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Radsport: Der Borgholzhausener Andreas Ewert hat die entscheidende Etappe beim Jedermann-Rennen bereits gemeistert

33 Kilometer bergauf ins Glück

Borgholzhausen  (WB). Die Tour de France endet am Sonntag, die Entscheidung über den Gesamtsieg beim größten Fahrrad-Rundrennen der Welt wird aber wohl Samstag auf der letzten Berg-Etappe von Albertville nach Val Thorens fallen. Vor knapp einer Woche hat der Borgholzhausener Andreas Ewert die »Monster-Etappe« mit ihren knapp 4.500 Höhenmetern und dem 33 Kilometer langen Schlussanstieg schon einmal in Angriff genommen und erfolgreich bewältigt.

Jens Horstmann

Andreas Ewert hat die Etappe nach Val Thorens mit dem 33 Kilometer langen Anstieg im Jedermann-Rennen gemeistert. Foto: alpecin/Henning Angerer

»Das ist ein richtiges Brett«, berichtet der Piumer am Tag nach seinem persönlichen Husarenritt durch die französischen Alpen. Aber er ist bestens gelaunt: »Das ist das Tolle am Radfahren. Es belastet die Gelenke nicht. Und am nächsten Tag könnte man sich direkt wieder aufs Rad schwingen.« Doch was nicht muss, das muss auch nicht. »Ewy« erzählt, nachdem er tags zuvor über acht Stunden im Sattel saß, lieber von seinen zahlreichen Eindrücken der außergewöhnlichen Etappe. Im Rahmen der l’Etape du Tour nahm er zusammen mit rund 15.000 Jedermann-Fahrern aus aller Herren Länder die 137 Kilometer von Albertville nach Val Thorens in Angriff. Die insgesamt 4563 Höhenmeter, verteilt auf die drei Gebirgspässe Cormet de Roselend (1968 m/1. Kategorie), Cote de Longefoy (1190 m/2. Kategorie) und die Bergankunft im Skigebiet Val Thorens (2365/höchste Kategorie) machten dabei sowohl Reiz als auch Herausforderung aus.

Zur Person

Andreas Ewert gehörte als ehemaliger Hermannslaufsieger und Rekordhalter im Kreis Gütersloh über 10 Kilometer (30:14) und die Halbmarathondistanz (1:06:41) zu den absoluten Top-Läufern in OWL. Auf das Tour-Abenteuer hat er sich gewissenhaft vorbereitet. 11.000 Kilometer spulte er in den vergangenen zwölf Monaten auf dem Rad ab. »Am Wochenende bin ich schon immer zwischen 100 und 150 Kilometer gefahren und unter der Woche dann mit dem Fahrrad zur Arbeit. Zeitlich war das wirklich in Ordnung und keine enorme Belastung. Unsere beiden Töchter sind erwachsen, da geht das ganz gut. Aber ich wollte mal etwas anderes machen. Beim Laufen gab es für mich keine Herausforderung mehr. Und jünger wird man ja auch nicht«, so der 56-jährige.

Jedes Jahr dürfen die Teilnehmer des Jedermann-Rennens bei der l’Etape du Tour eine Originaletappe des härtesten Radrennens der Welt nachradeln. Die Bergankunft in Val Thorens war dabei der bisher höchste Zielort in der Geschichte. Zumal der Schlussanstieg fast schon aberwitzige 33 Kilometer lang ist.

Tour-Feeling

»Ich bin letztes Jahr beim Öztaler Radmarathon schon einmal einen 28 Kilometer-Anstieg hochgeradelt und wusste daher ungefähr, was mich erwartet. Dennoch habe ich mir am Schlussanstieg eine kleine Trinkpause gegönnt und mich an einer Tankstelle mit einem Energydrink, einer Cola und einem Snickers eingedeckt. Die Energie war einfach weg«, sagt Ewert. Später pausierte er noch einmal kurz und füllte die Reserven wieder auf. Geholfen haben dann auch die zahlreichen Zuschauer an der Strecke: »Obwohl die Tour erst in einer Woche kommt, standen hier schon überall Wohnmobile in den Spitzkehren. Die Franzosen sind wirklich radsportverrückt und haben für eine mega Stimmung gesorgt. Das war richtig klasse.«

Auch auf der Strecke hatte »Ewy« zunächst seinen Spaß. »Die ersten 100 Kilometer waren richtig genial. Ich bin den ersten Anstieg aber auch recht defensiv gefahren.« Nur einmal war es fast vorbei mit der guten Laune. Auf der sehr kurvigen Abfahrt vom Cote de Longefoy verbremste sich der Piumer und touchierte bei voller Fahrt fast die Felswand. »Dabei war ich mit 80 Km/h Höchstgeschwindigkeit gar nicht so wild unterwegs. Einige kamen auf dreistellige Zahlen.«

Mit Gänsehaut ins Ziel

Gut, dass Andreas Ewert auf professionellem Material unterwegs war. Ex-Profi Jörg Ludewig, Sportliche Leiter des Jedermannteams Alpecin Cycling, sorgte mit dem entsprechenden Equipment für beste Bedingungen. Ewert, der für die Tour-Etappe »gecastet« worden war, schwärmte: »Die Räder waren richtig klasse, alles war super eingestellt. Im Prinzip war ich komplett ausgerüstet wie ein Profi. So macht es natürlich nochmal mehr Spaß.« Von einem Profiritt war er jedoch weit entfernt. »Die ersten Fahrer haben keine fünf Stunden gebraucht. Das ist Profiniveau, aber mein Anspruch ist ja ein ganz anderer.« Genießen wollte er die Fahrt, zumindest soweit es möglich ist. Mit 8 Stunden und 51 Minuten erreichte er dennoch ein mehr als respektables Ergebnis.

Bei der intensiven Vorbereitung musste der 56-Jährige etwas tricksen. »Es gibt in der Heimat ja keine Anstiege, die auch nur ansatzweise die Alpen simulieren. Natürlich kann man zur Hünenburg rauffahren, aber das sind dann mal gerade 1,5 Kilometer. Klar kann ich da zehn Mal hoch, aber das ist doch langweilig.« Also hat er einfach die Anstiege auf flacher Strecke simuliert. »Wenn der Wind ordentlich pfiff, bin ich volles Brett in den Gegenwind und habe durchgezogen. Anders als beim Laufen funktioniert das so ganz gut.« Und dass sich die Schinderei ausgezahlt hat, merkte »Ewy« wenige hundert Meter vor dem Zielstrich. »Die Zuschauer standen Spalier wie bei der Tour. Und irgendwie habe ich es dann geschafft, sie so zu animieren, dass alle auf die Metallbretter an der Absperrung geschlagen haben. Da habe ich richtig Gänsehaut bekommen.«

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