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BW Halles Teamchef Thorsten Liebich über knifflige Aufgaben und die Bundesliga-Zukunft

»Das geht nur, wenn du tennisbekloppt bist«

Halle  (WB). Nach fünf Wochen im Dauereinsatz als Teamchef des Gerry-Weber-Teams BW Halle hat Thorsten Liebich am Montag einen wohlverdienten Urlaubstag eingelegt. Bevor er mit seinen drei Söhnen in Richtung Nordsee aufbrach, hat er sich mit WB-Mitarbeiter Sören Voss über den Wert der Vizemeisterschaft und die Perspektiven in der Tennis-Bundesliga unterhalten.

In seinem Element: Halles Teamchef Thorsten Liebich (rechts) mit Robin Haase, der dem Gerry-Weber-Team erhalten bleiben wird. Foto: Sören Voss

Nach zwei Meisterschaften gab es diesmal keinen Titel für den Vereins-Briefkopf. Was wird von der Saison 2018 hängen bleiben?

Thorsten Liebich: Es war eine sehr intensive Saison mit spannenden Situationen, da viele Spieler auf Turnieren erfolgreich waren und nicht zur Verfügung standen. Es hat aber auch gezeigt, dass wir coole Jungs haben, die Spaß haben, für uns auf dem Platz zu stehen und dann sogar noch ihre Turnierpläne umstricken. Unsere Fieberkurve ging stetig nach oben. Wie wir hochgekrochen sind, war sehr zufriedenstellend.

Die Vizemeisterschaft ist also keine Enttäuschung?

Liebich: Auf keinen Fall. Die Vizemeisterschaft fühlt sich an wie ein Sieg. Sicherlich kein schöner Titel, aber es sah lange nicht danach aus und wenn man schlecht startet und es dumm läuft, kann es in einer ausgeglichenen Liga auch Blau-Weiß Halle passieren, dass man plötzlich ganz unten drin und in Abstiegsgefahr steckt.

Wie haben Sie Mannheims Teamchef Gerald Marzenell zur Meisterschaft gratuliert?

Liebich: Ich habe Gerald am Samstag nicht erreicht, ihm aber direkt eine Sprachnachricht geschickt. Der Titel ist verdient, weil sie seit Jahren Meister werden wollten und jetzt mit Marterer, Albot oder sogar Thiem auch in der Spitze eine Breite haben, mit der sie allen überlegen sind. Gegen uns waren elf Spieler an der Anlage. Dass ein Gerald Melzer kein Einzel spielt, wird sich keine andere Mannschaft leisten können. Mannheim ist der einzige Verein, der auch durch die Zuschauereinnahmen und Sponsorennetze diese Gelder zur Verfügung hat. Das hat sich der Klub lange Zeit erarbeitet. Egal, wer nächstes Jahr nach oben schaut - Mannheim wird das Ziel sein.

Aber auch die Haller Bilanz konnte sich sehen lassen. Jeremy Jahn hat ein 10:3-Plus, Jan-Lennard Struff 7:1...

Liebich: Jeremy Jahn hatte unfassbar energievolle Auftritte. Klasse, dass er sich mehr als etabliert hat, nachdem er letzte Saison noch nicht so richtig drin war. Nicht vergessen darf man aber auch Daniel Munoz. Er hat viel Herzblut geopfert und macht ja nicht nur aus Spaß eine Woche mit der Familie Urlaub in Halle. Es gibt sicherlich schönere spanische Urlaubsorte als den Tierpark Olderdissen – aber so konnte er spielen, ohne die Rote Karte und Stress von seiner Familie zu bekommen. Struffi hat schon mehr gespielt und würde das, genau wie Robin Haase, auch machen. Beide sind sowohl im Einzel als auch im Doppel zu gut. So viel Spaß ihnen die Bundesliga ihnen auch macht, aber wir sind nur eine geliebte Zusatzveranstaltung.

Im Vergleich zum Vorjahr ist das Zuschauerzuspruch gesunken. Lag es am Spielplan, den Gegnern oder eher am Wetter?

Liebich: Eine Mischung aus allem. Wir hatten letztes Jahr namhaftere Gegner, gegen die automatisch mehr Leute kommen. Diesmal hatten wir zwei Spieltage freitags. Und auch die Spannungskurve war nicht da - was sich summiert. Insgesamt ist das, verglichen mit den anderen Vereinen, aber immer noch in Ordnung.

Im Hinblick auf die Ausgaben dürfte es dafür eine günstige Saison gewesen sein, weil die Spitzenspieler weniger zum Einsatz gekommen sind.

Liebich: Das war nicht so geplant, ging aber eben nicht anders. Wir sind nicht an die Budgetgrenze gegangen und konnten es auch gar nicht. Aber aus der Not heraus ist es trotzdem gut gelaufen.

Stichwort Budget. Inwieweit ist zu befürchten, dass die mäßigen Bilanzen der Gerry Weber AG sich kurzfristig auch auf Blau-Weiß Halle auswirken?

Liebich: Natürlich ist das in der ganzen Szene, die mit Tennis etwas zu tun hat, und auch in Halle ein Thema. Aber wir haben den offiziellen Teamnamen gerade erst in »Gerry-Weber-Team« umgeändert. Und wir haben einen Teammanager Ralf Weber, der gleichzeitig Vorstandsvorsitzender ist, der seine Aufgabe sicherlich so gewissenhaft machen wird, dass wir weiterhin gut aufgestellt sein werden.

Wie ist der Stand der Bundesliga-Planungen für die neue Saison?

Liebich: Sportlich lief es gut, die Truppe ist charakterlich einwandfrei – da muss man nur wenig ändern. Ich werde mich demnächst mit Gerhard und Ralf Weber zusammensetzen und schauen, welches Budget zur Verfügung steht. Daran wird sich dann auch die Zielsetzung orientieren. Anschließend müssen wir schauen, ob wir das mit dem bisherigen Kader so angehen können und wollen. Struff und Haase bleiben auf jeden Fall. Mannheim offensiv anzugreifen, ist aus meiner Sicht nicht nötig. Wir haben gezeigt, dass wir sie an so manchen Tagen schon schlagen können. Bei Joao Sousa, der wohl doch weniger Interesse hat als gedacht, könnte man überlegen, ob man einen anderen Namen verpflichtet. Tallon Griekspoor hat auch kein Spiel gemacht - aber weil er verletzt war. Ihn möchten wir behalten.

Darf man als Teamchef einer Tennis-Mannschaft eigentlich auf die Uhr gucken, um den Arbeitsaufwand zu erfassen?

Liebich: Nein. Es ist ein Ganzjahres-Job, weil man mit vielen Spielern und Managern in Kontakt steht oder in Streams und Statistiken nach möglichen Neuzugängen guckt. Das geht nur, wenn du tennisbekloppt bist und das private Umfeld dahintersteht. Wenn es ums Geld gehen würde, würde ich den Job nicht mehr machen.

Das klingt nicht gerade nach Abnutzungserscheinungen...

Liebich: Nein, die sehe ich momentan im Verein und bei mir nicht. Für mich ist wichtig, dass Tennistage dabei sind mit 3000 oder mehr Zuschauern, wie gegen Köln oder Gladbach. Bei mir persönlich sehe ich auch keine Abnutzung. Natürlich ist es wichtig, dass wir rund um die Spieler ein eingespieltes Team haben, dass Thomas (Dappers, Anm. d. Red.) als Trainer, dass Kolja (Herrmann) als Physio weitermachen. Aber wir sind alle so auseinander gegangen, dass wir gesagt haben: Wir freuen uns aufs nächste Jahr.

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