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Arminia-Geschäftsführer Rejek über die schwierige Saisonplanung, Gehaltsverzicht und die Außenseiterrolle

„Eine Mammutaufgabe“

Scheffau (WB). Nach mehr als einem Jahrzehnt Abstinenz darf der DSC Arminia Bielefeld wieder in der Bundesliga mitmischen – das allerdings unter erschwerten Coronabedingungen. Im Interview spricht Finanz-Geschäftsführer Markus Rejek über die Mammutaufgabe einer Saisonplanung, die mögliche Rückkehr von Zuschauern und Arminias sportliche Aussichten in der 1. Liga.

Dirk Schuster und Sebastian Bauer

Arminias Geschäftsführer Markus Rejek lässt sich seinen Optimismus auch in Pandemiezeiten nicht nehmen. Foto: Thomas F. Starke

Nach elf Jahren ist Arminia zurück in der Bundesliga – ausgerechnet zu Zeiten der Corona-Pandemie. Ist das Fluch oder Segen?

Rejek: Der Ostwestfale ist ja dafür bekannt, dass das Glas für ihn halbvoll ist. Für uns ist es natürlich halbvoll. Natürlich hätten wir uns alle gewünscht, den Aufstieg mit unseren Fans zu feiern und die ersten Spiele in einer vollen Schüco-Arena zu haben. Aber ich kann sagen, dass es für uns ein großes Glück ist, dass wir in diesem Jahr den Aufstieg geschafft haben. Wenn wir in der 2. Liga geblieben wären, hätte das unter den Eindrücken der Pandemie bedeutet, dass wir uns nach der gelungenen Sanierung neu verschuldet hätten – ohne eigenes Verschulden. Dieser Kelch geht an uns vorüber. Wir haben noch die Möglichkeit zu gestalten und stehen nicht mit dem Rücken zur Wand.

Wie bekommen Sie so eine Saison planerisch in den Griff?

Markus Rejek: Das ist sehr schwierig, sogar fast unmöglich. Wir waren froh, dass wir in den vergangenen Jahren immer eine Planung hatten und die auch aufgegangen ist. Jetzt ist es natürlich eine Riesenherausforderung. Es kommt nochmal eine Mammutaufgabe auf uns alle zu. Abseits von den rein planerischen und organisatorischen Themen, kommt noch die emotionale Komponente hinzu. Das habe ich im Urlaub gemerkt, dass das unglaublich Kraft kostet. Da muss man schauen, wie man in diesem Modus, jeder für sich selber, wie man da seine Akkus vollkriegt und sich nicht in einen Kreislauf begibt, wo man die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

Gleichwohl sind auch Erstligisten zum Sparen gezwungen. In der vergangenen Saison haben die Spieler bereits auf Gehalt verzichtet. Wie ist der aktuelle Stand? Und wie ist es bei der Neuverträgen, gibt es eine Pandemie-Klausel?

Rejek: Die haben wir bei Neuverträgen . Was das Thema Verzicht angeht, da sind die Spieler der erste Ansprechpartner. Das kann kommen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass durch die Pandemie viel weniger Geld in das System reingeht. Also muss jedem klar sein, dass es nur funktioniert, wenn alle das proportional mittragen. Wir rechnen gerade. Wir werden einen Kassensturz machen und dann schauen, wie wir die verschiedenen Maßnahmen treffen. Deshalb müssen wir sehen, dass wir mit unseren Möglichkeiten haushalten, um eine erneute Verschuldung verhindern zu können. Das bedeutet, dass Vorhaben in der Entwicklung von Arminia Bielefeld, etwa beim Thema Infrastruktur, jetzt erstmal geschoben werden müssen. Das bedeutet aber auch, dass wir nicht nur für die Saison, sondern auch über die Saison hinaus denken müssen. Denn die Schäden durch die Pandemie werden nachhaltig sein und die werden nicht am 30. Juni 2021 erledigt sein.

Werden sich die Spieler mit bestehenden Verträgen gesprächsbereit zeigen oder bleibt ihnen gar nichts anderes übrig?

Rejek: Das möchte ich gar nicht kommentieren. Das ist erstmal eine Thematik, die wir mit den Spielern besprechen würden. Ob wir es machen müssen, das werden wir sehen. Dann werden wir die Gespräche ganz in Ruhe führen. Die Spieler haben sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben als charaktervolle Einheit bewiesen.

Ein wichtiges Standbein bei der Finanzierung sind die Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Niemand weiß allerdings, wann wieder Zuschauer bei den Spielen sein können. Wie sehen da Ihre Planungen aus?

Rejek: Wir haben Dauerkarten verkauft. Darüber hinaus haben wir keine weiteren Ticketeinnahmen geplant. In der kaufmännischen Betrachtung haben wir den schlechtesten Fall kalkuliert. Am Ende natürlich auch so, dass jeder Fan, der Geld für seine Dauerkarte bezahlt hat, sein Geld zurückerhalten kann.

Wie ist der aktuelle Stand: Wann dürfen wieder Zuschauer in die Schüco-Arena? Und wenn ja, wieviele?

Rejek: Wir sind vorbereitet. Wir haben der Stadt Bielefeld, dem Gesundheitsamt und dem Ordnungsamt ein Konzept vorgestellt, ein Hygienekonzept, unter den Eindrücken der Pandemie, wie wir das Stadion mit Zuschauern bespielen können. Das Konzept wurde von den Behörden als sehr gelungen und sehr positiv bewertet. Man ist natürlich abhängig von den Entscheidungen des Landes Nordrhein-Westfalen und natürlich von der Bundesseite. Es gibt auch noch einmal Besprechungen auf Seiten der DFL, wie wir damit umgehen wollen. Es ist schwierig, dass jeder Standort für sich betrachtet werden muss, weil sich die Pandemie an jedem Standort anders entwickelt. Wir sind erstmal froh, dass das Konzept positiv bewertet wird. Und wenn die Entscheidungen von Seiten der Politik uns grünes Licht geben, sind wir sehr gut vorbereitet.

Wieviele Zuschauer sieht dieses Konzept im besten Fall vor?

Rejek: Im besten Fall bis zu 12.000 Zuschauer. Wir sind uns aber mit der Stadt einig, dass man sich dahin bewegen muss. Dass man sich langsam daran tastet und schaut, ob alles funktioniert. Deshalb könnte ich mir vorstellen, dass sobald grünes Licht von der Politik gegeben wird, man mit 3000 oder 4000 Zuschauern anfängt und sich dann langsam steigert.

Wie schwierig ist es, unter den gegebenen Bedingungen einer Pandemie, die Beziehung zu den Fans aufrecht zu erhalten?

Rejek: Wir müssen im Fußball aufpassen, dass das Problem mit der Entfremdung nicht noch größer wird. Die Fans kritisieren das seit Jahren, dass der Fußball immer kommerzieller wird. Wir müssen erst recht in der Pandemie aufpassen, dass die Bindung zum Fan nicht verloren geht. Die Überkommerzialisierung findet ihren Höhepunkt in der EM im nächsten Sommer und der Winter-WM im Dezember 2022 in Katar.

Arminia ist der kleinste Fisch im Haifischbecken Bundesliga. Welche Rolle trauen Sie Arminia zu?

Rejek: Eigentlich eine Rolle, die Spaß macht: Nämlich im Windschatten zu fahren. Theoretisch haben wir gar keine Chance, wenn es nur um die Konstellation nach Budgets für den Sport geht. Da sind wir weit, weit abgeschlagen. Der nächste, der dann kommt, ist Union Berlin. Und dann kommt erstmal gar nichts mehr und dann kommen die anderen Vereine. Unser Etat ist mit großem Abstand der kleinste. Es gilt der alte Grundsatz: Wir haben keine Chance, aber die wollen wir nutzen. Das ist eine Situation, die ist so. Die ist auch geschaffen, durch das System in der deutschen Fußballwelt. Das können wir so schnell nicht ändern, dass den Zweitligisten der Weg in die Bundesliga immer schwerer gemacht wird durch die Schere, die weiter auseinander geht. Der letzte Verein, der es geschafft hat, ist Augsburg. Aber wir finden die Situation gut, wir fühlen uns da pudelwohl. Wir können eigentlich nicht verlieren, wir können nur gewinnen.

Kann Arminia allein durch kluges Management dem FC Augsburg folgen und in dessen Fußstapfen treten?

Rejek: Aktuell halte ich das für schwierig, weil das System so weit geschritten ist und die Zahlen so weit auseinander liegen. Am Ende sind mehrere Faktoren wichtig. Man braucht ein gutes Management. Man braucht immer das Quäntchen Glück. Man braucht eine gute Konstellation. Man braucht eine gute Truppe. Wir hatten das alles im letzten Jahr. Wir versuchen diesen Geist, den wir hier schon letztes Jahr im Trainingslager in Scheffau hatten, wieder aufzutanken. Die Vorbereitung hier ist optimal. Alles andere als Platz 18 wäre eine Überraschung. Aber Arminia Bielefeld ist immer für eine Überraschung gut.

Trotz Corona: Wie groß ist Ihre Vorfreude wirklich auf die Bundesligasaison?

Rejek: Sehr. Ich habe mir im Urlaub viele Gedanken darüber gemacht. Ich habe mir gesagt, dass ich damit aufhöre, geistig irgendwem dafür an den Kragen zu gehen, dass es diese Pandemie gibt. Fußball ohne Fans ist kein Fußball. Aber unsere Aufgabe als Verantwortliche ist es, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Wir müssen auch die Zeit nach der Pandemie bedenken. Der Fußball muss überleben. Abgesehen davon ist die Freude bei uns sehr groß. Wir werden am ersten Bundesligawochenende in Frankfurt auflaufen. Das ist am Ende auch die Belohnung für den Weg.

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