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Arminia Bielefelds kaufmännischer Geschäftsführer Markus Rejek über Millioneneinbußen beim DSC und wie sich das Fußballbusiness verändern muss

„Wir werden uns von Corona nicht aufhalten lassen“

Bielefeld (WB)

Die Corona-Pandemie hat das Leben der Menschen verändert. Auch der Profifußball hat die Auswirkungen deutlich zu spüren bekommen. Markus Rejek (52), kaufmännischer Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Arminia Bielefeld, spricht über die finanziellen Folgen der Pandemie für den DSC, kranke Elemente im System Fußball und seine Freude am Fliegen.

Oliver Horst

Markus Rejek führt die Finanzgeschäfte bei Arminia. Der 52-Jährige, der vorher bei 1860 München und Borussia Dortmund arbeitete, ist seit 2017 im Amt. Foto: Thomas F. Starke

Bei unserem Interview im Herbst 2019 hatten Sie den damaligen Zweitligisten Arminia als ein Flugzeug auf der Startbahn bezeichnet, an dem noch etwas repariert und das vollgetankt werden müsse. Wo befindet sich das Flugzeug jetzt?

Markus Rejek: Wir haben die Reparaturarbeiten größtenteils erledigen können und sind in der Luft. Aufgrund der Pandemie sind wir derzeit leider im Blindflug, das ist unser Problem.

Und wo landet Arminia am Ende der Saison?

Rejek: Wenn man einmal hoch geflogen ist, will man weiterfliegen und dieses Glücksgefühl weiterhin erleben. Wir wollen unseren Fans, Partnern und allen Freunden der Arminia zwar gerne auch in der kommenden Saison Bundesligafußball anbieten, aber die Entwicklung von Arminia Bielefeld ist ligaunabhängig. Arminia wird aus wirtschaftlicher Sicht nicht in sich zerbrechen oder, um im Bild zu bleiben, in einen Sturzflug geraten, wenn wir die Klasse nicht halten sollten.

Am Saisonende laufen 14 Verträge aus, darunter die solch prominenter Spieler wie Klos, Voglsammer und Prietl. Wann nimmt Arminia die Gespräche auf?

Rejek: Bei dieser Frage bin ich der falsche Ansprechpartner, ich gebe nur den Rahmen vor. Das ist in der Hauptsache die Angelegenheit von unserem Sport-Geschäftsführer Samir Arabi. Die Entscheidungen, ob wir Spieler verpflichten oder ob wir einen Vertrag verlängern, werden immer in einer Dreistimmigkeit getroffen: Geschäftsführer, Scouting­abteilung, Trainer. Eine 2:1-Abstimmung reicht schon nicht und das werden wir auch künftig so beibehalten. Das ist unsere Philosophie und sie ist auch Teil unserer Erfolgs-DNA geworden.

Warum werden die Vertragsgespräche diesmal später aufgenommen als üblich?

Rejek: Das ist der aktuell herausfordernden Situation geschuldet. Die Pandemie macht eine unternehmerische Planung schwer und auch darüber hinaus gibt es aktuell einfach zu viele offene Fragen: Schaffen wir den Klassenerhalt und spielen auch kommende Saison in der Bundesliga? Welche Erlöse erzielen wir schlussendlich? Wie viele davon müssen wir gegebenenfalls zurückführen, weil wir gezwungen sind, die Spiele ohne Zuschauer auszutragen? Kann man in der nächsten Saison mit Zuschauern planen? Schon jetzt ist klar: Die TV-Gelder, die wir künftig einnehmen, liegen 20 Prozent unter dem jetzigen Niveau. Planungssicherheit über die genaue Höhe haben wir erst, wenn feststeht wer aufsteigt, wer absteigt und wo wir spielen werden. Ein Platz in der TV-Tabelle macht in der Bundesliga einen Unterschied von knapp 1,5 Millionen Euro. Das heißt im optimalen Fall würden wir aus TV-Erlösen die Summe generieren, die uns dieses Jahr zur Verfügung steht. Unsere Planung berücksichtigt aber immer den schlechteren Fall. Wir haben schlichtweg zu viele Unwägbarkeiten in der Planung und müssen zu viel Risiko vermeiden.

Wo steht Arminia wirtschaftlich?

Rejek: Wir haben das große Glück, in dieser herausfordernden Zeit den Aufstieg in die Bundesliga geschafft zu haben. Ein Verbleib in der 2. Bundesliga hätte noch viel größere finanzielle Lücken gerissen, die zwei Jahre nach der Sanierung einen sehr großen Rückschlag bedeutet hätten. Für die laufende Bundesliga-Saison haben wir den Gesamtumsatz ohne Corona bei 60 Millionen Euro geplant. Im Sommer waren wir bei konservativer Planung mit Corona bei 48 Millionen, jetzt kann es sein, dass wir bei 42 oder 41 Millionen landen. Wenn das der Fall sein sollte, dann kriegen wir das so schnell nicht aufgefangen. Wir haben dann wieder ein Problem, das wir über Jahre mit uns herumschleppen werden. Es gilt aufzupassen, dass wir nicht wieder mit diesem Schneeballsystem anfangen und Gelder der Zukunft in der Gegenwart verbrennen und dass wir alles auf die nächsten Jahre schieben. Das darf nicht passieren.

Wie groß ist das Loch, das die fehlenden Zuschauer in die Planungen reißen?

Rejek: Wir hatten für eine normale Saison mit sieben bis acht Millionen Euro Einnahmen geplant, was ein fast immer ausverkauftes Stadion bedeutet hätte. Aus dem Dauerkartenverkauf haben wir 2,5 Millionen eingenommen. Dass es so hart kommt und mit Ausnahme der Partie gegen Köln alle Spiele wohl ohne Publikum stattfinden, hatten wir so nicht erwartet. Wir haben anfänglich mit 50 Prozent Einnahmen aus dem Ticketing geplant, im Herbst dann auf 30 Prozent reduziert. Wir gehen aktuell davon aus, dass wir bis zum Saisonende gar keine Zuschauer haben werden. Die Frage ist darum: Wie gehen wir damit um, wenn wir alle Erlöse aus Dauerkarten zurückführen müssten? Und wenn wir zudem an all diejenigen Sponsoren komplett zurückzahlen müssten, die sogenannte Hospitality-, sprich Gastronomieplätze bezahlt haben? Diese Leistungen können wir momentan einfach nicht anbieten. Wir befinden uns in einem engen Dialog mit den entsprechenden Unternehmen und klopfen ab, ob wir alternative Maßnahmen finden können mit dem Ziel, dass diese Unternehmen auf einer partnerschaftlichen Ebene einen Mehrwert erfahren und wir trotzdem weiter mit deren Geldern planen können. Wenn wir beide Gruppen zu 100 Prozent bedienen müssten, was wir von unseren Grundsätzen her sehr gern tun würden, dann würden uns sechs Millionen Euro fehlen. Unsere Ambition ist es jedoch, Arminia vor einer Neuverschuldung zu bewahren. Das liegt leider nicht mehr komplett in unserer Hand.

Wie verfahren Sie mit den Dauerkartenbesitzern? Reden Sie mit denen und bekommen alle ihr Geld zurück?

Rejek: Wir können schwer mit all diesen 9500 Menschen Gespräche führen. Wir sind dabei etwas auszuarbeiten, um zeitnah an alle Dauerkarteninhaber heranzutreten, um ihnen alternative Leistungen anzubieten. Wir haben auch hier Verständnis für alle die, die sagen: Ich möchte mein Geld zurück. Trotzdem hoffen wir, dass der eine oder andere sagt: Das finde ich eine gute Sache, darauf können wir uns einigen. Mit einigen Fans führen wir Vorgespräche, um uns ein Stimmungsbild einzuholen. Im nächsten Schritt werden wir dann alle Dauerkarteninhaber informieren.

Sport-Geschäftsführer Samir Arabi hatte vor einiger Zeit erklärt, Arminia erziele in der laufenden Erstligasaison weniger Umsätze mit Fanartikeln als in der vergangenen Zweitligasaison. Können Sie das bitte einmal beziffern?

Rejek: Letztes Jahr haben wir allein im Fanartikelverkauf rund 2,2 Millionen Euro umgesetzt. Das war für Arminia ein Rekordergebnis. Ziel ist es, das in diesem Jahr mindestens auch zu schaffen. Wir sind auf einem guten Weg und Auftritte wie unlängst in München helfen, die Menschen zu begeistern. Wir spüren seit dem Lockdown vom 16. Dezember allerdings einen harten Knick. Unsere Aufgabe ist es, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Pro Spieltag fehlen uns circa 30.000 Euro durch Verkäufe im Fanladen. Dieser Verlust über 17 Heimspiele lässt sich mit dem Onlinegeschäft leider nicht kompensieren. Hinzu kommt die nicht gegessene Stadionwurst, das nicht getrunkene Bier – es fehlt an allen Ecken und Enden. Es kommt uns gerade sehr zugute, dass wir im Sommer sehr konservativ geplant haben und wir zunächst von einem 26-Millionen-Euro-Etat für den Lizenzspielerkader ausgegangen waren, diesen dann aber auf 22 Millionen reduziert haben.

Der Profifußball steht in der Pandemie besonders unter dem Brennglas und wird von vielen stark kritisiert. Experten sprechen von einem Entfremdungsprozess, der bei Anhängern einsetzt. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Rejek: Die erste Aufgabe wird sein, dass wir in der DFL erkennen, was wirklich die Probleme sind. Wir als Arminia Bielefeld vertreten sehr stark die Haltung, dass wir eine Überkommerzialisierung nicht gutheißen. Für uns ist Fußball ein Stück Kulturgut, das vor allem durch die Menschen im Stadion lebt. Wir üben einen Beruf aus für die Menschen und sollten einen sensiblen Dialog führen. Wir haben uns in den letzten Jahren in der Tat entfernt von Werten, die wichtig sind. Die Pandemiesituation gibt uns nun auch die Chance zu reflektieren. Ich bin überzeugt, dass die Situation dabei hilft, vieles zu entblättern und zu entkernen. Auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig, welche Haltung die Fans haben. Ich finde es wichtig, bei allen berechtigten kritischen Debatten zu hinterfragen: Sind das populistische Diskussionen? Habe ich die Haltung nur, weil einer neben mir steht und schreit? Ich halte es für unentbehrlich, dass die Fans sich einbringen und mitgestalten. Um den Kontakt zu unseren Fans aufrecht zu erhalten, ist unser Fanbeirat für uns der erste Ansprechpartner, mit dem wir in einem kontinuierlichen Austausch stehen.

Erwarten Sie, dass ab dem Moment, in dem wieder Zuschauer in den Stadien zugelassen sein werden, alles schnell so sein wird wie vor der Pandemie?

Rejek: Ich denke, wir sollten uns auf eine Normalität mit Corona einstellen, denn ich glaube nicht, dass es einen Punkt geben wird, an dem es Corona nicht mehr gibt. Ich bin nicht davon überzeugt, dass es ein Knopfdruck-Verhalten geben, sondern dass man sich erst wieder an den Fußball herantasten wird. Aber ich bin genauso davon überzeugt, dass wir Emotionen und Nähe zu anderen Menschen brauchen. Das ist das verbindende Element, das der Fußball bietet. Wir lechzen alle danach, uns in den Stadien in den Armen zu liegen und ein Tor zu feiern oder uns auch zu ärgern, zu diskutieren. Ich erwarte, dass es sich am Anfang – wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – erstmal komisch anfühlen wird. Viel, viel wichtiger ist jedoch erstmal, dass hoffentlich bald die Schulen wieder komplett öffnen, dass Familien entlastet werden, dass Handel und Gastronomie besucht werden können, dass eine Normalität zurückkehrt. Wenn all das soweit ist, dann kann auch der Fußball dran sein, wieder seine Stadiontore zu öffnen.

Für wann erwarten Sie die Rückkehr der Fans in die Stadien?

Rejek: Ich gehe schon davon aus, dass sich die Situation ab Sommer entspannen wird und dass wir eine ganz andere Saison 2021/22 erleben werden. Ob von Anfang an mit hundertprozentiger Auslastung, kann ich nicht sagen. Aber dass wir Schritt für Schritt wieder eine neue Normalität erleben, davon gehe ich aus.

Werden die Fans mit einer Erhöhung der Eintrittspreise im Vergleich zur vorherigen Saison in der entsprechenden Liga rechnen müssen?

Rejek: Wir werden nicht die Philosophie verfolgen, dass wir den Flurschaden, den die Pandemie verursacht hat, vom Fan und Mitglied begleichen lassen wollen. Unsere Aufgabe ist es, auch künftig ein gesundes Verhältnis zwischen Aufwänden und Erlösen zu schaffen.

Das heißt: Wenn es überhaupt eine Anhebung gibt, dann nur moderat?

Rejek: So ist es.

Ist die Konsequenz dann, Spielergehälter und Beraterhonorare zu reduzieren, um den Folgen der Corona-Krise Herr zu werden?

Rejek: Absolut, ja. Wir haben die Verträge unserer im Sommer und Winter verpflichteten Spieler ja bereits dahingehend angepasst. Die Profigehälter sind der größte Aufwandsposten. Also bieten diese neben etwaigen Transferausgaben auch das größte Einsparpotenzial. Spieler und Spielerberater sollten sich darauf einstellen, dass das Niveau sinken und das System wieder auf ein Level der Vorjahre fallen wird. Anders geht es auch gar nicht, weil die anderen Aufwände gar nicht so stark zu reduzieren sind.

Wie lautet Ihr Standpunkt in der Debatte um eine Impfbevorzugung von Profisportlern?

Rejek: Meine Antwort darauf ist ein deutliches Nein. Das könnte bei Arminia niemand ernsthaft mit seinem Gewissen vereinbaren. Wir sollten demütig sein und uns freuen, dass wir unseren Beruf ausüben dürfen. Die Impfungen sollen in erster Linie für die Risikogruppen sein und für diejenigen, die im sozialen und systemrelevanten Sektor tätig sind, oder auch für Lehrer. Fußballprofis sind in der Regel kerngesund und wohlbehütet – da braucht es keine Bevorzugung.

Erwarten Sie, dass die EM im Sommer so wie geplant in zwölf Ländern durchgeführt werden kann?

Rejek: Das kann und möchte ich mir nicht vorstellen, das fände ich irrwitzig. Dass die EM stattfindet, kann ich mir schon vorstellen.

Bevor im Dezember die Neuverteilung der TV-Gelder beschlossen wurde, hatten Arminia und einige andere Klubs ein Positionspapier verfasst, das ein aus ihrer Sicht gerechteres System zum Ziel hatte. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge war darüber alles andere als begeistert. Hat es seitdem eine Aussprache gegeben?

Rejek: Eine Aussprache hat es nicht gegeben. Unsere Diskussionskultur innerhalb des Ligaverbandes sollten wir alle kritisch hinterfragen. Ich halte es für ganz natürlich, dass man nicht immer einer Meinung sein kann. Was ich aber noch mal sagen kann ist: Die Motivation der Klubs, die das Papier entworfen haben – und das hat vielleicht überrascht weil es neu war und das hat vielleicht auch Karl-Heinz Rummenigge nicht richtig bewertet – war nicht ein Eigeninteresse. Die Vereine haben sich lediglich Gedanken gemacht über das System Fußball, und dass dieses System kranke Elemente hat. Wir waren nicht so vermessen zu sagen: Wir haben Antworten, wir haben Lösungen. Aber wir wollten eine Diskussion anstoßen. Wir hatten nicht den Anspruch, mit einer Regelung über die Vergabe der TV-Erlöse den Fußball zu heilen. Das kann man gar nicht. Der Fußball hat sich nicht von jetzt auf gleich, sondern in den letzten 15, 20 Jahren so entwickelt, wie er sich heute darstellt. Wir sind nicht so naiv zu glauben, dass man das mit einem Mal korrigieren kann. Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass der erste Impuls ist, von dem was man hat ungern etwas abzugeben. Aber der zweite Impuls könnte doch sein, über den Tellerrand hinauszudenken. Und ich habe auch die Hoffnung, dass das passiert, weil es passieren muss, wenn wir den Fußball attraktiver, zukunftsfähiger und nachhaltiger gestalten wollen. Und auch aufgrund der Veränderungen, die es zeitnah in der DFL geben wird (Geschäftsführer Christian Seifert scheidet 2022 aus; die Redaktion), bin ich überzeugt, dass neue Diskussionen geführt werden müssen und können.

Herr Rejek, wo steht Arminia im Jahr 2025?

Rejek: In welcher Liga kann ich nicht sagen. Aber ganz sicher immer noch im Westen von Bielefeld mit einem Stadion nach englischem Vorbild. Immer noch als Verein, der Haltung zeigt und vor allem immer noch als Verein, der für seine und mit seinen Fans lebt. Wir werden uns beim Bestreben und in der Verantwortung, diesen Verein zukunftsfähig aufzustellen, auch von Corona nicht aufhalten lassen.

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