1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Freizeit
  4. >
  5. Bauen Wohnen
  6. >
  7. Gutachter: Viele Familien verlassen die Städte

  8. >

Wohnungen teuer und zu klein

Gutachter: Viele Familien verlassen die Städte

Berlin (dpa)

In Scharen sind jahrelang junge Menschen in die großen Städte gezogen. Nun haben sie Kinder und stellen laut Experten fest: Sie finden keine passende Wohnung. Vielen bleibe nur ein Ausweg.

Von Burkhard Fraune, dpa

Hohe Mieten und zu kleine Wohnungen: Viele Familien verlassen die Großstädte und ziehen aufs Land. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Zwei Zimmer, Küche, Bad, mit Nachwuchs und demHomeoffice auf dem Küchentisch - das Zuwenig an Quadratmetern in denGroßstädten wird vielen jungen Familien nach Expertenangaben zu viel.Sie kündigen ihre engen Wohnungen und ziehen in die Vororte oder aufsLand.

«Die Familien verlassen mit wehenden Fahnen diese Städte»,sagte Mitautor Harald Simons am Dienstag bei der Vorstellung einesMarktgutachtens des Zentralen Immobilien-Ausschusses (ZIA). In dengrößten Städten würden heute vor allem «kleine Schuhschachteln»gebaut, kaum noch bezahlbare große Familienwohnungen.

Die Mieten steigen nach dem Gutachten weiter. Im Schnitt verlangtenVermieter bei Neuverträgen 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. InLandkreisen sei der Anstieg inzwischen stärker als in denGroßstädten. «Der Trend zur "neuen Landlust" hat sich bestätigt»,heißt es im Gutachten.

Immobilienpreise legen weiter zu

Deutlich stärker als die Mieten legten bundesweit die Preise zu.Eigentumswohnungen wurden 14,3 Prozent teurer angeboten als ein Jahrzuvor. «Die nochmaligen Anstiege und das enorme Niveau der Kaufpreisesind sowohl überraschend als auch durchaus beängstigend», so dieGutachter.

Zuletzt hatte es Warnungen vor spekulativen Übertreibungen inbestimmten Städten gegeben. Ob es eine Immobilienblase gebe und wannsie platze, dazu wollte sich Mitautor Lars Feld nicht festlegen. DerÖkonom sagte: «Wenn die Zinsen nach oben gehen, wird es eineKorrektur geben.»

Damit die Mieten und Kaufpreise nicht mehr so stark steigen, sollennach dem Willen der Bundesregierung bundesweit 400.000 neue Wohnungenpro Jahr entstehen. «Wir wollen sie erreichen, wir müssen sieerreichen», bekräftigte Baustaatssekretär Sören Bartol (SPD) dasZiel. Er wolle das Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen mit Bund,Ländern, Kommunen, Wohnungs- und Bauwirtschaft, Mieterbund,Gewerkschaften stärker mit Leben erfüllen.

Lange Bauzeiten und weniger Planungssicherheit

Nach dem Gutachten dürften 2021 etwa 315.000 Wohnungen fertiggestellt worden sein, rund 9000 mehr als im Vorjahr. Wegen der langenBauzeiten könnten 400.000 erst in der nächsten Wahlperiode nach 2025erreicht werden, sagte Simons. ZIA-Präsident Andreas Mattner siehtdas Ziel in weite Ferne gerückt. Er führte das auf den Stopp einesFörderprogramms für Gebäudesanierung im Januar zurück.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte bisherigeKfW-Programme wegen der hohen Nachfrage überraschend gestoppt.Gestellte Anträge sollten nicht mehr bewilligt werden. Schließlichhieß es, dass vor dem 24. Januar eingegangene Anträge doch nach denbisher geltenden Kriterien bearbeitet werden, neue Anträge aber nichtmehr möglich seien.

Wohnungsunternehmen fordern inzwischen Schadenersatz. Durch das Hinund Her sei bei den Mitgliedern des Verbandes NorddeutscherWohnungsunternehmen der Bau von mehr 2000 bezahlbarenWohnungen bedroht, sagte ein Sprecher am Montag. Die Unternehmenhätten rund 52 Millionen Euro an Förderzuschüssen verloren, diefür weit fortgeschrittene Projekte eingeplant gewesen seien. DerVerband habe den Firmen Schadensersatzklagen nahegelegt. Ähnlichäußerten sich der bayerische Wohnungswirtschaftsverband VdW und derBundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW).

Der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW)nannte am Wochenende die Zahl von fast 150.000 Wohnungen, die alleinbei den sozial orientierten Wohnungsunternehmen nicht wie geplantgebaut werden können. Der Immobilienexperte Simons geht von etwa50.000 betroffenen Wohnungen aus.

Der Deutsche Mieterbund zeigte sich alarmiert. Viele Bauprojekteseien von Planungssicherheit und Fördermittelausstattung abhängig,hieß es am Montag. «Deswegen muss die Bundesregierung jetzt schnellihre Hausaufgaben machen und sowohl die Mittel für klimafreundlichesBauen und Sanieren durch die KfW als auch die Förderung des sozialenWohnungsbaus deutlich erhöhen und langfristig ausgestalten.»

Zu wenig Platz für Familien

Viele Mieterinnen und Mieter seien von ihren Wohnkosten überlastet,stellte der Mieterbund heraus. Zugleich stagniere der Wohnungsneubauund schaffe keine Entlastung für die extrem angespannten städtischenWohnungsmärkte. Etwa zwei Millionen Wohnungen fehlten, vor allem inden Großstädten, Ballungszentren und Universitätsstädten, hieß es.

Die Hälfte der ärmeren, mindestens vierköpfigen Mieterfamilien wohntlauft Simons auf weniger als 80 Quadratmetern. Er sprach von einerdramatischen Situation. In den sieben größten Städten hätten vor 15bis 20 Jahren noch 60 bis 80 Prozent der Neubauwohnungen vier odermehr Räume gehabt. Nun seien es 20 bis 40 Prozent. Viele der einstjungen Zuzügler hätten nun aber Familie und bräuchten Platz.

Immer mehr Familien zögen deshalb ins Umland, erklärte Simons. Damitwiederholt sich eine Entwicklung, die westdeutsche Städte schon inden 60er und 70er Jahre nahmen. Simons erinnerte daran. Städtekönnten auch schrumpfen. Ob die größten deutschen Städte vor so einerPhase stehen, sei aber nicht absehbar.

Startseite
ANZEIGE