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Reisen und Klima

Welchen CO2-Fußabdruck hinterlässt der Urlaub?

Berlin (dpa/tmn)

Dass gerade Flüge und Kreuzfahrten alles andere als gut fürs Klima sind, ist vielen Urlaubern bewusst. Wie viel Treibhausgase verursacht man auf Reisen? Das lässt sich ausrechnen - und ausgleichen.

Von Tom Nebe, dpa

Mit Blick auf die Menge ausgestoßener Treibhausgase pro Kopf ist Fliegen die klimaschädlichste Art des Reisens. Foto: Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn

Der Klimawandel lässt viele Menschen anders aufs Reisen blicken. Und auch wenn der Effekt des CO2-Fußabdrucks, den der Urlaub verursacht, mit Blick auf globale Treibhausgasmengen und damit auf die Erderwärmung verschwindend gering erscheint: Es gibt ihn.

Wer möchte, kann die Menge der auf der Reise ausgestoßenen Treibhausgase, die auf einen selbst entfällt, ausrechnen und kompensieren. So reist man womöglich mit besserem Gewissen.

Kurz zur Einordnung: Im Schnitt sorgt jeder Deutsche pro Jahr für einen Treibhausgasausstoß von rund elf Tonnen CO2-Äquivalenten. Als Industrienation mit hohem Konsumniveau liegt die Bundesrepublik weit über dem Weltdurchschnitt. Klimaverträglich wäre laut Umweltbundesamt ein weltweiter Pro-Kopf-Ausstoß von weniger als einer Tonne.

Es ist also ein weiter Weg. Klimafreundlicher Reisen kann eine Etappe davon sein.

In Deutschland lieber mit Bus und Bahn

So gilt gerade bei innerdeutschen Reisen: Lieber mit dem Zug oder Fernbus reisen, dann ist der CO2-Fußabdruck der Reise viel geringer als im Auto - zumindest wenn man alleine fährt - oder im Flieger. Ein Beispiel? Wer von Hamburg nach München und zurück mit Reisebus oder Bahn fährt, spart im Vergleich zum Flug oder zur Autofahrt (allein) mindestens 239 Kilogramm CO2-Äquivalente ein, heißt es bei der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft co2online.

Längere Strecken sind ohne Fliegen indes kaum machbar. Hier setzt etwa das Portal «gruener-fliegen.de» an: Es zeigt auf Basis von mehr als zwei Dutzend Kriterien die vergleichsweise «umweltfreundlichsten» Flüge für die gesuchte Verbindung an. Dabei geht es um Faktoren wie Auslastung und Modernität der Flotte. Das Portal stellt aber klar: Jeder Flug sei umweltschädlich, auch die dort aufgelisteten.

Eine ganze Menge aufs eigene CO2-Konto zahlen Urlauber bei Kreuzfahrten ein. Der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes gibt für zehn Tage Seekreuzfahrt pauschal gut eine Tonne an, also etwa ein Zehntel des jährlichen Pro-Kopf-Durchschnittsausstoßes in Deutschland. Eine mögliche Anreise per Flugzeug ist dabei noch nicht eingerechnet.

Im Detail hängt die Bilanz bei Kreuzfahrten natürlich auch von Faktoren wie der Größe des Schiffes und der Antriebstechnologie ab. Flüssigerdgas (LNG) ist etwas CO2-emissionsärmer als Marinediesel, und Feinstaub sowie Schwefeloxide stoßen LNG-Schiffe so gut wie gar nicht aus. Klimafreundlich sind LNG-Schiffe durch ihren ebenfalls hohen CO2-Ausstoß allerdings keinesfalls.

Die Auswahl an CO2-Rechnern ist groß

Wer für seine Reise den CO2-Fußabdruck berechnen will, kann den CO2-Rechner des Umweltbundesamtes nutzen. Hier gewinnt man unter anderem für Flug- und Schiffsreisen einen groben Eindruck über den CO2-Fußabdruck der Reise.

Mit einer Vergleichstabelle der Behörde, die für Auto, Bus, Bahn und Inlandsflug Durchschnittswerte für emittierte Treibhausgase in Gramm pro Personenkilometer angibt, lässt sich der Fußabdruck für eine Reisestrecke auch händisch ausrechnen.

Die Deutsche Energie-Agentur (dena) bietet online ebenso einen intuitiv bedienbaren CO2-Äquivalenten-Rechner an. Der zeigt neben dem CO2-Fußabdruck auch Routenvorschläge an. Für diese Funktion wird laut dena der Kartendienst Google Maps genutzt.

Eigene CO2-Rechner gibt es darüber hinaus etwa bei Kompensationsanbietern wie Atmosfair, Klima-Kollekte oder Myclimate. Ihr Geschäftsmodell: Man zahlt einen freiwilligen Ausgleich für das durch die Reise produzierte Treibhausgas. Mit dem Geld werden dann Klimaschutzmaßnahmen finanziert.

Reisebüros und Online-Buchungsportale bieten die Möglichkeit so einer Kompensation bei der Buchung oft schon direkt mit an.

Die Kosten der Kompensation

Bei Flügen von Berlin nach London und zurück ist der Betrag noch ziemlich überschaubar, wenn man den Angaben der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft co2online folgt: Mit 13 Euro sind die dabei im Schnitt verursachten 526 Kilogramm CO2 bereits kompensiert.

Je weiter weg es geht, desto höher sind die Kosten: Flüge von Frankfurt über Los Angeles nach Wellington in Neuseeland hin und zurück verursachen demnach 13396 Kilogramm CO2 pro Person - wer das vollständig kompensieren möchte, müsste 309 Euro Kompensation zahlen.

Bewussterer Umgang mit Reisen

Dass die Klimabilanz eines Urlaubs wichtiger wird, hat auch die Reisewirtschaft längst erkannt. Bei Kunden sei eine Tendenz hin zu einem bewussteren Umgang mit dem «Produkt Reise» erkennbar, der sich in den kommenden Jahren deutlich verstärken dürfte, hieß es in einem Papier des Deutschen Reiseverbandes (DRV) aus dem Herbst 2021.

Schon länger einen Fokus auf umweltverträgliches und sozialverantwortliches Reisen legt das Forum Anders Reisen, ein Zusammenschluss von nachhaltigen Veranstaltern.

Was für Auswirkungen hat eine Reise auf die Umwelt? Unter anderem werden sich Urlauber diese Frage immer häufiger stellen. Im Zweifel buchen sie nach Einschätzung des DRV anders, in reduziertem Umfang - oder gar nicht mehr. Eine Maßnahme zum Gegensteuern soll Transparenz sein. So soll schon bei der Buchung über den CO2-Fußabdruck für Anreise und Unterbringung informiert werden.

Umgesetzt hat diese Prämisse zum Beispiel schon der Veranstalter Studiosus. Er gibt in allen Katalogen seit diesem Mai die anfallenden CO2-Emissionen an. Schon seit 2021 kompensiert Studiosus nach eigenen Angaben den Treibhausgas-Ausstoß aller durchgeführten Reisen durch die Investition in den Bau von Biogasanlagen in Nepal.

Auch der Berliner Anbieter Chamäleon Reisen kalkuliert den CO2-Fußabdruck für jede Reise durch, gibt ihn an und kompensiert ihn den Angaben nach, indem eine entsprechende Fläche Regenwald unter Naturschutz gestellt wird.

Standards für Kompensationsprojekte

Regenwaldschutz und Biogasanlagenbau: Diese zwei Beispiele zeigen schon, dass die Art der Kompensation sehr vielfältig sein kann. Im Detail abschätzen, wie nachhaltig und zielführend die Ausgleichsprojekte sind, können Reisende kaum.

Ein erstes gutes Zeichen ist zumindest schon mal, wenn die Klimaschutzprojekte bestimmten Qualitätsstandards entsprechen: Das Umweltbundesamt nennt unter anderem den Clean Development Mechanism (CDM), den Verified Carbon Standard (VCS) und den The Gold Standard. Sie stellen demnach vor allem sicher, dass die Treibhausemissionen tatsächlich in der angestrebten Höhe ausgeglichen werden.

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