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Trockenheit und Tourismus

Brandenburger Weltnaturerbe mit Schattenseiten

Altkünkendorf (dpa/bb)

Der Buchenwald Grumsin in der Uckermark ist seit 2011 Unesco-Weltnaturerbe. Doch der Klimawandel setzt dem Schutzgebiet zu. Der wachsende Tourismus sorgt bei Anwohnern für Diskussionen.

Von Oliver Gierens, dpa

Michael-Egidius Luthardt, ehemaliger Leiter des Landeskompetenzzentrums Forst in Eberswalde, zeigt auf einen kleinen Teich, der immer mehr austrocknet. Foto: Oliver Gierens/dpa

Hinter der flachen, seenreichen Landschaft im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin im Nordosten Brandenburgs erhebt sich kurz vor Angermünde plötzlich eine hügelige, stark bewaldete Landschaft.

Ein einzigartig erhaltener Buchenwald gerät in den Blick - der Grumsin hat 2011 von der Unesco mit vier anderen Buchenwäldern in Hessen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern den Titel Weltnaturerbe verliehen bekommen. Doch dieses wertvolle Stück Natur ist in Gefahr.

Trockenheit macht Rotbuche zu schaffen

Über dem Grumsin hängen an diesem Tag zwar dichte Wolken, doch Regen fällt erneut nicht. Michael-Egidius Luthardt, bis vor kurzem noch Leiter des Landeskompetenzzentrums Forst Eberswalde, ist auch nach drei Jahrzehnten, in denen er in der Region arbeitet, von diesen 590 Hektar Landschaft des Grumsin fasziniert. Beim Landwirtschaftsministerium in Potsdam hatte er sich vor einigen Jahren erfolgreich für die Verleihung des Welterbetitels eingesetzt. Doch Luthardt macht sich mittlerweile auch Sorgen um den Erhalt.

Im Mai 1990 sei er erstmals hierher gekommen, erzählt er. «Ich war überrascht, dass es hier sowas gibt.» Bis zur Wende sei die Gegend Staatsjagdgebiet von Stasi-Chef Erich Mielke gewesen und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. «Hier steht Baum an Baum, und die Landschaft ist sehr hügelig und schluchtenreich. Für Brandenburg ist das sehr beachtlich», bemerkt Luthardt. Rund 110 Bäume stehen im Wald auf einem Hektar, etwa 50.000 sind es insgesamt.

Der Forstwirt zeigt wenig später auf einen vertrockneten Baum - abgestorben durch Trockenbefall aufgrund zu starker Sonneneinstrahlung. «Eigentlich brauchen die Rotbuchen mindestens 600 Millimeter Regen im Jahr. In den letzten Jahren waren es gerade rund 300 Millimeter.» Jeden Tag pumpten die riesigen Bäume gut 200 Liter Wasser nach oben, erklärt der Waldökologe. Wegen der Klimaveränderungen gebe es aber nicht genügend Wasser.

Besondere Pflanzenarten und Brutplatz für Vögel

Das wird auch an anderer Stelle deutlich. Luthardt zeigt auf einen kleinen Tümpel, der auf den ersten Blick kaum zu erkennen ist. «Bis hierher hat das Wasser vor einigen Jahren noch gestanden», zeigt er mit der Hand auf den oberen Rand der Senke. Der Unterschied im Wasserstand ist deutlich zu erkennen. Mittelfristig könnte die anhaltende Trockenheit den Bestand des Weltnaturerbes gefährden, ist Luthardt überzeugt.

Die Naturwacht Brandenburg sieht die Lage weniger dramatisch. «Bisher sind uns keine Bereiche aufgefallen, an denen sich die Trockenheit deutlich an den Bäumen zeigt», so Ranger André Schwuchow. Er arbeitet gemeinsam mit seiner Kollegin Tilly Schönlebe im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, zu dem der Grumsin mit dem Welterbe-Titel gehört.

Doch es geht um viel mehr als den Erhalt eines Titels und einer Touristenattraktion. Im Grumsin sind laut Brandenburger Umweltministerium 349 höhere Pflanzenarten nachgewiesen, davon stehen 17 Prozent auf der «Roten Liste» der gefährdeten Arten. Zudem ist der Buchenwald ein bundesweit bedeutsames Brutgebiet für gefährdete Großvogelarten wie Seeadler, Schwarzstörche oder Kraniche.

Touristen sollten auf vorgegebenen Wanderwegen bleiben

Für den Waldökologen ist aber die Ruhe des Waldes für die Tiere in Gefahr. Neben dem Klimawandel setze auch der Mensch dem Weltnaturerbe zu, berichtet Luthardt. Der Buchenwald darf eigentlich nur auf vier gekennzeichneten Wanderwegen betreten werden, die in verschiedenen Farben mit einem Buchenblatt und einem «G» gekennzeichnet sind. «Aber man sieht, dass sich die Leute nicht daran halten», sagt der Forstwirt. Ein Grund seien auch die zahlreichen Internetseiten, auf denen Privatleute ihre individuellen Routen eintragen könnten - diese führten manchmal mitten durch den Wald.

Er habe im vergangenen Jahr sogar Besucher erwischt, die in der Kernzone am See Feuer gemacht hätten, sagt der Forstwirt. Waldbrände habe es aber glücklicherweise in letzter Zeit nicht gegeben. Dafür sei das Laubholz oft zu feucht, da es viel Wasser führe.

Naturwacht-Ranger André Schwuchow sieht hingegen keine größeren Probleme mit Touristen. Die meisten Besucher halten sich nach seiner Einschätzung an die vorgegebenen Wanderwege. Die Kernzone im Wald sei ohnehin schlecht begehbar, zudem versuche man durch eine geeignete Wegeführung schöne Ausblicke oder Fotomotive zu ermöglichen. Feuer- oder Grillstellen innerhalb der Zone habe er noch nicht vorgefunden.

Gespaltene Dorfgemeinschaft in Befürworter und Gegner

In Altkünkendorf, einem Ortsteil des Städtchens Angermünde, steht neben der Kirche das Besucherzentrum für Grumsin-Interessierte, aufgebaut vom Verein «Weltnaturerbe Grumsin e.V.». Der internationale Titel bringt Touristenströme ins Dorf, die nicht von allen Bewohnern gern gesehen werden. Die Aussichtsplattform unterhalb des Kirchturms mit Blick auf den Grumsin konnte erst 2019 eröffnet werden, nachdem Anwohner ihre Klage zurückgezogen hatten. Eine Bürgerinitiative unter dem Namen «Wir sind Grumsin» wirbt am Ortseingang mit dem Slogan «10 Jahre Trauerspiel sind genug». Sie kritisiert unter anderem vollgeparkte Straßen, einen aus ihrer Sicht unzureichenden Schutz der Kernzone vor unberechtigtem Betreten sowie eine Spaltung der Dorfgemeinschaft in Befürworter und Gegner.

Für Michael-Egidius Luthardt behindern diese Argumente die Entwicklung der Region. «Durch den Tourismus ist Wertschöpfung da, das haben die Leute noch nicht begriffen», meint der Forstwirt, der von 2009 bis 2014 Landtagsabgeordneter für die Linke war und heute den Grünen angehört. So gebe es durch den Streit um den wertvollen Buchenwald rund um den Grumsin kaum Gaststätten oder Imbissbuden, ein Großparkplatz im benachbarten Groß-Ziethen werde kaum genutzt, weil er viel zu weit vom Buchenwald entfernt liege, führt er an.

Trotz der vielen Touristen wird das Besucherzentrum nach wie vor ausschließlich von Ehrenamtlichen geführt. Für den früheren Ortsvorsteher, Hans-Jürgen Bewer, der sich sehr für die Verleihung des Welterbe-Titels eingesetzt hat, ist das nicht hinnehmbar. Zwar stehe im aktuellen Koalitionsvertrag, dass das Weltnaturerbe Grumsin einen eigenen Haushaltstitel bekommen solle - doch der lasse weiter auf sich warten, kritisiert er und appelliert an das Land, seine Verantwortung wahrzunehmen.

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