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Jari Erdmann absolviert sein freiwilliges soziales Jahr beim Fußball-Zweitligisten

Ein Steinhagener auf St. Pauli

Steinhagen

Das erste Mal weit weg von zu Hause und das ausgerechnet während der Corona-Pandemie. Seit August lebt der Steinhagener Jari Erdmann in Hamburg und absolviert dort ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) bei Fußball-Zweitligist FC St. Pauli. Da gibt es für den 19-jährigen viele Herausforderungen zu meistern.

Jens Horstmann

Jari Erdmann in seinem Element. In der Fußballschule des FC St.Pauli trainiert der Steinhagener die kleinen „Rabauken“ Foto: Privat

„Am Anfang war es schon nicht ganz einfach. Ich musste erstmal lernen, zu kochen und meine Wäsche selber zu waschen. Zu Hause hat das ja noch Mama gemacht“, gibt der Steinhagener lachend zu. Aber er hat sich schnell an die neuen Lebensumstände gewöhnt. Auch dank eines Kochbuches, dass ihm seine Mutter mit auf den Weg nach Hamburg gegeben hat. Seine Wohnung, in der er alleine wohnt, liegt nur fünf Minuten vom Nachwuchsleistungszentrum des FC St. Pauli entfernt. Aber die Aufgaben von Jari Erdmann sind nicht nur auf einen Einsatzort beschränkt, sondern vielfältig verteilt.

Rabauken auf Tour

Los ging es im Sommer, als die Pandemie zeitweise nicht so akut war und der neue FSJler mit dem Rabauken-Camp, so wie die Fußballschule des Zweitligisten genannt wird, auf Tour ging. „Da war ich dann überall in Deutschland, Stuttgart, Hildesheim, Bonn und natürlich auch in Steinhagen.“ Dort, am Steinhagener Cronsbach, nahm auch alles seinen Anfang. Jaris Vater Oliver Erdmann ist nicht nur Jugendleiter der Spvg., sondern auch St. Pauli-Fan.Er lotste die Fußballschule nach Steinhagen. Mittlerweile hat sich das Rabauken-Camp am Cronsbach als fester Bestandteil für die Spvg.-Jugendlichen in den Sommerferien etabliert. Hier kam auch Jari Erdmann mit dem FC St. Pauli in Kontakt. Zunächst als Spieler, später dann als Übungsleiter. „Irgendwann war ich zu alt, um selber mitzuspielen. Aber ich durfte dann die Trainer unterstützen und regelmäßig helfen.“ Mittlerweile hat Jari sogar die B-Lizenz als Trainer: „Die habe ich tatsächlich mit meinem Papa zusammen gemacht.“

Bewerbung überzeugt

Und die Erfahrungen als Coach halfen auch, beim Bewerbertag des FC St. Pauli zu überzeugen: „Die Trainer im Rabauken-Camp meinten, ich sollte mich einfach mal bewerben. Das habe ich dann getan, ich bin ja selber auch ein riesiger St. Pauli-Fan.“ Am Bewerbertag selber setzte sich Jari Erdmann gegen viele andere Bewerber durch. „Wir haben Teamspiele gemacht und jeder musste auch einen Vortrag halten. Mein Thema war Dribbeln. Und dann mussten wir für die U12 noch eine Übungseinheit vorbereiten, so ähnlich wie bei der B-Lizenzprüfung. Offenbar habe ich dabei überzeugt“, erklärt Jari schmunzelnd.

Unterschied ist riesig

In den zwölf Monaten beim FC St. Pauli nimmt die Trainerarbeit einen Teil seiner Zeit in Anspruch: „Nach den insgesamt acht Rabauken-Camps im Sommer habe ich auch regelmäßig am Training der U8 und U12 teilgenommen. Das war schon etwas ganz anderes als noch in Steinhagen. Selbst in diesen jungen Altersklassen geht es schon richtig professionell zu, die Spannung im Training ist fast immer hoch. Da merkt man schon einen Unterschied zwischen Breiten- und Leistungssport.“ Bei den Einheiten schaute Jari den Trainern über die Schulter und saugte alles auf wie ein Schwamm. „Ich habe unglaublich viel gelernt. Nicht nur über Trainingsinhalte, sondern vor allem auch in Sachen Mannschaftsführung und Teamgefüge.“ Als dann die Corona-Beschränkungen wieder angezogen wurden, war es mit dem Mannschaftstraining natürlich auch für die Jugendteams vorbei. „Wir bieten Individualtraining an, das kann jeder Spieler quasi buchen. Und ich gebe auch selber ein paar Einheiten bis zum Bereich der U14.“

Dauer-Kommandos

Aber seine Arbeitszeit verbringt der 19-jährige natürlich nicht nur auf dem Fußballplatz. „Ich muss auch schon richtig anpacken“, lacht Jari. Während des Spielbetriebes müssen beispielsweise die Trikots sortiert oder Fahrdienste mit dem Vereinsbulli für Spieler der verschiedenen Altersklassen übernommen werden. Auch nach Heimspielen ist der FSJler ein gefragter Mann. „Dann kann ich mich schon darauf einstellen, dass ich nach dem Wochenende erstmal den Rasen des Stadions kämmen und stechen muss.“ Die Spiele des Zweitligisten geben dem Steinhagener aber auch die Chance, hin und wieder eine Begegnung live mitzuerleben, auch während der Corona-Pause.

„Ein paar Jungs sind immer für die Werbung und die Mittelkreisplane zuständig. Und da darf man während des Spiels unter Einhaltung der Hygiene-Regeln natürlich im Stadion bleiben.“ Für den St. Pauli-Fan ist das natürlich ein kleiner Traum. „Das ist echt voll geil, weil man alles mitbekommt. Mir war vorher gar nicht bewusst, wie viel Profis während der 90 Minuten reden. Da wird ununterbrochen auf dem Platz kommuniziert. Und man merkt erstmal, was das für ein Tempo ist. Ein Riesenunterschied im Vergleich zum Spiel im TV.“

Selber war er auch schon in Hamburg aktiv. Beim Bezirksligisten HFC Falke hat der Gymnasiast einen Club gefunden, bei dem er vor dem Lockdown seine ersten Seniorenerfahrungen sammeln konnte. Aber auch hier gibt es Unterschiede zu seinem Heimatverein Spvg. Steinhagen. „Wenn ich da als A-Jugendlicher mittrainiert habe, war das was anderes. Ich war halt Jugendspieler. Bei meinem neuen Verein habe ich keinen Welpenschutz. Die sehen in mir einfach nur einen Konkurrenten.“ Aber aktuell ist Hobby-Fußball auch in Hamburg kein Thema. „Hin und wieder gehe ich laufen. Ansonsten hat man natürlich derzeit bis auf ein paar Ausnahmen nicht so viele soziale Kontakte. Aber damit komme ich klar.“

Fortsetzung möglich

Bis zum 31. Juli dauert Erdmann Engagement auf St. Pauli, Fortsetzung möglich. „Ich könnte mir schon vorstellen, länger hierzubleiben. Aber bisher gab es da noch keine Gespräche. Ich würde gerne noch die Elite-Jugend Lizenz machen und weiter als Jugendtrainer arbeiten.“ Aber auch ein Studium in Sportwissenschaft oder Sportmanagement findet Jari Erdmann interessant. „Natürlich ist Bielefeld auch immer eine Option. Aber aktuell ist es einfach schwer zu sagen, was kommen wird. Ich lasse es mal auf mich zukommen.“

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