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Reise in die Vergangenheit

Kulturtourismus: Warum suchen wir das Authentische?

Luzern (dpa/tmn)

Alte Kirchen, Tempel und Baudenkmäler stehen auf dem Programm vieler Reisender. Warum eigentlich? Ein Historiker erklärt, warum dahinter nicht unbedingt das Interesse an Geschichte steckt.

Interview: Philipp Laage, dpa

Venedig wird schon lange der baldige Untergang nachgesagt - doch bis heute lockt die Stadt der Kanäle fröhlich Touristen an. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn

Früher gab es hier noch keine Touristen! Dieser Ort wird bald verloren sein! Solche Sätze hört man auf Reisen häufig. Viele Urlauberinnen und Urlauber suchen das althergebrachte Authentische - aus einer diffusen Sehnsucht nach früher heraus.

Warum das so ist, erklärt der Historiker Valentin Groebner. Der Schweizer Mittelalter-Experte aus Luzern hat sich ausgiebig mit dem Phänomen Geschichtstourismus befasst. Und weiß, warum wir im Urlaub nur allzu gerne in die Vergangenheit reisen.

Welches Bedürfnis steckt hinter dem Vorhaben, sich einen alten, historisch bedeutsamen Ort anzuschauen?

Groebner: Ich glaube, dass die Leute aus ganz unterschiedlichen Gründen in die Ferien fahren. Der häufigste lautet: Es ist ein Ritual, das den eigenen Jahresablauf strukturiert. Und dabei zeigen wir uns selber, wer wir wirklich sein möchten. Davon machen wir dann Bilder und schicken sie an unsere Liebsten - je nach Gusto und Zielgruppe zeigen die uns entweder an der Strandbar oder vor dem Kunstdenkmal.

Liegt es nicht auch daran, dass uns Reiseführer und andere Institutionen den Eindruck vermitteln: Da muss man mal gewesen sein?

Groebner: Kommt auf den Ort und das Programm an, ich würde das nicht verallgemeinern. Die Drehbücher, denen wir in unserem Urlaubsritual folgen, sind nicht so schrecklich individuell, jedenfalls nicht bei mir. Wir fahren alle zur selben Zeit mit sehr ähnlichen Wünschen los, und wir haben auch nicht viel Zeit. Das heißt, wir müssen uns auf das richtig Wichtige konzentrieren, auf die Highlights, auf die ganz besonders tollen Orte, die man eben gesehen haben muss. Und dort treffen wir dann all die anderen Reisenden.

Was braucht es, damit ein Tourist einen historischen Ort angemessen würdigen kann? Welches Vorwissen ist nötig?

Groebner: Es gibt viele historische Orte, die nicht besucht werden, weil sie zu abgelegen sind. Die bleiben sozusagen mit ihrer Authentizität allein. Damit wir einen Ort als historisch erleben können, braucht es sehr viel moderne Infrastruktur und die muss jetzt, im 21. Jahrhundert, funktionieren, sonst kommt dort keiner hin. Und das sind nicht nur Straßen, Parkplätze und Hinweisschilder, sondern auch ein Narrativ, eine Gebrauchsanweisung für den Ort. Denn die Vergangenheit selbst kann man nicht sehen, die ist weg. Was wir sehen, sind Überreste. Und die müssen eben ausgeschildert und erklärt werden.

Gibt es überhaupt noch authentische Orte auf Reisen?

Groebner: Natürlich. An Authentizität herrscht kein Mangel, sie steckt bloß woanders, als wir denken. Das Wort authentis kommt aus dem Griechischen und bedeutet eigenhändig - ursprünglich ging es da um Gewaltverbrechen. Authentisch im Sinne von echt wurde ab dem 13. Jahrhundert für Reliquien verwendet. «Authentica» waren die von der Kirche vorgeschriebenen Bescheinigungen, dass es sich um den echten Knochen einer echten Heiligen handelte. Aus der Reliquienverehrung ist das Wort im modernen Sprachgebrauch dann zur Chiffre für Echtheit geworden.

Denn das Authentische hat - wie die Reliquie - immer mit Vervielfältigung zu tun. Etwas muss kopiert werden können, damit es überhaupt als authentisch bezeichnet werden kann. Niemand bezeichnet den Mont Blanc als authentisch, dafür ist der zu groß. Authentisch sind die Bilder davon und das Erlebnis. Das Authentische handelt immer vom Besucher, von der Betrachterin, nicht von der Sache selbst.

Das Versprechen von authentischen Orten durchzieht den gesamten Tourismus. Warum wird damit so sehr geworben?

Groebner: Wir mögen gute theatralische Aufführungen einfach gerne. Tourismus ist eine Fiktion; eine, von der alle wissen, dass es eine Fiktion ist, die aber gleichzeitig echte Strukturen erzeugt: eine milliardenschwere Dienstleistungsbranche. Es brauchte ja erst einmal die Industrialisierung und die Eisenbahn, damit die Menschen in eine angeblich ursprüngliche Natur zurück wollten. So begann der Tourismus: mit den Grand Hotels in den Alpen und am Meer. Kein Mensch ging zur Erholung auf die Alm oder an den Strand, bevor wir in Fabriken und Büros gearbeitet haben.

Warum haben schon die Reisenden vor 100 Jahren geglaubt, dass die Welt eigentlich früher viel schöner war?

Groebner: Weil es das Erlebnis verstärkt. Wenn ich glaube, dass ich (fast) der Letzte bin, der etwas sieht, ist mein Eindruck besonders stark. Der Untergang von Venedig zum Beispiel wird seit der Mitte des 19. Jahrhunderts angekündigt, als John Ruskin sein großes Buch «The Stones of Venice» herausbrachte. Bei Ruskin war es noch die drohende Besetzung durch die habsburgische Armee, die Venedig untergehen lassen würde. Heute sind es der Klimawandel, die Kreuzfahrtschiffe und die Touristenströme. «Besichtigen Sie Venedig, solange es noch da ist»: Dieser Slogan ist tatsächlich sehr alt. Er funktioniert aber nach wie vor. Mich als Historiker macht das auf ironische Weise durchaus optimistisch.

Passt dazu der häufig artikulierte Eindruck, dass auch im eigenen Leben früher das meiste besser war?

Groebner: Was ist denn Urlaub anderes als ein Versprechen auf wiedergegebene Zeit? Ich bekomme etwas wieder, was mir abhandengekommen ist, nicht nur angeblich ursprüngliche Alpen und unberührte Strände, sondern meine eigene Lebenszeit, die ich mit Unlust im Büro verbracht habe. Urlaub ist Reparatur. Vor dem Ersten Weltkrieg war das ein Privileg der reichen Leute - nur die konnten sich das leisten. Dann machten erst die italienischen und dann die deutschen Faschisten Ferien für alle zum politischen Slogan. Seitdem ist der Urlaub eine Art nationales Vorrecht.

Nur ist die Vorstellung, dass Urlaub einem etwas zurückbringt, das man früher gehabt hat, ein Fantasma, ein Wunschbild. Man kriegt nichts zurück, weil die Vergangenheit ja einfach vergangen ist. Wenn es gut läuft, begegnet man etwas Neuem - aber geschieht das wirklich nur im Urlaub?

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