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Zum 80. Geburtstag blickt Eckhard Kleine-Tebbe auf die Highlights seines Lebens für den Leichtathletik-Sport zurück

Zwischen Baldeneysee und Fujiyama

Steinhagen.

Bei den Fußballern seiner Generation entzündete das Wunder von Bern mit Deutschlands WM-Sensation 1954 gegen Ungarn die Leidenschaft für den Sport. Beim Leichtathleten Eckhard Kleine-Tebbe war es Ludwig Müller, der Held von Augsburg: Der schlug 1958 beim Länderkampf im Rosenau-Stadion zweimal die übermächtigen russischen Langstreckler – am Samstag über 5.000 m, am Sonntag über 10.000 m.

Gunnar Feicht

Ein unerschöpfliches Archiv: Eckhard Kleine-Tebbe hat aus mehr als 60 Jahren Leichtathletik Fotos, Zeitungsartikel und Ergebnislisten gesammelt. Damit verbinden sich zahllose Anekdoten und unvergessliche Begegnungen. Foto: Gunnar Feicht

Als zwei Jahre später der Potsdamer Hans Grodotzki in Rom mit zweimal Olympia-Silber über die gleichen Strecken begeisterte, war Kleine-Tebbe längst vom Laufbazillus angesteckt. Eine Infektion der kerngesunden Art, denn der Steinhagener feiert seinen 80. Geburtstag und die Leichtathletik bleibt sein liebstes Steckenpferd. Als Breitensportwart im Kreis-Leichtathletikausschuss, Mann an der Startpistole, Mit-Organisator von Meisterschaften, Sportfesten und Laufveranstaltungen ist er aus der Szene nicht wegzudenken. Und er verspricht in Anlehnung, aber doch im Gegensatz zum fast gleichaltrigen Fußballtrainer Giovanni Trapattoni: „Ich habe noch nicht fertig.“

Stundenlang kann Eckhard Kleine-Tebbe von Begegnungen, Anekdoten, Begebenheiten rund um seinen Sport berichten. Das akribisch geführte Archiv im Keller („Da lagern auch die Ergebnislisten von allen Läufen, die ich bestritten und organisiert habe“) würde Stoff liefern, um sogar tagelang in Erinnerungen zu schwelgen. Zu seinem runden Geburtstag hat der gebürtige Wertheraner, der seit 40 Jahren in Steinhagen wohnt, die sechs größten Highlights seines Sportlerlebens zusammengestellt:

Geprägt vom Essener Laufwunder August Blumensaat - die Zeit bei TuSEM Essen von 1964 bis 67: Beim PSV Bielefeld findet er zwar Anschluss zu regionalen Größen wie Herbert Höke, aber im damaligen Kreis Halle trainiert Kleine-Tebbe meistens allein. „Bei Wettkämpfen habe ich dann die starke Lauftruppe von TuSEM Essen kennengelernt.“ Vor allem von deren charismatischem Anführer ist der junge Langstreckler fasziniert: August Blumensaat, der 1952 und 1956 nur durch unglückliche Umstände Olympia-Teilnahmen verpasst hat, prägt die Laufszene im Ruhrpott. Er hebt den bis heute ausgetragenen Marathon am Baldeneysee aus der Taufe, gewinnt diesen noch als 54-Jähriger mit der starken Zeit von 2:36:09 Std.

Eckhard Kleine-Tebbe nimmt eine Arbeitsstelle bei der Krupp AG an, siedelt nach Essen über und unterzieht sich dem harten Trainingsregiment von Zuchtmeister Blumensaat: „Dienstag und Donnerstag war Vereinstraining mit Distanzen um die 25 km. Jeden Mittwoch bin ich zusätzlich nach der Arbeit alleine um den Parkfriedhof gerannt – und zwar Strecken bis zu 35 km. In den ersten Monaten war ich so platt, dass ich abends um 9 Uhr ins Bett gefallen bin“, erinnert sich Kleine-Tebbe.

Mit seiner Hartnäckigkeit gewinnt er das Ansehen des Trainer-Gurus Blumensaat: Auf das Marathon-Debüt mit 3:10 Std. 1965 folgen Steigerungen bis auf 2:50 in Wilhelmshaven 1966. Aber der TuSEM-Chef regiert mit harter Hand: „Wenn du drei Wochen später nicht in Meerbeck antrittst, fährst du nicht zur Deutschen“, diese Worte hat Kleine-Tebbe noch im Ohr und erinnert sich an seine schlimmste Marathon-Hitzeschlacht bei 35 Grad: „Aber die Starts bei Deutschen Meisterschaften, die damals noch mit Start und Ziel während der Stadionwettkämpfe ausgetragen wurden, bleiben unvergesslich. In Stuttgart haben 40.000 meinen Namen gebrüllt.“

Trainingslager 1968 in Schweden und 1969 in den USA – Treffen mit Trainerlegenden: Am Rand der Wettkampferfolge mit der TuSEM-Truppe knüpft Eckhard Kleine-Tebbe Kontakte zu den Topläufern Harald Norpoth (Olympia-Silber 1964 in Tokio), Bodo Tümmler (Bronze 1968 in Mexiko), Franz-Josef Kemper (Euopa- und Weltrekordler) und Arnd Krüger (zehnfacher Deutscher Meister). Und heftet sich im Schweden-Urlaub an ihre Fährte. Am Ende einer einsamen Lehmstraße findet er das abgelegene Trainingszentrum von Gösta Olander, wo sich auch die deutsche Mittelstrecken-Elite fit macht. „Darf ich mittrainieren?“, fragt Kleine-Tebbe unbekümmert und lernt die bereits 75-jährige Trainerlegende kennen. „Das ist mein bestes Talent“, deutet Olander auf einen jungen Mittelstreckler: Der heißt Anders Gärderud und wird 1976 nach seinem Wechsel auf die 3000-m-Hindernis-Strecke in Montreal Olympiasieger.

Ein Jahr später klopft Eckhard Kleine-Tebbe im Kalifornien-Urlaub beim Santa Monica Track Club an. Wo später Sprint-Legende Carl Lewis trainiert, ist 1969 Langstrecken-Coach Mihaly Igloi der Medaillen-Schmied: „Ich durfte kostenlos mittrainieren und habe später noch lange zu ihm Kontakt gehalten“, sagt Kleine-Tebbe. Der gebürtige Ungar Igloy macht den Leichtathletik-Enthusiasten auch mit Billy Mills, 1964 Sensations-Olympiasieger über 10.000 m, bekannt.

Die Marathonläufe „Quer durch den Kreis Halle“ 1968 bis 1972: Nach seiner Rückkehr an den Teuto macht Eckhard Kleine-Tebbe aus dem Ertrag der Essener Lehrjahre auch als Organisator sein Gesellenstück. Mit einem Helferteam aus den Reihen des TV Werther zieht er von 1968 bis 1975 den Marathonlauf „Quer durch den Kreis Halle“ auf. Das bescheidene Auftaktrennen von Künsebeck nach Oesterweg und ganzen elf (!) Teilnehmern gewinnt der Organisationschef mit persönlicher Bestleistung von 2:44:00 Std. noch selbst. Danach freut er sich, dass die schnelle Strecke mit dem nach Versmold verlegten Ziel von Jahr zu Jahr mehr deutsche Spitzenläufer anlockt.

Die jagen auf dem flachen Kurs nicht nur Top-Zeiten nach, sondern schätzen auch Kleine-Tebbes Improvisationstalent. Der erinnert sich an 1969: „Als ich am Freitagnachmittag vor dem Lauf nach Hause kam, saßen dort vier Berliner in meinem Elternhaus, unter ihnen der Deutsche Meister Hubert Riesner. Die habe ich dann noch kurzerhand im Haller Hotel Schmedtmann untergebracht. Später, als die Teilnehmerzahl stieg, haben wir 50, 60 Teilnehmern Privatquartiere bei Mitgliedern des TV Werther besorgt.“

Bereits am 1. November geht es zum zweiten Mal im Jahr 1969 auf die schnelle Strecke. Da hat Debütant Lutz Philipp aus Darmstadt noch Pech, verläuft sich in Führung liegend in Oesterweg. Aber ein Jahr später lässt sich der dreifache Deutsche Marathonmeister und zweifache Olympia-Teilnehmer im Versmolder Parkstadion für den Deutschen Rekord von 2:15:23 Std. feiern. Kleine-Tebbes Rennen macht bundesweit Schlagzeilen (das WESTFALEN-BLATT berichtete bereits am 25. April zum 50. Jahrestag des Rekordes ausführlich). 1972 geht es zwischen Künsebeck und Versmold sogar um die Olympia-Qualifikation für die Spiele in München und Philipp siegt erneut.

Trainer-Erfolge mit der Spvg. Steinhagen bei den Deutschen Waldlaufmeisterschaften 1972: Erst am 18. Januar wird die Leichtathletik-Abteilung der Sportvereinigung gegründet – schon knapp 15 Monate später kehren die Lauftalente mit zwei Medaillen von nationalen Titelkämpfen zurück. „Ich weiß noch, wie voll die Halle beim ersten Training am 10. Februar 1971 war, und dachte mir: Diese Begeisterung muss man nutzen“, erinnert sich Eckhard Kleine-Tebbe. Neben dem vom TV Werther gekommenen Erhard Dingerdissen startet Roswitha Sprungmann durch, die der Trainer bei den damals üblichen Schul-Kreismeisterschaften entdeckt.

In drei vollgepackten Autos starten die Spvg.-Talente 1972 zur Jugendherberge Hamburg-Horn und verblüffen bei den „Deutschen“ die Experten: Dingerdissen und Sprungmann holen in ihren Schülerklassen jeweils Bronze. „Die Spvg. hat uns dann im Steinhägerhäuschen sensationell empfangen – eine Riesen-Euphorie war das damals“, schwärmt Kleine-Tebbe. Auch privat wird die Zeit bei der Spvg. für ihn zum Glücksfall: Sein ehemaliger Schützling Doris Klos, als junge Athletin Teilnehmerin an Deutschen Meisterschaften, ist seit nunmehr 40 Jahren seine Ehefrau.

Erlebnis Olympische Spiele in München: Als Volkslauf-Organisator Immo Herden für den PSV Detmold 1972 ein Jugendlager in der bayrischen Metropole aufzieht, ist Eckhard Kleine-Tebbe als Helfer und Betreuer mit von der Partie. Die lippische Delegation bezieht in einer Schule nahe der Marathonstrecke ein Matratzenlager und erlebt die heiteren Spiele, aber auch den schrecklichen Anschlag auf die israelischen Sportler hautnah mit. „Wir waren beim Sieg der deutschen 4x100-m-Staffel mit Heide Rosendahl im Stadion und bei Ulrike Meyfarths sensationellem Hochsprung-Erfolg sogar in der Kurve ganz dicht dabei.“

Dies bleibt Kleine-Tebbe ebenso unvergessen wie der Schock am 5. September: „Wir waren noch wenige Stunden vor der Geiselnahme im Olympischen Dorf gewesen, hatten jordanische Sportler besucht, die der Wertheraner Hochspringer Reinhard Heidemann als Studienkollegen kannte. Da konnte man damals einfach so reinspazieren, niemand ahnte etwas Böses.“ Umso fassungsloser sind die Ostwestfalen, als sich kurz nach ihrem Abschied schräg gegenüber vom jordanischen Quartier das Drama mit tödlichem Ausgang anbahnt.

Weltbestenkämpfe der älteren Langstreckenläufer in Japan 1975: Die Interessengemeinschaft der älteren Langstreckenläufer (IGÄL) legt 1970 den Grundstein für die heute sehr aktive Szene der Ü30-Dauerrenner. Unter den Protagonisten, die sich für Wettkämpfe und Wertungen in fair abgestuften Altersklassen einsetzen, ist auch Eckhard Kleine-Tebbe. Als Aktiver fliegt er 1975 mit einer Zwischenstation in Thailand zur inoffiziellen WM der noch jungen Organisation in Fernost. Für den reiselustigen Steinhagener, der bis heute alle europäischen Länder besucht hat, ist dieser Trip bis heute unvergesslich: „Bei den Wettkämpfen am Fuß des Fujiyama waren mehr als 3000 Teilnehmer aus aller Welt, über 10 km bin ich Vierter meiner Klasse geworden. Besonders wichtig ist mir aber, dass damals die langjährige Freundschaft zum ehemaligen Reichs- und späteren Bundestrainer Arthur Lambert entstanden ist.“ Dank dieser Verbindung bekommt die Spvg. Steinhagen 1976 sogar einen Teil der nächsten Weltbestenkämpfe übertragen und richtet am Cronsbach die Wettkämpfe der 32- bis 39-Jährigen aus. „Ohne die Arbeit, die die IGÄL damals geleistet hat, gäbe es die Senioren-Laufbewegung, die wir heute kennen, sicher nicht“, sagt Eckhard Kleine-Tebbe.

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