffen.

Welche Bedeutung hat für Sie die erhoffte Rückkehr der Fans?

Arabi: Union Berlin hat Heimspiele gegen Borussia Dortmund und gegen Borussia Mönchengladbach gewonnen. Das sind Bonuspunkte für den Klassenerhalt. Ich glaube, die Vergangenheit zeigt, dass so was deutlich einfacher ist, als wenn du kein Publikum im Stadion hast. Wir wissen, was für eine Power unsere Fans im Stadion erzeugen können. Das ist sicher momentan ein Handicap, mit dem wir als Aufsteiger extrem zu kämpfen haben. Pokal-Sensationen entstehen ja oft, wenn eine Mannschaft über sich hinauswächst, weil sie durch das Publikum noch mal angetrieben wird. Ohne Publikum zu spielen, ist für einen Aufsteiger sicherlich ein größeres Handicap.

Also könnte die Fan-Rückkehr ein entscheidender Faktor für den Klassenerhalt sein?

Arabi: Definitiv. Davon bin ich überzeugt. Ich sage aber nicht, dass es aussichtslos ist ohne Fans. Aber ich glaube schon, dass es ein entscheidender Faktor für uns ist, um die Wahrscheinlichkeit auf den Klassenerhalt zu erhöhen.

Würden Sie denn ins finanzielle Risiko gehen, um noch neue Spieler zu verpflichten, damit sich die Chance auf den Klassenerhalt weiter erhöht?

Arabi: Nein. Wir werden kein Risiko eingehen bei Transfers, um die Chance zu erhöhen, in der Liga zu bleiben. Wir würden jetzt niemals sagen, wir nehmen einen Kredit auf, weil wir meinen, wir brauchen noch den linken Mittelfeldspieler. Das sind Lehren aus der Vergangenheit. Das wird es bei Arminia Bielefeld definitiv nicht geben.

Sie standen in der Vergangenheit vor der Insolvenz, das Bündnis Ostwestfalen hat Sie gerettet. Warum investiert das Bündnis nicht jetzt noch mal, damit Sie Verstärkungen für den Klassenerhalt kaufen können?

Arabi: Weil das nie zur Debatte stand. Weil das nicht die Intention des Bündnisses war und ist, und auch nicht unsere Erwartungshaltung der Führungsriege bei Arminia Bielefeld. Es hat sich ein Bündnis gefunden, das einen Resetknopf gedrückt hat. Das war Vergangenheitsbewältigung. Jetzt sind wir in der Lage zu gestalten. Geld, um große Transfers zu stemmen, war nie das Thema. Das passt auch nicht zu den überwiegend familiengeführten Unternehmen.

Sie betonen stets das Kollektiv. Reicht denn die Gemeinschaft tatsächlich für den Klassenerhalt?

Arabi: Nein. Aber als Gegenbeispiel: Nur die brutale Qualität des FC Bayern reicht auch nicht zum Champions-League-Sieg, sondern das Kollektiv, das der FC Bayern in dieser Phase hatte. Wir sind uns bewusst, dass die Einheit die Basis ist. In jeder Situation muss man bereit sein, den anderen zu unterstützen. Das funktioniert besser in einer Mannschaft, die einen großen Zusammenhalt hat. Wenn wir beides nicht haben, haben wir gar keine Chance. Wir haben uns punktuell verstärkt, und wir werden auch versuchen, noch den einen oder anderen für Arminia zu gewinnen, der uns weiterhilft. Wir haben noch viele junge Spieler, die beweisen müssen, dass sie das nächsthöhere Niveau erreichen können.

Fehlen der Mannschaft dafür aber nicht noch ein paar erfahrene Spieler, so wie es Union Berlin in der vergangenen Saison beispielsweise mit Christian Gentner hatte?

Arabi: Wir hätten natürlich am liebsten den 26-jährigen Bundesligaspieler, der ablösefrei ist und mindestens schon 150 Bundesligaspiele gemacht hat. Wir haben sicher auch mal bei dem einen oder anderen nachgefragt. Aber man muss unsere wirtschaftliche Situation realistisch einschätzen und erkennen, dass das nicht machbar ist. Natürlich wäre der eine oder andere Spieler mit Erfahrung nicht nachteilig, aber es ist für uns auf dem Markt aktuell nicht bezahlbar.

Ihr Trainer Uwe Neuhaus hat mit 30 Jahren erstmals Bundesliga gespielt, als 60-Jähriger ist er erstmals Cheftrainer in der ersten Liga. Was glauben Sie, was er mit 90 macht?

Arabi: Ich wünsche ihm, dass er nicht mehr auf dem Trainingsplatz steht. Sondern dass er dann glücklich und zufrieden die Zeit mit seiner Frau und mit seinen Hunden verbringt. Wahrscheinlich wird er viel Zeit auf Sylt verbringen und hoffentlich seine Arminia in der Bundesliga verfolgen.

Startseite