Samir Arabi (Arminia) und Steffen Baumgart (SC Paderborn) kommentieren das EM-Geschehen

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Bielefeld/Paderborn

Pünktlich zum Anpfiff der Fußball-Europameisterschaft hat sich das WESTFALEN-BLATT Unterstützung gesichert. Samir Arabi (42), Sport-Geschäftsführer des Bundesligisten Arminia Bielefeld, und Steffen Baumgart (49), noch Trainer des Zweitligisten SC Paderborn, künftig Coach des 1. FC Köln, werden in den kommenden Wochen in loser Folge das Turniergeschehen kommentieren.

WB

Samir Arabi (Arminia, links) und Steffen Baumgart (SC Paderborn) kommentieren für das WESTFALEN-BLATT das EM-Geschehen. Foto: Thomas F. Starke/Oliver Schwabe

Heute stellen beide ihre Favoriten vor und sagen, was sie von der deutschen Mannschaft erwarten. Das sagt Samir Arabi vor dem Turnierauftakt:

Ich muss sagen, dass ich die Idee einer über den ganzen Kontinent verteilten EM, bei der die Einigkeit Europas im Vordergrund steht, zunächst ganz charmant fand. Damals konnte man von einer Pandemie ja noch nichts ahnen. Inzwischen geht es aber vor allem darum, nun im Rahmen von Corona das Beste aus diesem Turnier zu machen.

Dass mittlerweile 24 Teams teilnehmen, führt aus meiner Sicht leider zu einer Verwässerung. Dass nach der Vorrunde insgesamt nur acht Mannschaften auf der Strecke bleiben, macht es für die größeren Nationen schwierig bis nahezu unmöglich, schon in der Gruppenphase auszuscheiden.

Andererseits bietet dieser Modus Außenseitern wie Nordmazedonien oder Finnland die vielleicht einmalige Chance, bei so einem Turnier in die K.o.-Runde einzuziehen. Dass einem der Außenseiter so wie 2004 den Griechen am Ende womöglich sogar der ganz große Wurf gelingen könnte, halte ich aber für ausgeschlossen.

Frankreich ist ohne Wenn und Aber der Favorit. Wenn sie es schaffen, sich über ihre enorme individuelle Klasse hinaus als Einheit zu präsentieren, sind die Franzosen der uneingeschränkte Topfavorit.

Samir Arabi, Sport-Geschäftsführer von Arminia Bielefeld

Wenn der Weltmeister allerdings Angriffsfläche bietet, könnte Belgien davon profitieren. Die Belgier haben ebenfalls ein hoch talentiertes Team und zudem in dem Spanier Roberto Martinez einen Trainer, der aus der Distanz betrachtet einen top Job macht. Zudem kenne ich Leute aus seinem Umfeld, auf deren Urteil ich vertraue und die eine sehr hohe Meinung von ihm haben.

Was die deutsche Mannschaft angeht: Die U21 hat es dem A-Team vorgemacht. Das ist der Geist, den es braucht, um bei so einem Turnier erfolgreich zu sein. Zudem wissen alle um die Situation von Joachim Löw. Es könnte die Spieler zusätzlich motivieren, mit ihrem Trainer einen guten Abschluss zu feiern. Die Mannschaft kann weit kommen. Dass sie den Titel holt, glaube ich allerdings nicht.

Dass Löw Thomas Müller und Mats Hummels zurückgeholt hat, finde ich gut. Und es ist aus meiner Sicht auch absolut kein Zeichen von Schwäche. Es geht am Ende immer nur um die Sache. Insbesondere Müller sorgt dabei für einen absoluten Mehrwert.

Dass wir von Arminia Bielefeld in Stefan Ortega Moreno zudem einen EM-Teilnehmer auf Abruf stellen, ist eine Auszeichnung für ihn, aber auch für alle anderen im Klub. Vor allem für Torwarttrainer Marco Kostmann, der ihn auf dieses Niveau gehievt hat. Mit einer tollen Saison hat sich Stefan diese Rolle als deutsche Nummer vier ganz einfach verdient.

Samir Arabi ist Sport-Geschäftsführer beim Bundesligisten Arminia Bielefeld. Aktuell ist der 42-Jährige damit beschäftigt, den Kader für die kommende Saison zusammenzustellen. Er findet aber auch noch Zeit, um für das WESTFALEN-BLATT als EM-Experte zu schreiben. Foto: Thomas F. Starke

Steffen Baumgart tippt auf England

Weltmeister Frankreich, Titelverteidiger Portugal, Spanien, Italien, Deutschland und vielleicht auch noch Belgien – die Liste der EM-Favoriten ist lang, mein Tipp heißt England. Ich finde Gareth Southgate hat eine junge und dynamische Mannschaft geformt, die auch noch durch erfahrene Spieler ergänzt wird.

Seit der WM 1966 laufen die „Three Lions“ allerdings einem Titel hinterher und haben in den vergangenen Jahrzehnten nie gezeigt, dass sie eine Turniermannschaft sind. Wenn nur das zählt, kommt keiner an Deutschland vorbei. Die WM 2018 war aus deutscher Sicht zwar ein Desaster, aber keine andere Nationalmannschaft hat in den Jahrzehnten zuvor so oft in den Titelkampf eingegriffen. Und da hatten wir auch nicht immer die besten Einzelspieler.

Mentalität schlägt Qualität – dieser Spruch klingt zwar abgedroschen, für mich sind die Rückkehrer Thomas Müller und Mats Hummels aber ganz wichtige Faktoren. Beide haben nicht nur eine starke Saison gespielt, sie können auch ein Team führen und der Mannschaft Sicherheit geben. Ihre Ausbootung nach der WM habe ich sowieso nie verstanden. Das hätte man mit einer ergebnisoffenen Pause für sechs oder auch zwölf Monate eleganter lösen können. Ihr Comeback ist deshalb richtig – mal abgesehen davon, dass es bei einem Turnier nur um das Ergebnis geht. Ein Wettkampf ist kein Ort für einen Neuanfang.

Steffen Baumgart, scheidender Trainer des SC Paderborn

Nicht verstehen kann ich den Verzicht von Marco Reus. Der Junge ist in überragender Form, diese EM ist für ihn mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die letzte Chance, einen großen Titel zu gewinnen – und er macht lieber Urlaub. Diese Entscheidung finde ich sehr speziell. Ein gutes Gegenbeispiel ist Toni Kroos. Der Junge hat schon alles gewonnen und kämpft nach seiner Corona-Infektion darum, rechtzeitig fit zu werden. Mich hätte man zu meiner aktiven Zeit im Rollstuhl zum Turnier fahren können, so heiß wäre ich gewesen. Aber leider reichte die Qualität nicht.

Wie weit es für das deutsche Team geht, ist schwer zu sagen. Mit den Gruppenspielen gegen Frankreich und Portugal geht es auf jeden Fall gleich in die Vollen. Hier vertraue ich besonders der Bayern-Achse mit Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Thomas Müller. Das sind nicht nur überragende Einzelspieler sondern auch Typen, die eine Mannschaft auch zu einer Einheit zusammenführen können. Gelingt das, wird es ein gutes Turnier und führt das Team vielleicht sogar wieder bis zum Finale ins Wembley-Stadion. Wie schon bei der EM 1996. Dann aber gegen England. Wie bei der WM 1966. Das wäre mein Traum-Endspiel.

Steffen Baumgart ist seit dem 16. April 2017 Trainer des SC Paderborn 07. Als Coach führte er den SCP von der 3. Liga bis in die Bundesliga. In der kommenden Saison trainiert Baumgart den 1. FC Köln, zuvor schreibt er noch für das WESTFALEN-BLATT als EM-Experte. Foto: Oliver Schwabe
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