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Der Haller Judd Winter zählt zu den größten Rugby-Talenten in NRW und hat schon mit Nationalspielern trainiert

Mit offenem Visier – aber ohne Theater

„Rugby? Das ist doch das mit den Protektoren. Spielst du bei den Bulldogs?“ Nein, Judd Winter hat sich keineswegs dem American Football verschrieben und braucht für seinen Sport auch keine Hartplastik-Rüstung: Der Haller ist dem mindestens ebenso harten Kampf um ein anderes Leder-Ei verfallen und zieht beim Rugby ohne massive Protektoren ins sportliche Gefecht.

Gunnar Feicht

Judd Winter in Aktion: Beim Rugby geht es knallhart zur Sache. Doch Fair Play wird groß geschrieben, während Schauspieleinlagen verpönt sind. Foto: Mark Harris

Halle. Mit Engelsgeduld hat er Freunden und Mitschülern den Unterschied erklärt, die manchmal verständnislosen Blicke stören ihn nicht. Denn die Faszination des hierzulande kaum bekannten Teamsports hat ihn gepackt: „Es geht knallhart zur Sache, da ist auch viel Adrenalin im Spiel. Aber hinterher klatscht man sich ab und trinkt mit den Gegenspielern zusammen ein Bier.“ Dieser Kampf mit offenem Visier und ohne theatralische Schauspieleinlagen, er lässt den noch 18-Jährigen nicht mehr los. Und hat ihn dieses Jahr bereits ins Blickfeld der Auswahltrainer des Deutschen Rugby-Verbandes geführt. Im August wurde er ins zehnköpfige Talentaufgebot berufen, mit dem NRW-Landestrainer Dirk Frase nach Heidelberg reiste. Im Leistungszentrum des Deutschen Rugby-Verbandes trafen sich die vielversprechendsten Nachwuchshoffnungen der Landesverbände zu einem mehrtägigen Leistungssport-Lehrgang.

„Das war mega interessant und eine große Ehre. Wir wurden von den Mitgliedern der deutschen Siebener-Nationalmannschaft trainiert, haben ein richtig intensives sportliches Programm durchgezogen, aber auch unheimlich viel rund um den Leistungssport erfahren – von der richtigen Ernährung bis zu den Möglichkeiten, als Sportsoldat gefördert zu werden.“ Für Judd Winter waren die Erfahrungen in der Metropole des deutschen Rugby-Sports kurz nach dem bestandenen Abitur am Haller Kreis-Gymnasium ein großer Motivationsschub. Und natürlich enorm wichtig in einem Jahr, das wegen der Corona-Krise praktisch keinen Spielbetrieb bietet. Bei nur etwa 25 Vereinen in NRW ist es ohnehin schwierig, leistungsgerechte Ligen zu bilden. Jetzt grätscht der zweite Lockdown dazwischen: Der für die Saison 2020/21 aus der Not geborene „NRW Tackle-Corona Cup Westfalen“ mit sechs Teams kam nach nur einem Bielefelder Spiel gegen Münster schon wieder zum Erliegen.

Trotzdem brennt in Judd Winter der Traum, in einigen Jahren mal fürs deutsche Nationalteam zu spielen. In einem Verband mit nur gut 16.000 Mitgliedern ist dies für Quereinsteiger durchaus nicht unrealistisch. Wie kam Judd Winter, der als Grundschüler beim SC Halle Fußball spielte und anschließend sechs Jahre Karate betrieb, überhaupt zum Rugby-Sport? „Ich habe mir im Herbst 2015 mit meinem Vater die Spiele der Weltmeisterschaft im Fernsehen angesehen. Das hat mich so gepackt, dass ich mich umgehört habe, wo es Vereine in der Umgebung gibt.“ Judd Winter versuchte sein Glück beim Bielefelder Rugy-Club: „Ich bin einfach zum Training gefahren und wurde gleich super aufgenommen. Man spürt sofort den besonderen Teamgeist.“ Auch dass echtes Fair Play gelebt wird und Reklamieren beim Schiedsrichter verpönt ist, gefällt Winter.

Bei den Grundübungen „fangen, laufen, passen“ erkannten die erfahrenen Trainer schnell, wo der mit heute 1,80 Meter und 75 Kilo eher schmächtige Haller seine Stärken hat: „Ich bin laufstark, wendig und kann gut passen. Deshalb hieß es: Probier es mal auf der 9.“ Der Spieler mit dieser Trikotnummer ist als Gedrängehalb erste Ballstation nach den Kontaktsituationen und neben dem Verbinder (Nummer 10) der Spielmacher einer 15er-Rugbymannschaft. Bei guter Spielübersicht kann er auch selbst die Verteidigung durchbrechen und als Ballträger in der gegnerischen Endzone punkten.

Als Gedrängehalb hat sich Judd Winter in NRW bereits einen Namen gemacht. Er selbst wird nicht müde, für seinen in Deutschland exotischen, in Neuseeland, Australien, Südafrika und einigen europäischen Ländern aber extrem populären Sport zu werben und Vorurteile abzubauen: „Rugby ist auf keinen Fall eine wüste Keilerei, wo nur 120-Kilo-Typen aufeinander krachen. Taktik spielt eine große Rolle und extrem strenge Regeln schützen die Spieler. Nach einem Spiel tun dir zwar die Knochen weh, aber ich hatte noch nie Verletzungen, die mir nicht auch beim Laufen hätten passieren können.“ Deshalb hofft Judd Winter, dass es im neuen Jahr endlich wieder losgeht und er seinem Vorbild Faf de Klerk aus Südafrikas Weltmeistermannschaft nacheifern kann: „Der ist nur 1,70 Meter groß aber der perfekte Neuner, weil er wuselig und für den Gegner extrem eklig spielt.“ Ein paar Tricks gehören eben auch dazu – bevor man sich hinterher abklatscht und mit dem Gegenspieler ein Bier trinkt.

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