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Fußball: Daniel Lichtsinn blickt auf die größten Spiele seiner Mannschaften zurück

Nicht mal eine Bratwurst für Bayer-Jungs

Steinhagen-Amshausen (WB). Mit 14 hat Daniel Lichtsinn beim TSV Amshausen seine erste Mannschaft trainiert. Der Startschuss für aufregende, intensive und erfolgreiche Jahre. Der Coach ist mit der C-Jugend des VfL Theesen in die höchste deutsche Spielklasse aufgestiegen und hat in der Regionalliga mit seinem Team gegen den Bundesliga-Nachwuchs von Borussia Dortmund, Schalke 04 oder Bayer Leverkusen gespielt – so wie später auch in der A-Jugend-Bundesliga mit SV Rödinghausen. Lichtsinn, der durchgehend Jugend-Mannschaften geformt hat und auch aktuell die U19 in Rödinghausen trainiert, wird in der kommenden Saison zum ersten Mal seit 19 Jahren nicht mehr an der Seitenlinie stehen.

Stephan Arend

Ob Gladbach oder Leverkusen: Daniel Lichtsinn hat mit seinen Teams die ganz Großen geärgert. Foto:

„Ich werde mehr Luft für Dinge haben, die für andere Menschen völlig normal sind”, sagt der 33-jährige. Zeit mit der Familie, der Freundin und Freunden verbringen. Champions-League-Spiele schauen, abends Essen gehen oder auf Reisen gehen – all das ist bisher oft auf der Strecke geblieben. „In den letzten neun Jahren hatten wir mindestens drei Mal in der Woche Training, seit den A-Jugend-Bundesliga-Zeiten sogar vier Mal. Hinzu kommen die Planungen für die Spiele und die nächste Saison“, gibt Lichtsinn einen Einblick in seine Vereinsarbeit ­– und das alles nach Feierabend, denn hauptberuflich ist er als Bankangestellter tätig.

Der A-Lizenz-Inhaber gibt seinen Trainerposten mit einem guten Gefühl ab. In Till Rohen steht zusätzlich ein qualifizierter Nachfolger zur Verfügung. Lichtsinn spricht von einer strukturellen Verbesserung, denn er selbst bleibt seinem Verein als Nachwuchskoordinator der U17 bis U23 erhalten: „Jetzt bleibt mehr Zeit, mit unseren guten Trainern viele Dinge anzustoßen und zu bewegen.“ Auch als Talentscout des FC Schalke 04 macht er weiter.

Gerade in diesen Tagen, in denen nicht trainiert und gespielt wird, bleibt auch Zeit zurückzublicken. Zum Beispiel auf die Entwicklung von Fabian Kunze, den Daniel Lichtsinn fünf Jahre in Theesen und Rödinghausen trainiert hat. Mittlerweile hat sich Kunze beim Zweitliga-Spitzenreiter Arminia Bielefeld in die erste Elf gespielt. Natürlich hat sein Ex-Coach die Live-Übertragung des letzten DSC-Spiels vor der Corona-Krise in Stuttgart verfolgt und dabei besonders mit seinem Ex-Schützling mitgefiebert: „Montagabend, 54.000 Fans im Stadion und Fabian spielt Mitte der zweiten Halbzeit drei Diagonalpässe in den Fuß des Mitspielers, genauso perfekt wie damals in der B-Jugend des VfL Theesen. Da geht mir das Herz auf.“

Das Herz geht Daniel Lichtsinn auch auf, wenn er auf die fünf Top-Spiele seines Fußballerlebens zurückblickt.

4. Dezember 2011: TFC Werther - TSV Amshausen II (B-Liga) 2:9. Daniel Lichtsinn ist auch aktiver Spieler, kickt bei seinem TSV Amshausen in der Jugend und später in der zweiten Mannschaft. In der besagten B-Liga-Partie in Werther erzielt er sechs Treffer: „So ein Spiel, in dem alles gelingt, hat man nur einmal im Leben. Selbst die Weitschüsse haben im Netz gezappelt.“

16. Juni 2012: Sportfreunde Siegen - VfL Theesen (C-Jugend) 2:6. Gleich in seinem ersten Trainerjahr in Theesen gewinnt Lichtsinn mit dem VfL das Endspiel um die Westfalenmeisterschaft und steigt mit seinen Jungs in die Regionalliga (höchste deutsche Spielklasse) auf. „Ich weiß, dass einige Eltern vor der Saison Bedenken gehabt haben. Da kommt ein junger Coach, der in Amshausen nie höher als Kreisliga trainiert und gespielt hat. Und dann legen wir eine solche Saison hin. Höhepunkt ist das letzte Spiel in Siegen gewesen. Wie im Rausch, so muss sich die deutsche Nationalmannschaft beim 7:1 im WM-Halbfinale gegen Brasilien gefühlt haben.“

Neben Fabian Kunze überzeugen zwei Nachwuchstalente aus dem Altkreis. Tim Mannek, der es später in den Profikader des SC Paderborn schafft, und der dreifache Torschütze Christian Schmidt. Der kommt ebenso wie Lichtsinn vom TSV Amshausen und empfiehlt sich im VfL-Trikot für höhere Aufgaben. Er spielt einige Jahre für den Nachwuchs von Bayer Leverkusen und wechselt in der A-Jugend zu Lichtsinns SV Rödinghausen. Für diesen Verein kickt Schmidt bis heute in der zweiten Mannschaft (Westfalenliga).

22. April 2013: VfL Theesen (C-Jugend-Regionalliga) - Bayer Leverkusen 1:0. Auch in der Regionalliga setzt die „C“ des VfL Theesen ihre Erfolgsgeschichte fort, beendet die Saison als Aufsteiger noch vor Arminia Bielefeld auf Platz acht und ärgert auch die Großen – so wie Bayer Leverkusen. „Wir haben uns gegen Bayer nicht viel ausgerechnet. Um unsere C2 zu unterstützen, sind wir nur mit einem Minikader von 13 Spielern angetreten“, erinnert sich Daniel Lichtsinn an einen „unfassbaren Kampf“ seiner Jungs und an einen total verärgerten Bayer 04-Trainer: „Der war so sauer, dass er seine Spieler sofort in den Bulli gepackt hat und abgefahren ist. Die durften nicht mal mehr eine Bratwurst bei uns im Vereinsheim essen.“

13. März 2016: SV Rödinghausen (A-Jugend-Westfalenliga) - DSC Arminia Bielefeld 1:1. Auch ganz bittere Erlebnisse bleiben immer in Erinnerung. In der Saison 2015/2016 ist für Daniel Lichtsinn und die A-Jugend des SV Rödinghausen der Bundesliga-Aufstieg möglich. Mit einem Sieg gegen Verfolger Arminia mit Coach Carsten Rump und Torjäger Keanu Staude kann der Spitzenreiter seinen Vorsprung auf vier Punkte ausbauen. „Wir haben Armina an die Wand gespielt und hätten schon zur Pause 4:0 führen müssen“, spricht Lichtsinn von einem Galaauftritt seiner Schützlinge, den Christian Schmidt kurz nach der Halbzeit mit dem Treffer zum 1:0 belohnt. Doch ein Blackout von Marvin Bobka holt Arminia ins Spiel und ins Titelrennen zurück. Der Keeper glaubt an eine Unterbrechung wegen Abseits, legt sich deshalb den Ball zum vermeintlichen Freistoß hin. Doch der Schiedsrichter hat gar nicht gepfiffen, und Arminias Dersim-Sahan Kaynak schiebt den Ball zum 1:1 ins leere Tor. Von diesem Rückschlag erholen sich die Lichtsinn-Schützlinge nicht, werden am Ende nur Dritter und der DSC steigt in die Bundesliga auf.

30. September 2018: Borussia Mönchengladbach - SV Rödinghausen (A-Jugend-Bundesliga) 3:3. Mit Verspätung steigt Rödinghausens A--Jugend doch noch in die Bundesliga auf und darf unter anderem „auf dem Champions-League-Teppich“ neben der Arena im Borussia-Park antreten. Favorit Gladbach führt 3:0, und Trainer Thomas Flath wechselt seine beiden stärksten Akteure aus. In der Schlussphase kämpft sich Rödinghausen heran. „Als Julio Koelle in der dritten Minute der Nachspielzeit unser 3:3 erzielt, ist Gladbachs Assistenz-Trainer Oliver Neuville fassungslos“, erinnert sich Daniel Lichtsinn an den Saisonhöhepunkt. Oft ist seine Mannschaft dran, belohnt sich aber als krasser Außenseiter im Konzert der Großen viel zu selten wie an diesem Sonntag-Vormittag in Mönchengladbach und steigt wieder ab.

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