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Küste der Leuchttürme

Die Bretagne und ihre strahlenden Wächter

Brest (dpa/tmn)

Die Leuchttürme sichern einen gefährlichen Teil von Frankreichs Westküste. Viele haben ihre Türen geöffnet. Zwischen Paradies und Hölle wird der frühere Alltag der Leuchtturmwärter lebendig.

Von Gabriele Derouiche, dpa

Die bretonische Westküste gilt als gefährliches Seegebiet und ist deshalb gespickt mit Leuchttürmen - wie diesem an der Landspitze Pointe Saint-Mathieu. Foto: Gabriele Derouiche/dpa-tmn

An diesem warmen Spätsommerabend scheint die Sonne ins Meer geflossen zu sein. Hat Wasser, Felsen und Boote in Gold getaucht. Darüber kreisen Möwen wie niedliche Papierflieger, ihr Kreischen, ein säuselnder Chorgesang. Hier, auf fast 60 Metern Höhe, scheint das südliche Finistère verzaubert. Finis terrae, das Ende der Welt, wie die Römer den westlichsten Teil der Bretagne nannten, gleicht einem friedlichen Meeresidyll.

«Dabei gehört dieses Gebiet zu den gefährlichsten Seegründen Europas», sagt Loïk Peton, Mitte 30, Meeresbiologe, der mit den Besuchern die 290 Stufen hinauf auf den Leuchtturm Phare d’Eckmühl an der Landspitze der Gemeinde Penmarc’h gestiegen ist. Zahllose Seeleute ertranken, Schiffe sind an den Untiefen zerborsten, ihr Bug aufgeschlitzt von den messerscharfen Felsen.

Diese tödliche Gefahr rührte vor mehr als 100 Jahren auch die Marquise de Blocqueville, Tochter des hochdekorierten Prince d’Eckmühl. Von ihrem Erbe ließ sie den wohl elegantesten Leuchtturm der Bretagne bauen: schlanke Silhouette, das Treppenhaus mit türkisfarbenem Opalglas verkleidet, Handläufe und Verzierungen aus polierter Bronze. Technisch ersetzten die beiden Fresnel-Linsen mit 50 Kilometern Reichweite das Öllicht des Vorgängerbaus.

«Die Bedingung war, dass der Turm den Namen ihres verstorbenen Vaters trägt», erklärt Loïk. Im holzgetäfelten Turmzimmer thront die Bronzebüste des Prinzen auf hohem Sockel.

Lichtorchester zur Sicherung der Seefahrt

Langsam bricht die Nacht herein. Rechts, links, geradeaus, wo man auch hinschaut: Immer mehr Leuchtfeuer blitzen weiß, rot, grün in der Ferne auf. Ein gigantisches maritimes Lichtorchester zur Sicherung der Seefahrt. Lauter Solisten, jeder Turm, jedes Licht steht für sich allein, wie die Leuchtturmwärter vergangener Zeiten.

Mit leise surrendem Geräusch hat auch der Phare d’Eckmühl seine Nachtschicht begonnen. Blitz, Blitz, eins, zwei, drei, vier, fünf Sekunden, Blitz, Blitz - so erkennen ihn die Seeleute. Jeder Turm hat seine eigene Kennung, verrät mit seiner Lichtfarbe und dem individuellen Takt, wer er ist und wovor er bewahren will.

Mehr als ein Drittel der französischen Leuchttürme steht an der bretonischen Westküste. Das hat seinen guten Grund. «Nul n’a passé Fromveur sans connaître la peur» (Niemand hat Fromveur je ohne Angst durchfahren), so heißt eine alte Seemannsweisheit.

Tankerhavarie als Zäsur

Bis 1978 war die Passage du Fromveur, die nördliche Grenze des Iroise-Meeres, mit ihren Untiefen und Strömungen eine der wichtigsten und gleichzeitig eine der gefährlichsten Seerouten Europas. Seit die Havarie des Tankers Amoco Cadiz in jenem Jahr zu einer Ölpest führte, müssen Frachter und Tanker die Enge umschiffen. Trotzdem birgt die klippenreiche Küste noch viele Risiken.

Den Anfang des Warnwesens machten im Mittelalter die Mönche an der Landspitze Pointe Saint-Mathieu, als sie auf dem Klosterturm ein offenes Feuer entfachten. Reflektoren, Stufenlinsen, Petroleum, Elektrizität und schließlich Hightech perfektionierten über die Jahrhunderte ein System, dessen digitale Fäden heute auf dem Leuchtturm Phare du Créac’h auf der Île d’Ouessant zusammenlaufen.

Orientierung für die Fischer

Nur noch wenige Menschen sind nötig, um diese Perfektion zu überwachen. Vor zwei Jahren ging der letzte Leuchtturmwärter der Bretagne in Rente. Manch einer hält die Leuchtfeuer mittlerweile für überflüssig. Die vielen Fischer, die ohne Navigationssystem unterwegs sind, bleiben aber weiter auf sie angewiesen.

Am nächsten Abend hat dichter Nebel die Île d’Ouessant in kalte Watte gepackt. Das rund 16 Quadratkilometer große Eiland vor der Küste ist die westlichste Spitze Frankreichs. Am Fuß des Phare du Stiff wartet Ondine Morin, auch sie Mitte 30, eine überzeugte Insulanerin, auf ihre Gäste. Morgens geht sie mit ihrem Mann zum Fischen, danach führt sie über die Insel.

Das karge Mobiliar des Leuchtturmwärters

Ihre Schlüssel klappern in der Dunkelheit, die Tür zum ältesten Leuchtturm der Bretagne öffnet sich. Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban hat ihn Ende des 17. Jahrhunderts zur militärischen Sicherung entworfen. Die Granitröhre mit ihren 104 Treppen wirkt klamm und unwirtlich. Statt blankem Opalglas reibt beim Aufstieg rauer Stein an den Ärmeln, die Wände strahlen feuchte Kälte ab.

Im Zwischengeschoss fällt ein kurzer Blick auf das karge Mobiliar früherer Zeiten: Bett, Stuhl, Tisch, sonst weiter nichts. Von einem vergilbten Foto lächelt der letzte Wärter die Besucher schüchtern an. Oben klatscht einem der Wind nasse Schleier ins Gesicht, prallt der Blick vor der undurchdringlichen Nebelwand zurück.

Irgendwo tutet ein Nebelhorn. Wer eine Brille trägt, hat augenblicklich eine Mattscheibe auf der Nase. Nur zwei verlorene Fensterlichter lassen sich in der Tiefe erahnen, schwache Laternen im graumilchigen Nichts. Darüber zucken alle paar Sekunden die roten Blitzlichter des Phare du Stiff vorbei.

Paradies und Hölle

«Hier war das Paradies», sagt Ondine plötzlich. «In einem Leuchtturm an Land konnten die Wärter bei ihrer Familie leben, in der freien Zeit Freunde treffen, am sozialen Leben teilnehmen», erklärt sie. «Dieses Privileg hatten ihre Kollegen mitten auf dem Meer nicht.»

Vor dem Paradies stand für die Männer der Gang durch die Hölle, französisch «l’enfer», wie hier die sturmumtosten Leuchttürme auf ihren Felsen mitten im Meer heißen. Wer dort arbeitete, bekam speziell gebackenes Brot mit auf den Weg, das bis zu zwei Wochen haltbar war. Wenn alles gut lief, kam dann die Ablösung.

Oft wütete der Wind, die Wellen schlugen bis zu 50 Meter hoch, schweres Wetter ließ den Schichtwechsel manchmal nicht zu. Dann ging es den Wärtern an die körperlichen und geistigen Reserven. Konserven und Wein durften in den Proviantboxen nicht fehlen. Als in einem Winter erst nach 101 Tagen die Erlösung kam, beschloss man, die Höllen fortan mit mindestens zwei Männern zu besetzen.

Auf der Île d’Ouessant ist der Besuch des Musée des Phares et Balises empfehlenswert, das Museum der Leuchttürme und Leuchtfeuer. Es liegt am Fuße des Phare du Créac’h. Fast 800 Objekte erzählen vom mühsamen Bau der Türme, geben einfühlsam Einblick in den Alltag der Wärter.

Faule Kegelrobben, muntere Delfine

Bei Sonnenaufgang scheint das Licht wieder rosig und zart durch Hortensienbüsche und Pinienkronen. Nur ein leiser grauer Schleier erinnert an den gestrigen Nebel. Auf dem welligen Meer vor Le Conquet spritzt die Gischt lustig über den Gummiwulst des Zodiacs.

Mit Christel und Lucky Perón, beide Ende 50, geht es durch den Meeresnaturpark Marin d’Iroise, um nach dem Paradies die Hölle zu sehen. Auf den Felsen räkeln sich faule Kegelrobben in der Sonne. Mit Pirouetten und Sprüngen führen muntere Delfinfamilien ein Ballett im Synchronschwimmen auf. Kameras klicken, die Gäste juchzen.

Hier im Unesco-Biosphärenreservat gebe es mehr als 100 Delfine, sagt Christel. «Sie kennen uns, freuen sich über die Abwechslung. Manche zeigen uns sogar ihre Babys.» Füttern und Anfassen seien tabu.

Leuchtturm der schwarzen Felsen

Da zeigt sie in Richtung Horizont: Der Phare des Pierres Noires taucht auf. Der Leuchtturm der schwarzen Felsen, wie er übersetzt heißt, ist die Hölle vor der Pointe Saint-Mathieu, die die Einfahrt in die Bucht von Brest markiert. Heute umschäumen den roten, rund 30 Meter hohen Turm auf dunklem Stein sanfte Wellen. Auf den gefährlichen Riffs drumherum sitzen Kormorane und Austernfischer, putzen sich, halten Ausschau.

Unsicherheit, wie lange die Schicht dauern würde, ob das Proviant reichen würde, wie hoch die Wellen diesmal gegen den Turm schlagen würden - es braucht nicht viel Fantasie, sich die klammen Gefühle der Wärter bei Schichtwechsel vorzustellen.

Schon die Ankunft war ein Abenteuer. «Hier machte man die Stahlwinden fest», sagt Lucky und zeigt auf einen benachbarten Felsen. Meist war das Meer so wild, dass das Boot nicht anlegen konnte. Dann wurden die Männer und ihr Proviant an Seilen auf den Turm gehievt. Die Heimkehrer seilten sich ab.

Lucky drosselt den Motor, damit seine Gäste fotografieren können. Eine frische Brise kommt auf. Der Zodiac beginnt im Wellengang zu schaukeln, rauf und runter, wiegt sich nach rechts und links. Die rote Hölle tanzt auf den wackelnden Displays. Einige werden bleich, lassen die Kamera sinken, klammern sich schluckend an die Bänke. «Juste du courage, nur Mut», sagt Christel. «Heute ist das Meer gnädig.»

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