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Fußball: Lob und Kritik für den Verband, weil dieser die Vereine abstimmen lässt

88 Prozent votieren für Abbruch der Saison

Halle (WB/en/star/guf). Mit großer Mehrheit (88 Prozent) haben Westfalens Fußballvereine für den Abbruch der seit dem 13. März ausgesetzten Saison 2019/20 gestimmt. In der Frage, wie die verkürzte Serie gewertet werden soll, sind sich die Klubs in der Online-Befragung des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen aber völlig uneinig.

Daumen hoch für die Lösung der Handballer. Dass der FLVW seine Vereine abstimmen lässt, das sieht Spvg. Steinhagens Landesliga-Coach Mario Lüke allerdings kritisch. Foto: Sören Voss

Alle 1596 im FLVW registrierten Fußballvereine hatten Freitag eine Mail erhalten, in der sie über vier Optionen abstimmen konnten. 1149 Klubs beteiligten sich, das Ergebnis hat der Verband Dienstag Nachmittag veröffentlicht: 34,2 Prozent stimmten für einen Abbruch samt Annullierung der Saison (das würde bedeuten: keine Auf- und Absteiger), 30 Prozent für einen Abbruch und Wertung nach der Hinrunden-Abschlusstabelle (nur Aufsteiger) und 24,2 Prozent für Abbruch und Wertung nach dem aktuellen Tabellenstand (nur Aufsteiger). Für eine Saisonfortsetzung (wegen der politischen Vorgaben frühestens ab September möglich) plädierten nur 11,6 Prozent.

Weil der Verbands-Fußballausschuss dieses Meinungsbild zur Grundlage für seinen Entscheidungsvorschlag machen will, dürfte die Saison damit beendet sein. „Das Gremium und der gesamte FLVW müssen jedoch nach wie vor die Prüfung der rechtlichen Rahmenbedingungen abwarten“, schränkt Manfred Schnieders ein. Der Vizepräsident Amateurfußball des FLVW (sein Stammverein ist RW Verne im Raum Paderborn) will nicht verraten, wie er sich persönlich die Ideallösung zur Wertung der Saison vorstellt. Das ausgeglichene Abstimmungsergebnis zu den drei Optionen in dieser Frage hilft der Verbandsspitze nicht weiter: Nachdem am Wochenende noch vom 23. April für die Bekanntgabe einer Entscheidung über Fortsetzung und Wertung die Rede gewesen war, heißt es in der aktuellen Pressemitteilung, dass man keinen Stichtag für die Entscheidungsbekanntgabe nennen könne. Bis zum 29. April sind zunächst mal 17 Videokonferenzen mit den Mannschaften aller Männer- und Frauen-Staffeln oberhalb der Kreisebene angesetzt.

Das Verfahren der Vereinsbefragung wird an der Basis kontrovers diskutiert. Frank Sundermeier, Geschäftsführer des Westfalenligisten Delbrücker SC, hatte sich am Wochenende für die Abstimmung ausgesprochen und für seinen Verein verkündet: „In Delbrück sind wir uns zu 100 Prozent einig, dass die Annullierung der Saison die beste Möglichkeit ist.“ Mit seiner Prognose („Ich bin mir sicher, dass mindestens 75 Prozent aller Klubs unserer Meinung sein werden“) lag er allerdings daneben, auch wenn diese Option eine knappe einfache Mehrheit erhielt.

Als einer der Vereine, die um einen Aufstieg spielen, sah es der SCV Neuenbeken, Spitzenreiter der Bezirksliga 3, ganz anders. Dessen Coach Marco Cirrincione kann mit der Option Annullierung genauso wenig anfangen wie mit der Abstimmung selbst. „Mit einer Annullierung würde alles, was mit sportlichen Aspekten zu tun hat, nicht ausreichend wertgeschätzt. Du kannst doch nicht so tun, als hätte es die vergangenen neun Monate, zwei Drittel der Saison, nie gegeben“, sagt der meinungsstarke Trainer, um dann den Einfall der Funktionäre zu verurteilen: „Ich finde es äußerst fragwürdig, dass der Verband meint, er müsste sich ein Meinungsbild von den Vereinen einholen. Ich frage mich, ob unsere Bundesregierung vielleicht auch bald so arbeitet und man dann im Internet anklicken kann, was einem am liebsten wäre. Ich dachte immer, dass Funktionäre gewählt werden, um Entscheidungen zu treffen. Jetzt sieht es so aus, als seien sie dazu nicht in der Lage.“

Der 41-Jährige war aber Anfang der Woche auch davon ausgegangen, dass eine große Mehrheit für die Annullierung plädieren würde, weil es für die meisten Mannschaften nur noch um wenig ginge. Cirrincione hätte mit dieser Aussicht ein Riesenproblem: „Mit einer Annullierung würden es sich die Funktionäre maximal einfach machen. Man muss sich um nichts kümmern. Bevor man das Zimmer aufräumt, wirft man einfach alles in die Mülltonne. Das geht so nicht. Ich sehe diese Leute in der Pflicht, eine faire und sportliche Lösung zu finden.“

Auch der Haller Jens Horstmann, mit TuS Dornberg unangefochtener Tabellenführer der Bezirksliga 2, kann mit der Befragung nichts anfangen und befürchtet eine Annullierung ohne Aufsteiger: „Die Handballer haben es doch gerade vorgemacht. Inklusive der Wildcards, Quotienten etc. Eine vorbildliche Arbeit und Lösung. Die Fußball-Funktionäre scheinen die Verantwortung aktuell lieber auf die Vereine abzuwälzen, indem man abstimmen lässt. Ich hoffe, die Entscheider schauen mal über den Tellerrand.”

Spvg. Steinhagens Coach Mario Lüke sieht die Abstimmung ebenfalls kritisch, obwohl seine Mannschaft als Tabellenvorletzter Nutznießer eines Saisonabbruchs wäre: „Man bekommt so kein objektives Bild, weil fast jeder nach eigenen Interessen abstimmt.“ Lüke möchte nicht in der Haut der Funktionäre stecken, „weil es die perfekte Lösung nicht gibt“. Er sagt aber auch: „Das Modell der Handballer wäre eine der fairsten Lösungen.“ Der Haken: Die “Handball-Regelung” mit Punktequotient plus Wildcards bis zu einem gewissen Leistungsabstand war bei der FLVW-Abstimmung keine Option.

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