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Aufstiegsfeier in der Innenstadt bringt Arminia und den Bürgermeister in Erklärungsnot

Im Kreuzfeuer der Kritik

Bielefeld (WB). Die Feier und ihre Folgen: Nachdem Mannschaft und Fans des DSC Arminia am Sonntag im Anschluss an den 3:0-Heimsieg über Heidenheim in der Bielefelder Innenstadt gemeinsam kräftig den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga gefeiert haben, hagelt es massive Kritik von allen Seiten. Betroffen davon ist auch der Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld, Pit Clausen (SPD).

Christian Althoff, Michael Schläger, Dirk Schuster, Heinz Stelte und Hendrik Uffmann

Sie waren viele und sie kamen sich nah: Arminias Fans umringen den Bulli, mit dem Kapitän Fabian Klos und Co. am Sonntag in die Innenstadt gefahren sind. Foto: Thomas F. Starke

„Corona-Zeit ist keine Party-Zeit“, hatte Clausen im Vorfeld begründet, warum die Stadt keine offizielle Aufstiegsfeier im gewohnten Sinne, bei der sich die Arminen auf dem Rathausbalkon von der Menge bejubeln lassen, erlauben könne und zudem betont: „Das kann ich nicht zulassen, und das werde ich nicht zulassen. Rheda-Wiedenbrück lässt grüßen, das bebt bis Bielefeld hinein.“ Gemeint waren die massenhaften positiven Corona-Tests beim Fleischfabrikanten Tönnies.

Doch dann kam alles ganz anders. Spieler des DSC hatten nach der Partie am Sonntag auf dem Weg zu ihrer eigentlich Feier-Lokalität „Kocherei“ per Pkw und Bulli einen Abstecher ins Stadtzentrum unternommen.

„Das war nicht mal amateurhaft“

Dr. Udo Witthaus, Leiter des städtischen Krisenstabs, zeigte sich empört. „Im Vorfeld hat es konkrete Absprachen mit Arminia gegeben. Es war nicht erwartbar, dass die Spieler mit der Meisterschale durch die Stadt fahren“, kritisierte Witthaus. Die Mannschaft habe sich „bis zum letzten Moment der Saison absolut professionell verhalten. Im Anschluss hat sie sich aber nicht mehr an die Absprachen gehalten. Was da passiert ist, geht einfach nicht. Das war nicht mal amateurhaft. Damit würde man Amateuren Unrecht tun.“ Witthaus führte aus, er habe „den Geschäftsführer des SC Verl gebeten, an die Fans dort zu appellieren, am Dienstag nicht nach Bielefeld zu kommen. So etwas darf sich nicht wiederholen.”

Der SC Verl empfängt an diesem Dienstag um 16 Uhr zum Rückspiel um den Aufstieg in die 3. Liga Lok Leipzig in der Schüco-Arena. Zu einem Problem könnten dabei allerdings wohl eher die Anhänger aus Leipzig werden.

Doch während aus Leipzig „nur“ 300 Fans erwartet werden, waren es am Sonntag mehrere tausend, die mit den Arminen zunächst am Stadion und später in der Innenstadt feierten. Offiziell wählte die Bielefelder Polizei am Montag andere Worte, aber im Gespräch mit dieser Zeitung sagten Einsatzkräfte, sie fühlten sich von Arminia und der Stadtspitze „verarscht”.

„Die Menge aufgepeitscht“

Um aus Coronaschutzgründen Menschenmassen vor dem Stadion entgegenzuwirken, sei mit dem DSC verabredet gewesen, dass sich die Spieler nach dem Abpfiff nicht am Stadiontor zeigen sollten, sagte ein Polizist. Tatsächlich aber hätten die Spieler am Eingang auf einem Tribünenbalkon gestanden „und die Menge aufgepeitscht”.

Die Zahl der Fans vor dem Stadion schätzte die Polizei auf 3000. Polizeisprecherin Sonja Rehmert erklärte, man habe mit Unterstützung von Einsatzhundertschaften verhindern können, dass die Spieler das Stadion durch die Menschenmenge verlassen hätten. Eher zufällig soll dann ein Polizist mitbekommen haben, wie Spieler vereinbarten, das Rathaus am Niederwall anzusteuern. Als Polizisten deshalb die Straße sperren wollten, sollen die ersten Spieler aber bereits dort gewesen sein. Die Polizei schätzte die Zahl der Fans auf 1200. Die feiernde Menge soll sich hochgeschaukelt haben, und dann kamen noch Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) und Arminia-Präsident Hans-Jürgen Laufer dazu und posierten für Selfies.

Clausen hatte bereits eine Woche zuvor erklärt, bei Aufstiegsfeiern werde es bei Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung keine Bußgelder geben. Das werteten leitende Polizeibeamte als Einladung an die Anhänger.

Polizisten wiesen die Spieler auf dem Niederwall an, zum „Lenkwerk“ zu fahren, doch sollen einige unterwegs gestoppt und aus den Autos heraus Fans zu sich herangewunken haben. Ein Beamter: „Dass das alles ohne Wissen des Vereins passiert sein soll, glaube ich nicht. Der schwarze Buli, mit dem Fabian Klos auf dem Niederwall war, soll ein Dienstwagen von Arminia gewesen sein. Und woher hatte Klos das Megafon?” Das ist nur eine von vielen Fragen, auf die der DSC am Montag keine Antwort geben wollte.

Ist der Abstecher in die Innenstadt von der Klubführung genehmigt worden, oder haben die Spieler das allein entschieden? Werden die Profis bestraft? Rechnet der Verein mit Sanktionen seitens der Deutschen Fußball Liga (DFL)?

Arminia bleibt Antwort schuldig

Arminia blieb auf alles eine Antwort schuldig. „Der DSC Arminia Bielefeld wird kein Statement dazu abgeben“, war alles, was Klubsprecher Daniel Mucha im Namen der Klubführung – Präsident Hans-Jürgen Laufer, Finanz-Geschäftsführer Markus Rejek und Sport-Geschäftsführer Samir Arabi – offiziell zum Thema äußerte.

Und auch die DFL, deren Boss Christian Seifert im Stadion war, ließ eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung unbeantwortet.

Union Berlin zur Kasse gebeten

Nachdem unlängst bereits der 1. FC Union Berlin und einige Profis des Köpenicker Erstligisten nach den Feierlichkeiten rund um den Ligaerhalt aufgrund von Hygiene-Verstößen zur Kasse gebeten worden waren , wäre es kaum zu erklären, sollten die Bielefelder ungeschoren davonkommen. Genau wie bei den Unionern sind die Feierlichkeiten zwischen Fans und Spielern in Videos und auf Fotos unter anderem in den Sozialen Netzwerken deutlich erkennbar.

Die der Polizei zufolge tausendfachen Verstöße am Sonntag gegen die Coronaschutzverordnung konnten die Beamten in Bielefeld nicht verfolgen. Zwar hätte sie auf Einsatzhundertschaften zurückgreifen können, die wegen des Corona-Ausbruchs im Nachbarkreis Gütersloh auf Abruf bereitstanden, doch wäre ein Einschreiten gegen tausende friedlich feiernde Fans wegen einer Ordnungswidrigkeit nicht verhältnismäßig gewesen. „Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung wurden deshalb nicht geahndet”, sagte Polizeisprecherin Rehmert. Insgesamt erstattete die Polizei in drei Fällen Strafanzeigen wegen Beleidigungen gegen Polizeibeamte und in zwei Fällen wegen des Abbrennens von Pyrotechnik.

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