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Glamour-Urlaub

Comer See: Wo Stars Dolce Vita genießen

Como (dpa/tmn)

Für Deutsche ist der drittgrößte See Italiens ein Geheimtipp, für Amerikaner ein Glamour-Reiseziel. Ein Rundflug über den Comer See.

Von Bernhard Krieger, dpa

Wo die Schönen und Reichen wohnen - die Villen am Ufer des Comer Sees. Foto: Bernhard Krieger/dpa-tmn

Zwei Hüpfer noch und schon heben sich die Kufen der Cessna aus dem Wasser. Eine Welle rüttelt das Wasserflugzeug ein letztes Mal durch, dann steigt es in den Himmel über dem Comer See.

Durch das Seitenfenster weht eine Brise in die Kabine, die besorgten Naturen den Angstschweiß auf der Stirn trocknet. So mancher Passagier klettert sicher mit einem mulmigen Gefühl in den zerbrechlich wirkenden Flug-Oldtimer vom Typ «Bird Dog».

«Keine Sorge», beruhigt Cesare Baj. Die US-Airforce habe diese kraftvolle Maschine als Aufklärer im Korea-Krieg eingesetzt, sagt er. Dann sei sie von der italienischen Luftwaffe übernommen wurden. «2013 landete sie schließlich im Aero Club Como.»

Der weißhaarige Pilot hat fast so viele Flugstunden auf dem Buckel wie das 1946 erbaute Wasserflugzeug. «An Flugerfahrung sollte es uns nicht mangeln», scherzt Cesare Baj.

Baj ist Autor einiger Fachbücher und Vize-Präsident des Aero Club Como. Der 1930 gegründete Verein ist der älteste Wasserflieger-Club der Welt. Neben den Oldtimern hat er zahlreiche moderne Flugzeuge in seiner Flotte. Unzählige Piloten wurden hier ausgebildet und noch mehr Gäste zu Rundflügen mitgenommen.

Auf der Luft wie ein Y - auf den Kopf gestellt

Nach dem Start fliegt Cesare Baj in weitem Bogen über Como. Der Blick auf das Gassengewirr und die Kuppel des Doms ist grandios. Die Stadt wird eingerahmt von bewaldeten Bergen.

Aus der Luft von Süden kommend sieht der drittgrößte See Italiens aus wie ein auf den Kopf gestelltes «Y». Auf halber Höhe - bei Bellagio - gabelt sich der 51 Kilometer lange Lago di Como. Der östliche Arm endet in Lecco, der westliche in Como.

Baj nimmt Kurs nach Norden. Im Cockpit des Zweisitzers ist der erfahrene Pilot umgeben von altertümlichen Instrumenten und Hebeln. Das modernste Teil in der «Bird Dog» scheint ein roter Feuerlöscher zu sein. Aber auch ohne Hightech liegt die Propellermaschine sicher in der Luft. Unter ihr kreuzen Surfer.

Ein Motorboot liefert sich erfolgreich ein Wettrennen mit dem Schaufelraddampfer «Milano» und versucht das gleiche erfolglos mit einem Tragflügel-Schnellboot der Gesellschaft Gestione Navigazione Laghi, die die Ufer auch mit Autofähren verbindet.

Die Villa, die den Weltruhm brachte

Entlang der Uferstraßen krallen sich die Orte an steil abfallende Hänge, andere quetschen sich in enge Buchten. Bauland ist knapp und teuer. Nach Klerikern, Adligen und Industriellen aus der wohlhabenden Lombardei sind es heutzutage Fußballer von AC und Inter Mailand sowie Promis aus aller Welt, die die Preise hochtreiben. Villen kosten viele Millionen, einige sind schlicht unbezahlbar.

Dazu zählen die aus dem 18. Jahrhundert stammende Villa Carlotta in Tremezzo, die heute ein Museum mit imposantem Park ist, sowie die noch ältere Villa d'Este in Cernobbio.

Der Grundstein für die spätere Renaissance-Residenz wurde 1442 gelegt. Sie war Domizil für Kardinäle, Könige und Zaren, bevor sie 1873 in ein Luxushotel umgewandelt wurde. Für Cesare Baj ist das Grand Hotel mit dem im See schwimmenden Pool ein Highlight seiner Rundflüge, für Danilo Zucchetti der Höhepunkt seiner Karriere. Der Mailänder ist Direktor der Villa d’Este, die den Comer See weltweit als einen Urlaubsort mit «Grandezza» bekannt gemacht hat.

Sinatra, de Niro, Lady Gaga - alle waren hier

Zucchettis wichtigste Aufgabe ist es, den Mythos der Villa zu erhalten, ohne dass sie aus der Zeit fällt. Seine Devise lautet deshalb: «Ständig weiterentwickeln, aber nichts verändern.» Und er scheint Erfolg damit zu haben: Kamen einst Gary Cooper, Liz Taylor und Frank Sinatra, sind es heute Robert de Niro oder Bruce Springsteen, der hier Stammgast ist.

«Nach Terminen für ihren «House of Gucci»-Film ist zuletzt auch Lady Gaga länger geblieben als geplant», verrät Zucchetti. Den Spitznamen «Hollywood on Lake Como» trägt das Hotel zurecht.

Die Strahlkraft der Villa d'Este und seiner illustren Gäste aus der Film- und Musikbranche haben den Comer See in den USA zum Inbegriff des sommerlichen «Dolce Vita» Italiens werden lassen. Hier sonnt man sich, brettert in den eleganten Riva-Jachten von Como Classic Boats über den See oder golft in Menaggio und im Club Villa d’Este. Der gehört nicht zu dem berühmten Hotel, bietet aber einen der imposantesten Golfplätze des Landes.

Clooney und der Comer See

In Deutschland sind Gardasee und Lago Maggiore bekannter als der Comer See. Auch wenn Schauspieler George Clooney, der seit 2003 im Örtchen Laglio unweit von Como die Villa Oleandra besitzt, auf Fotos vom Comer See auch immer mal in deutschen Klatschblättern zu sehen ist und dem Lago so Publicity bringt.

Laglios Bürgermeister Roberto Pozzi tut zwar alles, um seinen Ehrenbürger vor neugierigen Blicken zu schützen. Verhindern, dass Bootsausflügler dessen Seegrundstück ausspähen, kann er aber nicht. «Der arme Kerl hat kaum Privatsphäre», sagt Cesare Baj, als er mit der Cessna über Clooneys Villa hinweg fliegt.

Clooney sei ein super Botschafter für den Lago di Como, sagt Marco Montagnani. «Aber die Initialzündung für den Tourismus hier hat die Villa d’Este gegeben», gibt der Direktor des neuesten Luxushotels am See neidlos zu. Das Victoria in Menaggio ist keines der klassischen Grand Hotels, sondern eine gelungene Kombination aus historischem Altbau und modernem Anbau. Ganz neu ist das edle Vista Palazzo in Como. Die Liste der Luxusherbergen um den See wird länger.

Wohlbetuchte haben am Comer See also viel Auswahl, Normalverdiener weichen eher auf Ferienwohnungen aus. Campingplätze sind rar. Es gibt einen in Menaggio, der beim Blick aus der Cessna besonders einladend wirkt. Während andere Orte am steilen Westufer früh am Tag schon im Schatten liegen, ist die Piazza des Campingplatzes mit Eisbar und Restaurants noch in Sonnenlicht getaucht. Der Einschnitt in der Bergkette hinter dem Ort macht es möglich.

Bellagio ist die Bühne

Varenna am Ostufer und Bellagio auf der weit in den See hineinragenden Landspitze sind bis zum Sonnenuntergang in warmes Licht getaucht. Dahinter ragen die oft schneebedeckten Gipfel der Veltliner Alpen auf. Bellagio ist die Bühne, Varenna die Tribüne.

Vor allem von dem terrassenförmig zum See abfallenden Restaurant Royal Gourmet in Varenna hat man einen wunderbaren Blick auf Bellagio gegenüber. Wegen seiner Gässchen, die sich steil zur Seepromenade mit ihren üppig blühenden Oleander-Bäumen schlängeln, gilt es als «Perle des Lago». Auch der riesige botanische Garten der Villa Melzi hat zum Ruhm Bellagios beigetragen.

Cesare Baj fliegt am liebsten in einem großen Bogen von Varenna aus über Bellagio hinweg. So ist der Blick auf die über dem Ort thronende Villa Serbelloni am schönsten.

Der Palast aus dem 16. Jahrhundert gehörte lange der aus den USA stammenden Prinzessin Ella Walker. Die in Bellagio bis heute als Wohltäterin verehrte Dame vermachte ihn 1959 der Rockefeller Stiftung. Die Stiftung stellt die Villa seitdem Künstlern und Wissenschaftlern zur Verfügung.

Als der damalige US-Präsident John F. Kennedy im Sommer 1963 in der Villa Serbelloni zu Gast war, kam es zu einem wahren Volksauflauf.

Amerikaner brachten den Reichtum

Trubelig geht es Bellagio im Sommer immer zu. Das Caffè Bar Sport an der Basilica San Giacomo bildet da keine Ausnahme. Es wird seit mehr als 100 Jahren von der Familie der Brüder Augusto und Emilio geführt. «Wir sind die Nachrichtenbörse für Einheimische und Anziehungspunkt für Touristen», erzählt der über 80-jährige Augusto.

Vor allem die ausgabefreudigen Amerikaner haben das Dorf reich gemacht. Dass in Las Vegas das berühmte Casino-Hotel Bellagio nach dem Ort am Comer See benannt wurde, hat den Boom weiter angefacht.

Signora Tiziana hat den Aufstieg persönlich miterlebt und auch ein wenig mitgestaltet. Sie leitet gemeinsam mit ihrer Mutter Lucia und ihrer Tochter Giulia das Boutique-Hotel Belvedere. «Das Hotel wurde 1880 als bescheidenes Gasthaus von einer Frau gegründet und seitdem über fünf Generationen hinweg von Frauen geführt», erzählt Tiziana. Statt mit Prunk und Protz wie manches Grand Hotel punkten die drei Damen vom Belvedere mit ihrem Blick für Details und einem hervorragenden Restaurant.

Von ihrer Restaurantterrasse schaut man auf den kleinen Hafen von Pescallo. Dort wartet Carlo Tettamanzi mit seinen Segeljachten auf Gäste. Der Rechtsanwalt hat schon als Profi-Skipper Regatten gefahren und den Atlantik überquert, bevor er in seine Heimat zurückkehrte, um auf dem Comer See Touren unter dem Namen Bellagio Sailing anzubieten.

Wo Robbie Williams zu viel gezahlt hat

Tettamanzi ist ein charmanter Geschichtenerzähler, der Gott und die Welt kennt. «Für diese Villa dort hat sich Clooney interessiert, weil sie vielleicht mehr Privatsphäre bietet», sagt er. Und er weiß auch, wo Sänger Robbie Williams zugeschlagen hat. «Die 40 Millionen Euro für seine Villa waren zu viel.» Tettamanzi schmunzelt, dann setzt er die Segel auf dem 13 Meter langen Jacht-Klassiker «Dama di Bellagio».

Der Skipper, der wie so viele am See perfekt Englisch spricht, hat natürlich unzählige Restaurant-Tipps auf Lager. Restaurant-Führer listen Dutzende Top-Adressen in der Region auf.

Zu den besten zählt das Kitchen in Cernobbio, wo der junge Sizilianer Andrea Casali mit einer fantasievollen, aber dennoch auf die Qualität der Zutaten fokussierten Küche brilliert. Seine cremigen roten Gamberi mit fermentierten Mandeln oder die mit Parmesan und Gänseleber gefüllte Pasta waren dem Guide Michelin einen Stern wert.

Die Sommerresidenz des ersten Bundeskanzlers

Cesare Baj überfliegt das Kitchen, nachdem er kurz zuvor Cadenabbia passiert hat, wo der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer viele Sommerurlaube in der Villa La Collina verbrachte.

«Die Villa ist heute eine Einrichtung der Konrad-Adenauer-Stiftung», erzählt Baj. Unter seiner Maschine staut sich auf der westlichen Uferstraße, der Strada Regina, mal wieder der Verkehr. «Wenn es den Einheimischen am See zu voll wird, flüchten sie übers Wochenende ins Hinterland.» Dort gebe es zahlreiche Agriturismi mitten im Grünen.

Erst Waldbad, dann Wasserbad

Ein ganz besonderer Agriturismo ist die Tenuta De L'Annunziata nahe der Grenze zur Schweiz. Waldbaden, statt Planschen im See, lautet hier das Motto. Hinter dem burgähnlichen Palazzo hoch in den Hügeln erstreckt sich ein Wald mit 40 markierten Bäumen. «Jeder hat eine andere bioenergetische Wirkung auf den Menschen», erklärt Elisabetta Guffanti, die mit ihrer Schwester Arianna den Agriturismo führt.

So soll das Energiefeld der Kirsche bei Herzbeschwerden und das der Kastanie bei Magenproblemen helfen, wenn man sich mindestens zehn Minuten in ihrer Nähe aufhält. Eine Frage des Glaubens. Schaden kann es sicher nicht, einige Zeit neben einem Baum zu stehen.

Nach dem Waldbad können die Gäste im großen Spa des Agriturismo im Wasser baden. Auch im Restaurant wird die Verbundenheit zum Wald und den umliegenden Feldern großgeschrieben. Alle Zutaten und sogar der Wein stammen aus eigener Produktion oder von anderen Agriturismi.

Cesare Baj spart sich die Extra-Schleife zu dem rund 15 Kilometer westlich von Como liegenden Agriturismo und setzt zum Landeanflug an. Mit Blick auf die Altstadt von Como sinkt seine «Bird Dog» langsam und setzt sanft auf dem See auf.

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