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Naherholung

Heim seltener Arten: Wandern auf der Aue-Insel

Stockstadt (dpa/lhe)

Einst nur Halbinsel, jetzt als Insel Teil des größten Naturschutzgebietes Hessens: Die Kühkopfinsel gibt seltenen Arten ein Zuhause. Sie ist mit kilometerlangen Rad- und Wanderwegen aber auch Naherholungsgebiet.

Von Oliver Pietschmann (Wort) und Frank Rumpenhorst (Foto), dpa

Eichen wachsen im Naturschutzgebiet auf der Rheininsel Kühkopf. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Produktion

An manchen Tagen tummeln sich am Rande Stockstadts Tausende Spaziergänger, Radfahrer und Naturbegeisterte am Rhein. In Hessens größtem Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue gibt es naturbelassene Wälder, weite Wiesen, Dachse, Füchse, Wildschweine, Insekten, Frösche, Fische und jede Menge Vogelarten.

Mit 16 von insgesamt 24 Quadratkilometern ist der größte Teil eine von Menschenhand geschaffene Insel, eingeschlossen zwischen dem Rhein und seinem Altarm. Eine Insel? Nicht immer und irgendwann vielleicht gar nicht mehr.

«Derzeit ist es keine Insel», sagt der Leiter des Umweltbildungszentrums Schatzinsel Kühkopf, Ralph Baumgärtel, auf dem Hofgut Guntershausen, während zwei Jungstörche auf dem Dachgiebel herumhüpfen und Flugübungen machen. Früher sei das ein seltenes Ereignis gewesen, mittlerweile passiere es fast jedes Jahr, dass der Altarm des Rheins trocken liegt. Irgendwann könnte der Altarm, der vor der Flussbegradigung bei Stockstadt einmal 400 Meter breit gewesen sei, auch ganz verlanden. «Wir haben derzeit extremes Niedrigwasser.» Doch der Rhein kann auch anders. «Bei uns schwankt der Fluss um sieben Meter.»

Flutung bei Hochwasser

Bei richtigem Hochwasser wird die Insel geflutet. 2013 habe auch der Hof des Hofguts unter Wasser gestanden, samt Fischen, erzählt Baumgärtel. Es sei halt eine Auenlandschaft. «Das Hochwasser greift massiv ein.» Es sei aber auch der Motor. Bei jedem Hochwasser reguliere sich die Tierpopulation. «Mäuse haben immer schlechte Karten.» Ebenso gehe es Igeln und Rehen. Wildschweine hingegen seien gute Schwimmer und Füchse retten sich schon mal in Baumkronen. Auch für die Vegetation ist das Wasser entscheidend. Die ansonsten in Deutschland dominante Buche gebe es hier nicht, weil sie so viel Wasser nicht verträgt.

Im Naturschutzgebiet gibt es insgesamt 60 Kilometer Wander- und Radwege. «An Spitzentagen kommen bis zu 10.000 Besucher», sagt Baumgärtel. In den rund 1300 Hektar Wald wird nur entlang dieser Wege in die Natur eingegriffen und Besucher sollten auch nur die Wege nutzen. «Wir halten uns hier raus», sagt Baumgärtel über den Wald abseits der Wanderwege. «In der Corona-Pandemie war das hier richtig fett besucht.» Da habe es allerdings auch massive Müllprobleme gegeben. «Da gibt es auch Chaoten.» In der Summe klappe es aber ganz gut. Die rund 600 Hektar Wiesen würden auch landwirtschaftlich genutzt, aber nach naturschutzrechtlichen Vorgaben. Im Naturschutzgebiet gebe es 30 verschiedene Apfelsorten.

Artenvielfalt und Klimawandel

Auch pädagogisch hat sich in den vergangen Jahren viel entwickelt. Es gibt vier Lehrpfade, auf denen man via QR-Code und App Informationen über Auen, Bäume oder Obst bekommen kann. Im Umweltbildungszentrum im ehemaligen Kuhstall des Gutes gibt es eine Ausstellung mit Objekten zum Anfassen, Ausprobieren und zur Geschichte der Insel, die auch die einzigartige Vielfalt an Pflanzen und Tieren der Aue thematisiert. Das von einem Förderverein betriebene Lehrinstitut bietet Projekte für Schulklassen und Kitagruppen. «Es geht darum, für das Gebiet zu sensibilisieren», sagt Baumgärtel. Nur Gastronomie gebe es derzeit nicht.

Auch der Klimawandel beschäftigt die Verantwortlichen. Der Wald löse sich langsam auf, so Baumgärtel. «Wir wissen nicht, wie sich die Wälder entwickeln.» Und die dort vorherrschenden Eschen haben noch ein anderes Problem. Sie sind von einem Pilz befallen, der möglicherweise über einen Holzimport ins Land kam. «Der rafft die Eschenbestände hier weg», sagt Baumgärtel.

Vom Königskopf zum Kühkopf

Bis zur Flussbegradigung 1828 war die Kühkopfinsel eine linksrheinische Halbinsel in Form eines Kopfes. Die Begradigung diente der Schifffahrt, war aber auch dazu gedacht, im umliegenden hessischen Ried den Grundwasserstand zu senken und Flächen so für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Das Paradoxe: Das Ried versorgt heute das dicht besiedelte Rhein-Main-Gebiet mit Wasser und aus dem Rhein muss Wasser abgeleitet werden, um dort den Grundwasserspiegel zu halten. Der Name ergibt sich aus der Kopfform, hat aber nichts mit einer Kuh zu tun. Das Areal war früher Bannwald und damit Land der Könige. Aus dem Königskopf entwickelte sich sprachlich Kühkopf.

Bereits 1952 wurde das Areal nach Angaben des Regierungspräsidiums Darmstadt als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Es hat zudem das Prädikat Europareservat und ist Bestandteil des Europäischen Schutzgebietnetzes «Natura 2000». Anfang der 1980er Jahre wurden die intensive Landwirtschaft und die Pflege der Deichsysteme aufgegeben. Die Forstwirtschaft fand hier im Jahr 2005 ihr Ende.

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