Der Landessportbund NRW stellt einen Plan auf, bei dem ein Stufenmodell eine wichtige Rolle spielt

So gelingt der Wiedereinstieg in den Sport

Altkreis (WB).

Seit mehr als drei Monaten lähmt der Lockdown die 18.000 Sportvereine in NRW. Der Zeitpunkt, wann es wieder losgehen kann, ist noch nicht absehbar. Aber wenn es soweit ist, fordert der Landessportbund NRW einen klaren Plan, bei dem Schul- und Vereinssport auf Augenhöhe stehen sollen.

Sören Voss

Auch die Handballer wären froh Foto: Jannik Jürgens

Eine Umfrage der Deutschen Sporthochschule Köln unter mehr als 20.000 Sportvereinen brachte erschreckende Zahlen hervor: 44 Prozent der Vereine im Breiten- und Amateursport würden inzwischen Mitgliederrückgänge verzeichnen. Jeder zweite Sportverein in Deutschland (52,4%) erwarte in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohliche Lage. So schlimm wie den TSG Bergedorf aus dem Hamburger Osten, der aufgrund von fehlenden Neuanmeldungen in den vergangenen zwölf Monaten von 11.000 auf 9.000 Mitglieder schrumpfte, trifft es die heimischen Vereine glücklicherweise nicht.

Anders als Großvereine, die sich sehr dienstleistungsorientiert aufgestellt haben, setzen die Clubs wie aus dem Altkreis Halle auf ein starkes Wir-Gefühl, bei dem sich die Mitglieder nicht als Kunden, sondern als Teil einer starken Wir-Gemeinschaft sehen. Studienleiter Professor Christoph Breuer erklärt im Interview mit sportschau.de: „Jedes Mitglied hat eine Art Treue-Akku gegenüber dem Verein.“ Dieser sei zunächst gut gefüllt, aber „entlädt sich mit laufender Lockdown-Zeit.“

Von höheren Hürden zur Kündigung der Mitgliedschaft geht deshalb auch der Landessportbund (LSB) NRW in seinen Schätzungen aus, denen zufolge der Verlust an Mitgliedern deutlich weniger dramatisch sei und sich auf etwa drei bis vier Prozent belaufe. Dank umfangreicher staatlicher Hilfsprogramme sei auch die finanzielle Situation der meisten Vereine wenig besorgniserregend.

„Es ist eher das emotionale Problem, das gelöst werden muss. Das soziale Miteinander fehlt“, sagte der Präsident des Landessportbundes (LSB), Stefan Klett am Mittwoch auf einer Konferenz in Düsseldorf.

Mehrere Experten warnen inzwischen vor immensen gesundheitlichen und sozialen Folgen durch den Wegfall der kompletten Infrastruktur für rund fünf Millionen Hobby- und Jugendsportler in NRW. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe weißt zudem auf die besondere Bedeutung des Reha-Sports hin. Von den 60.000 Menschen, die in NRW jährlich einen Schlaganfall erleiden, sind etwa 36.000 nach einem Jahr noch so beeinträchtigt, dass sie auf Sport zur Rehabilitierung angewiesen sind.

Kein Wunder also, dass die Erwartung an die Politik wächst, planbare Öffnungsschritte entlang von festgelegten Corona-Inzidenzwerten in Aussicht zu stellen. Eine klare Vorstellung hat LSB-Präsident Klett. Er wünscht sich beispielsweise einen Stufenplan, in dem „Schul- und Vereinssport auf Augenhöhe“ stehen. In NRW war es zuletzt zu der absurden Situation gekommen, dass Kinder gemeinsam in der Schulturnhalle ihre Sportstunde ohne Maske abhielten, nachmittags aber nicht zum Leichtathletiktraining im Freien durften. Der LSB-Chef betont, dass der allgemeine Gesundheitsschutz „ganz oben“ stehen muss, vertraut aber auf eine Zusage von Ministerpräsident Laschet, nach dem – zunächst bis 14. Februar befristeten – Lockdown neben den Schulen als erstes wieder Sportvereinen unter Hygieneauflagen Trainingsmöglichkeiten zu ermöglichen.

Diese Vorschläge und Forderungen hat der Landessportbund der Staatskanzlei NRW übergeben und dort auch in Gesprächen vorgestellt.

1. Inzidenzwertorientiertes Stufenmodell landesweit umsetzen! Voraussetzung ist eine Festlegung von Inzidenzwerten durch die Politik wie z.B. im Stufenmodell des Landes Schleswig-Holstein vom 26. Januar 2021. Darauf aufbauend bieten wir ein einfaches, sicheres und landesweit umsetzbares Stufenmodell für den Wiedereinstieg in den Vereinssport an. Sportvereine können diese Stufen kontrolliert umsetzen. Sie bieten sicheres Sporttreiben unter Anleitung, mit festen Regeln, festen Orten und festen Gruppen. Sie können auf erprobte Hygienekonzepte aus 2020 zurückgreifen.

2. Vereinssport für Kinder und Jugendliche am Kita-/Schulbetrieb ausrichten! Im zweiten Lockdown 2020 wurde die Sportausübung für Kinder und Jugendliche in den Sportvereinen vollständig untersagt, während der Schulsport (zeitweise) unter definierten Bedingungen weiter stattfinden konnte. Sportvereine bieten aber nach allen Erkenntnissen das gleiche Schutz-/Risikoniveau wie Kitas und Schulen. Deswegen fordern wir für die Öffnungsschritte in 2021 ein einheitliches Vorgehen für den Kinder- und Jugendsport in Kitas, Schulen und Sportvereinen. Das schafft Handlungssicherheit für alle Akteure (auch die Kommunen), erhöht die Akzeptanz politischer Entscheidungen bei allen Beteiligten durch Gleichbehandlung, fördert die Entwicklung und den Transfer von Best-Practice-Modellen und unterstützt die Wiederaufnahme von Kooperationen zwischen Kitas, Schulen und Sportvereinen. Mithin ein Gewinn für alle, vor allem aber für die Kinder und Jugendlichen, die dringend Bewegung, Spiel und Sport benötigen.

3. Verständliche Regeln in der Corona-Schutzverordnung schaffen! Was nicht über das Stufenmodell geregelt werden kann (z. B. Zulassung von Zuschauern, Nutzung der Nebenräume von Sportanlagen etc.), muss in der Corona-Schutzverordnung einfacher als bisher geregelt werden. Und diese Regeln müssen (auch von den Kommunen) landesweit einheitlich angewendet werden. Wir fordern dazu ein abgestimmtes Vorgehen zwischen Landesregierung, Landessportbund und Kommunalen Spitzenverbänden.

Rückmeldung aus den Vereinen

TuS Brockhagens Handball-Obmann Sven Meister ist seit dem 1. Januar Geschäftsstellenleiter des Handballkreises Gütersloh. Als Ansprechpartner der Vereine kennt er ihre Sorgen, aber auch Erwartungen in diesen ungewissen Zeiten. „Die größte Befürchtung ist, zum einen Kinder und Jugendliche zu verlieren, zum anderen aber auch Ehrenamtliche, wenn Trainer, Schiedsrichter oder die Menschen am Verkaufsstand die freie Zeit am Wochenende ohne Sport zu schätzen wissen“, sagt Meister. Er berichtet, dass es der großen Mehrheit derzeit gar nicht um mögliche Aufstiegsrunden geht, sondern es viel wichtiger ist, überhaupt wieder zu trainieren und irgendwann wieder Testspiele zu bestreiten: „Damit wären viele Handballer schon mehr als zufrieden.“

Vor allem ein inzidenzwertorientiertes Stufenmodell würde es den Vereinen erleichtern, wieder Angebote zu machen und hat laut Meister Charme. Statt immer wieder auf neue Corona-Schutzverordnungen zu warten und mit Vorlaufzeiten umzusetzen, hätte landesweit jeder Verein Planungssicherheit und wüsste, was bei welchem Inzidenzwert erlaubt ist und was nicht: „Der Stufenplan des Deutschen Handball Bundes nach dem ersten Lockdown hat sich ja auch bewährt, richtete sich aber nicht nach Inzidenzwerten.“ Meister weist zudem darauf hin, dass verständliche Regeln in den Corona-Schutzverordnungen auch den Kommunen an sich - und bei der Zusammenarbeit mit den Vereinen - das Leben leichter machen würden.

Stufenmodell zur Öffnung des Sportbetriebs

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