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Sonderveröffentlichung

EZB-Direktorin Schnabel verbindet Inflation, Energiepreise und Klimawandel - beginnt die Umkehr in der Geldpolitik?

Die deutsche EZB-Direktorin Schnabel fasst das Thema Inflation deutlich weiter als bisher, indem sie die Energiepreise in die Inflationsbetrachtung einbezieht. Damit könnte eine weitreichende Trendwende in der Geldpolitik eingeläutet werden.

Aschendorff Medien

Foto: Colourbox.de

Mit Isabel Schnabel bringt die deutsche Direktorin der Europäischen Zentralbank die Geldpolitik der Währungshüter auf einen neuen Kurs: Statt der sonst als Maßstab betrachteten Kerninflation bezieht sie die Energiepreise mit ein, da diese im Zuge der Maßnahmen gegen den Klimawandel deutlich steigen. Damit setzt sie als profiliertes Mitglied des EZB-Rates einen deutlichen Impuls in Richtung Straffung der Geldpolitik - das Achtungszeichen sollte nicht unterschätzt werden.

Inflation in der Eurozone auf Rekordhoch

Die im Zuge der Corona-Pandemie stark anziehenden Inflationsraten sorgen für Verunsicherung. Was für die hoch verschuldeten Staaten eine Erleichterung darstellt, bringt Sparer sukzessive um Teile ihres Vermögens. Bislang wurde die registrierte Verteuerung als temporär eingeschätzt, weil beispielsweise Lieferketten pandemiebedingt unterbrochen wurden und die Lieferengpässe höhere Kosten verursachen. Die Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte legten demnach in Deutschland allein im November 2020 um 19,2 Prozent zu, was sich naturgemäß auf die Gestaltung der Endverbraucherpreise auswirkt.

Als wesentlicher Preistreiber erweisen sich aber auch die Energiepreise - und genau die wurden bislang bei der Auswertung der Kerninflation ausgeschlossen. Der Grund: Die Preise für Lebensmittel und Energie schwanken relativ stark und könnten so die tatsächlichen Trends verwischen. Angesichts der verfolgten Klimapolitik könne eine solches Ausklammern jedoch nicht mehr als Regel gelten, da sich hier eine langfristige Preisentwicklung abzeichnet, korrigierte Schnabel das bisherige Vorgehen. Da es wahrscheinlich ist, dass sich die Energiepreise weiter nach oben bewegen, müsste die EZB deutlicher reagieren, als dies bislang zu erwarten war.

Foto: Statista.com

Weitreichende Konsequenzen für die EZB

Was sich als logische Schlussfolgerung anhört, dürfte sich gleich mehrfach als Herausforderungen für die Euro-Währungshüter erweisen: Steigen die Energiepreise, weil die Erzeugung sich verteuert oder die Ressourcen knapp werden, betrifft dies ebenso wie die pandemiebedingten Lieferengpässe zunächst die Angebotsseite. Mit ihrer Geldpolitik beeinflusst die EZB jedoch die Nachfrageseite. Entsprechend differenziert formuliert Schnabel ihre Empfehlungen, die sich vor allem auf zwei Szenarien beziehen: Zum einen sollten die Energiepreise stärker beachtet werden, wenn sich daraus eine allgemeine Erwartung höherer Teuerungsraten ableitet, zum anderen bei einem Anschub der Wirtschaft durch zusätzliche Investitionen. Legt sich die EZB jedoch darauf fest, die Energiepreise stärker in ihre Betrachtungen mit einzubeziehen, dürfte eine derart differenzierende Kommunikation schwierig werden. Dann zählen nämlich nur Ergebnisse.

Dabei hatte Schnabel regelmäßig versucht, die EZB-Geldpolitik in der Öffentlichkeit zu erklären - und zu verteidigen, wurde sie unsachlich kritisiert. Intern jedoch gehört sie offenbar nicht zu den Befürwortern der lockeren Geldpolitik. Schon im Dezember hatte sie im Rahmen der EZB-Sitzung die Prognosen zur Inflation als zu niedrig eingeschätzt. Sollte sie sich nun noch weiter in Richtung Straffung der Geldpolitik bewegen, dürfte das vor allem auch für Investoren interessant werden.

Doch es drohen weitere Kommunikationsprobleme, wenn sich die sogenannten Zweitrundeneffekte, vor denen die EZB grundsätzlich warnt, einstellen: Treiben die gestiegenen Preise das Lohn- und Gehaltsniveau nach oben, zieht dies wiederum einen Kosten- und damit Preisanstieg nach sich - die Inflation verstärkt sich also immer weiter selbst. Nun steht aber für die nächsten Jahre zu erwarten, dass schon die demografische Entwicklung für ein deutliches Ansteigen der Löhne und Gehälter sorgen wird - und das ganz unabhängig von den Zweitrundeneffekten. Sollte sich dies bestätigen, dürfte Kritik an der EZB laut werden: Sie wird sich mit den Vorwürfen auseinandersetzen müssen, zu spät zu reagieren, und somit zusätzlich unter Handlungsdruck geraten.

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