Tim Pannhorst ist ein Groundhopper und hat bereits 430 Fußballplätze besucht

„Irgendwann wird es zur Sucht“

Altkreis.

Schlackeplatz oder Arena - der ehemalige Steinhagener Landesliga-Spieler Tim Pannhorst hat 430 Fußballplätze in neun Ländern besucht. Der 30-jährige Groundhopper blickt auf verrückte Reisen zurück, sehnt sich aber vor allem nach dem Amateursport.

Jens Horstmann

Vor der Pandemie immer auf Achse: Tim Pannhorst beim Spiel von Manchester United gegen Crystal Palace (0:0). Foto: Privat

Es gibt viele Menschen, die einer Sammlerleidenschaft nachgehen. Die Leidenschaft von Tim Pannhorst ist der Fußball. Doch der Ex-Steinhagener sammelt weder Trikots noch Autogramme, sondern besucht seit einigen Jahren Fußballplätze und Stadien in ganz Europa. Mehr als 430 Spielstätten hat der 30-Jährige unter anderem in Deutschland, England, Holland, Italien oder Spanien schon für sich entdeckt.

Im Fachjargon bezeichnet man solche Plätze als Ground. Tim Pannhorst ist also ein klassischer Groundhopper. Dieser Begriff beschreibt im positiven Sinne verrückte Fußballfans, die nicht nur ihrer Lieblingsmannschaft ständig hinterher reisen, sondern immer wieder auf der Suche nach dem nächsten Stadion oder Kreisligaplatz sind.

Doch „Panne“, wie ihn eigentlich alle seine Freunde rufen, war nicht immer ein „Groundhopper“. Der Bielefelder konnte selber recht beachtlich kicken, lief in der Jugend unter anderem für den FC Gütersloh auf. Anschließend spielte er beim VfL Theesen, ehe ihn Carsten Johanning zu Landesligist Spvg. Steinhagen holte. „Dort hatte ich super Jahre. Sowohl sportlich als auch mannschaftlich. Mit vielen meiner damaligen Mitspieler wie David Steffek, Andreas Kretschmann, Ede Spilker Benny Schoebel oder Sebastian Herrmann bin ich bis heute sehr gut befreundet. Man kann sagen, ich habe in Steinhagen Freunde fürs Leben gefunden.“ Und dennoch verließ Pannhorst die Spvg. nach zweieinhalb Jahren und schloss sich mit gerade einmal 24 Jahren dem A-Ligisten SV Ubbedissen an. „Für mich war damals klar, dass es nicht mehr höher geht. Maximal wäre vielleicht noch irgendwie die Westfalenliga drin gewesen. Und da war mir dann der Aufwand mit der Fahrt von Ubbedissen nach Steinhagen, wo ich damals gewohnt habe, irgendwann zu hoch. Und ich mache Dinge entweder ganz oder gar nicht.“

Als leidenschaftlicher Fan von Arminia Bielefeld besuchte „Panne“ schon immer regelmäßig die DSC-Heimspiele, und auch sonst war er für ein interessantes Spiel zu begeistern. Richtig Fahrt nahm seine Groundhopper-Karriere dann während der Saison 2015/16 auf. „Ich wollte alle 34 Spiele von Arminia live sehen. Ich hatte also die Zeit und war auch motiviert, es konsequent durchzuziehen. So bin ich zum Beispiel alleine mit dem ICE nach Freiburg und Aue gefahren.“ Am Ende riss die Serie drei Spieltage vor Schluss: „Arminia spielte bei RB Leipzig. Ich hatte schon im Vorfeld länger mit mir gerungen, weil ich das Konstrukt RB als Fan ablehne.“ Die Entscheidung erleichterte ihm dann die Fußballzeitschrift 11 Freunde: „Ich habe da bei einem Gewinnspiel Tickets für St. Pauli gegen 1860 München gewonnen. Die wollte ich nicht verfallen lassen und bin mit meinem Kumpel David Steffek nach Hamburg gefahren.“

Die 34er Serie war so kurz vorm Saisonende nicht mehr möglich. Aber „Panne“ war nun vom Groundhopper-Fieber komplett infiziert. „Irgendwann wird es zur Sucht. Und ich habe mir ohnehin schon immer gerne Jugend-Bundesliga, Regional- oder Oberligaspiele angeschaut. Da war dann irgendwann auch die ein oder andere etwas verrückte Aktion dabei“, gesteht er heute. So flog er mit seinem Kumpel Daniel Schnadwinkel vom SC Peckeloh nach Lissabon zum Champions-League-Spiel des BVB. „Morgens ging es los, mittags waren wir schon am Strand. Abends war das Spiel, ehe wir am Flughafen geschlafen haben und dann zurückgeflogen sind.“

Die Karten für diese Spiele bekommt er auf unterschiedlichste Weise. Oftmals auch über den ganz normalen freien Verkauf. Hin und wieder helfen auch Kontakte und Beziehungen innerhalb der Groundhopper-Szene. „In England ist es gerade bei Topspielen schon schwieriger. Da muss man sich für ein Jahr eine Membership bei dem jeweiligen Heimteam kaufen, da diese Karten es nie in den freien Verkauf schaffen.“

Eine regelmäßige Tour nach England hat bei „Panne“ und seinen Freunden schon länger einen festen Platz im Terminkalender. „Da fahren wir dann mit einer Gruppe um Daniel Keller, Daniel Lichtsinn, Björn Wegener und Sören Voss nach England, schauen so viele Spiele wie wir können und packen natürlich auch immer unsere Knobelbecher ein.“ In insgesamt neun Ländern hat Pannhorst schon Spiele gesehen. Darunter auch in der vierten spanischen und ersten Frauen-Liga in Dänemark. „Außerhalb Deutschlands habe ich aber die meisten Spiele in Holland gesehen. Die Holländer orientieren sich schon sehr an den Engländern - was das Drumherum angeht.“

Nachhalten kann Tim Pannhorst seine Statistik über die Groundhopper-App. Dort trägt man alle Spiele ein, die man gesehen hat. „Natürlich gibt es ein paar Regeln. Wobei nicht alles klar definiert ist.“ Ob man zum Beispiel auch Sportplätze einträgt, auf denen man gespielt hat, oder ob man nur die einträgt, wo man Zuschauer war, entscheidet jeder anders. Andere Regeln sind weit weniger Auslegungssache. Mindestens 45 Minuten muss man von einer Partie gesehen haben, um diese auch als „Ground“ eintragen zu dürfen. „Einmal war ich mit Daniel Keller bei einer Oberligapartie Herne gegen Ennepetal auf einem Mittwochabend, wo nach 20 Minuten das Flutlicht ausfiel. Da dachten wir schon, alles wäre umsonst gewesen. Aber nach 40 Minuten funktionierte das Licht dann wieder.“

In der Saison 2017/18 verbuchte Pannhorst mit 132 Begegnungen seine bisher meisten Spiele in einem Jahr. „In Bielefeld habe ich mittlerweile wirklich überall schon ein Spiel gesehen, wo aktuell noch gespielt wird. Da habe ich keinen schwarzen Fleck mehr. Ein Stadion, das ich noch nicht gesehen habe, aber unbedingt besuchen möchte, ist das Camp Nou. Da muss ich vor dem Umbau definitiv noch einmal hin.“

Doch die Reise nach Barcelona könnte eine Ausnahme sein. Zwar hat sich Tim Pannhorst die Lust auf den Fußball auch durch die Pandemie nicht nehmen lassen. Doch das bezieht sich vor allem auf den Amateurfußball: „Auf diese Spiele freue ich mich sehr. Die Lust ist eher gestiegen. Den Spaß am Profisport habe ich hingegen etwas verloren. Die Sicht ist dort so auf die eigene Blase beschränkt. Es gab einige Aussagen, über die ich mich gewundert habe und die ich sehr komisch finde. Daher verspüre ich gerade keinen großen Drang nach Profifußball im Stadion.“

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