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Wie Arminia-Trainer Uwe Neuhaus sein Team auf den Wiederbeginn vorbereitet

„Das wäre der verdienteste Aufstieg“

Bielefeld (WB). Seit drei Wochen befinden sich die Zweitligaprofis des DSC Arminia Bielefeld wieder im Training. Ob die Saison fortgesetzt wird, ist ungewiss. Chefcoach Uwe Neuhaus (60) äußert sich über die Corona-Pandemie und Geisterspiele, erklärt die Notwendigkeit der Saison-Fortsetzung und sagt, wie er über eine mögliche Maskenpflicht bei Fußballspielen denkt.

Jens Brinkmeier  und Dirk Schuster

„Den Wirtschaftszweig Fußball gilt es am Leben zu halten“, sagt DSC-Coach Uwe Neuhaus. Foto: Thomas F. Starke

Wie ist die körperliche und mentale Verfassung Ihrer Spieler?

Uwe Neuhaus: Das ist schwierig zu beantworten. Ich glaube, dass wir die Wochen genutzt haben, um die größtmögliche Fitness zu erlangen, die man haben kann. Von den Spielern habe ich einen top Eindruck. Sie haben das Ziel nicht aus den Augen verloren.

Wie gestaltet sich der aktuelle Trainingsablauf?

Neuhaus: Wir trainieren in vielen kleinen Gruppen und alle nacheinander auf drei Plätzen. Eine Einheit hat dann manchmal einen Umfang von vier bis fünf Stunden. Das ist sehr anstrengend für die Trainer. Aber das soll keine Klage sein. Vieles betrifft technische Dinge und die Athletik. Wir sorgen auch mal für Belastungsspitzen. Auch mit Ball wird natürlich trainiert und der Torabschluss. Wir haben keine neuen Verletzten, haben also mit Augenmaß gut trainiert. Aber es ist natürlich eine andere Form von Training, wenn man im gruppentaktischen Bereich nichts machen kann. Dass man kein bestimmtes Ziel vor Augen hat, an dem es wieder losgeht, ist für mich das größte Problem. Aber ich kann sagen: Wir wollen alle, dass es losgeht und dass die Spiele ausgetragen werden. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir da sein.

Wie bereiten Sie das Team auf eine Wiederaufnahme vor?

Neuhaus: Der Kopf ist das Wichtigste. Ich sehe uns da in einer guten Position. Wir haben eine richtig gute Saison gespielt. Schade, dass unterbrochen werden musste. Aber wir alle haben ein großes Ziel vor Augen, wir wollen mit voller Mentalität loslegen. Wir werden sehen, wie weit die anderen sind. Ein bisschen ist es ein Tappen im Dunkeln. Aber ich habe keine großen Sorgen.

Das Publikum wird Arminia nicht mehr helfen können in dieser Saison. Worauf wird es bei Geisterspielen ankommen?

Neuhaus: Der wichtigste Punkt ist, dass die Mannschaft auf dem Platz lebt und sich gegenseitig so viel unterstützt wie möglich. Es gibt in Spielen immer mal wieder Situationen, in denen das Publikum spürt, dass die Mannschaft Unterstützung braucht. Das müssen die Spieler dann selbst richten. Klar ist: Alles was auf uns zukommt, gilt für alle Mannschaften gleich. Welches Team mit den neuen Bedingungen am besten zurechtkommt, sich am wenigsten ablenken lässt und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, wird sich am Ende durchsetzen.

Wie werden sich Spiele ohne Zuschauer auf die Qualität der Spiele und auf die Kräfteverhältnisse der Teams auswirken?

Neuhaus: Da habe ich wenig Erfahrung. Mönchengladbach gegen Köln (Geisterspiel am 11. März, Anm. der Redaktion) war als Zuschauer schon komisch. Genauso komisch wird es auf dem Platz sein. Ob es die Qualität beeinträchtigt, weiß ich nicht.

Andere Klubs planen gezielte Aktionen, um in den Stadien wenigstens für ein bisschen Atmosphäre zu sorgen.

Neuhaus: Ich glaube, dass Pappkameraden auf der Tribüne (wie in Mönchengladbach geplant, Anm. der Redaktion) keine große Wirkung haben werden, ebenso wenig künstlicher Applaus. Das sind ja alles keine echten Emotionen und macht darum aus meiner Sicht auch keinen großen Sinn.

Welche Hoffnungen und Sorgen verbinden Sie mit einer Wiederaufnahme?

Neuhaus: Das ist jetzt die dritte Vorbereitung innerhalb einer Saison. Ich habe die Hoffnung, dass man sofort wieder in die Spur kommt – und die Sorge, dass es nicht sofort gelingt. Unser großer Vorteil ist das Selbstvertrauen. Das müssen wir wie vorher auf den Platz bringen. Jeder Spieler ist überzeugt, dass wir es können und dass es gelingen wird. Die Unterbrechung wird für uns kein Nachteil sein.

Die Handballer haben in Deutschland abgebrochen, in den Niederlanden wurde die Fußballsaison beendet. Fürchten Sie einen Imageschaden oder Akzeptanzprobleme für den Fußball bei einer Fortsetzung?

Neuhaus: Nein, überhaupt nicht. Ich bekomme die Diskussionen auch mit. So eine Situation hat die Welt noch nicht erlebt. DFL-Chef Christian Seifert hat es auf den Punkt gebracht: Wir können nicht sagen, was morgen oder in der nächsten Woche ist. 14 Tage sind auch der Zeitraum der Bundesregierung, um immer wieder neu zu bewerten und nächste Maßnahmen auszurufen. Fußball ist ein riesiger Wirtschaftszweig. Es ist aus meiner Sicht legitim, wie andere Konzerne und Firmen auch Konzepte zu entwickeln. Dass jedes Unternehmen das Bestreben hat, so früh wie möglich anzufangen, ist normal. Ich verschwende keine Gedanken an einen Imageschaden.

Die kritischen Stimmen werden aber lauter. Haben Sie dafür Verständnis?

Neuhaus: Es ist kein Freizeitsport, sondern ein Berufszweig, wo sehr viel Geld umgesetzt wird. Es fließen auch Milliarden an den Staat zurück. Diesen Wirtschaftszweig gilt es am Leben zu halten. Wir versuchen, nach dem was erlaubt ist, unseren Beruf weiter auszuüben. Fußball wird schon immer kontrovers diskutiert. Dass es um die Summen ging, die Profis verdienen, gab es vor 20 Jahren auch schon, nur in anderen Dimensionen.

Wie denken Sie über eine mögliche Maskenpflicht bei Fußballern?

Neuhaus: Maskenpflicht finde ich gut, wenn ich einkaufen gehe. Damit habe ich kein Problem. Beim Fußballspielen ist das keine Alternative.

Erwarten Sie gute Einschaltquoten, wenn der Ball wieder rollt?

Neuhaus: Ich erwarte nichts. Ich bin mir aber sicher, dass viele Leute die Spiele verfolgen werden. Wer sowas noch nicht gesehen hat, wird sich zwicken müssen. Es ist deutlich anders. Aber ich bin trotzdem relativ sicher, dass es eine hohe Nachfrage gibt.

Wie informieren Sie sich über die Corona-Krise?

Neuhaus: Das Informationsbedürfnis hat bei mir sehr abgenommen. Nicht dass es mich nicht interessiert oder dass ich denke, alles ist wieder gut. Aber es geht nicht, sich den ganzen Tag damit auseinanderzusetzen. Sehen Sie sich allein die Virologen an. Die haben ganz unterschiedliche Meinungen, was der eine behauptet wird vom anderen widerlegt. Man trägt ein komisches Gefühl in sich. Das kann schlimmstenfalls dazu führen, dass man irgendwann depressiv wird. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen und das mache ich auch. Ich bringe mich morgens und abends auf den aktuellen Stand. Aber ich nehme nicht alle zehn Minuten das Smartphone in die Hand um mich zu informieren. Da das Training inzwischen wieder läuft und teilweise sehr lang ist, bleibt dazu auch gar keine Zeit.

Was würde Ihnen der Aufstieg persönlich bedeuten?

Neuhaus: Etwas noch nie Erreichtes in meinem Leben. Und das ist eine ganze Menge. Es wäre die Bestätigung von vielen vielen Jahren Trainerarbeit. Ich war noch nie so nah dran. Ich bin mehrmals in die 2. Liga aufgestiegen. Ich würde mich schon sehr sehr freuen. Unter diesen Umständen, mit den ganzen Schwierigkeiten, wäre es der verdienteste Aufstieg, der überhaupt jemals stattgefunden hat von der 2. in die 1. Liga.

Wie würden Sie feiern?

Neuhaus: Ich würde alles ausschöpfen, was zu dem Zeitpunkt erlaubt ist. Vielleicht nur mit meiner Familie? Es weiß ja noch keiner, wie viele Leute man um sich scharen darf.

Haben Sie die Befürchtung, dass Arminia im Falle eines Abbruchs um eine einmalige Chance gebracht werden könnte?

Neuhaus: Das habe ich nicht festgestellt. Wir würden es alle wahnsinnig bedauern, das ist logisch. Wir könnten einen Aufstieg nicht richtig genießen, das ist schlimm genug. Wenn man sich die Szenen vorstellt auf den Rathäusern – so etwas muss man erlebt haben. Aber ich gehe davon aus, dass die Saison bei Abbruch so gewertet wird, dass wir aufsteigen. Man kann nicht so tun, als hätte die Saison nicht stattgefunden.

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