Fußball

Oma Birgitt trainiert sogar mit Krücken

Steinhagen-Amshausen

Sie hat ihren Sohn Andreas (49) ebenso trainiert wie ihre Enkel Dominik (22), Maximilian (20) und Frederik (19) sowie über den Altkreis hinaus bekannte Fußballer wie Pascal Hofbüker, Sebastian Herrmann und Ihsan Kalkan: Birgitt Harz vom TSV Amshausen. Kaum einer der heutigen TSV-Akteure hat nicht unter ihr das Fußball-ABC gelernt

Klaus Münstermann

Birgitt Harz Foto: Klaus Münstermann

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Die 71-Jährige hat ihre Trainer-Laufbahn 1978 beim SC Halle begonnen und nur vor ihrem Wechsel 1986 zum TSV, bei dem sie später auch zwölf Jahre Jugendleiterin gewesen ist, hat sie ein Jahr pausiert. Dennoch denkt Birgitt Harz, die aktuell die Bambini zusammen mit Merle Kindervater betreut, nach 42 „Dienstjahren“ überhaupt nichts ans Aufhören: „Die Arbeit mit den Kindern hält mich geistig fit. Und von meiner Arthrose spüre ich auch nichts, wenn wir trainieren.“

Wie im WM-Jahr 1978 alles begann

In dem Jahr als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Argentinien beim 2:3 gegen Österreich die Schmach von Córdoba hinnehmen musste, hat sich Birgitt Harz gezwungen gesehen, eine Fußballmannschaft zu gründen. „Mein Sohn Andreas war damals sechs Jahre alt und sollte bei den Acht- bis Zehnjährigen in der E-Jugend spielen, weil es keine F-Jugend beim SC Halle gab. Der Sprung wäre aber zu groß gewesen.“

Somit haben Birgitt Harz und ihr Mann Klaus-Peter eine F-Jugend-Mannschaft in der Lindenstadt aufgebaut. „Ich habe praktisch auf der Straße und in Andreas‘ Kindergarten die Kleinen angesprochen, ob sie nicht Lust auf Fußball hätten.“ Mit Erfolg. Zehn Schützlinge wollten fortan trainiert werden. „Dabei hatte ich zunächst keine Ahnung. Ich habe selbst nie gespielt und kannte Fußball nur aus dem Fernsehen. Bei anderen Trainern habe ich mir die Übungseinheiten angeguckt, um zu wissen, was ich machen muss“, erinnert sich Harz.

Ihrem Sohn Andreas zum TSV Amshausen 1986 gefolgt

Als es Birgitts Sohn Andreas 1985 nach Amshausen zog, wollte die heute 71-Jährige nicht alleine beim SC Halle bleiben und legte eine zwölfmonatige Pause ein. Amshausens damaliger Jugendleiter Gresselmeier sprach Birgitt Harz an: „Keine Angst, dein Sohn hat nichts angestellt. Möchtest du in der kommenden Serie bei der F II einsteigen?“ Und schon ging es für sie 1986 als Trainerin weiter. „Ich hatte damals kein Auto. So bin ich bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zum Training gefahren und im Winter auch schon mal auf den Zug umgestiegen.“ Erst 1987 erfolgte der private Umzug nach Steinhagen und die Fahrerei wurde leichter.

„Calli“ Hofbüker turnte zunächst nur an den Stangen

„Es gibt kaum einen Spieler unserer ersten Mannschaft, den ich nicht trainiert habe“, sagt Birgitt Harz. Und dazu kommen welche, die es später in höhere Ligen als die Kreisliga A geschafft haben. Pascal „Calli“ Hofbüker etwa, der beim SC Wiedenbrück ebenso in der Regionalliga spielte wie Ihsan Kalkan beim SV Rödinghausen. „Während sein Bruder Daniel bei der F-Jugend trainierte, turnte „Calli“ nur an den Stangen neben dem Spielfeld herum. Er war erst vier und wir hatten damals keine Mini-Kicker. Ich habe seinen Vater gefragt, ob er nicht bei uns mitspielen sollte“, erinnert sich Harz. Der stimmte zu und Pascal Hofbüker wurde sofort zum Leistungsträger.

Zu Sebastian Hermann, der einige Jahre für die Spvg. Steinhagen die eingebaute Torgarantie war, sagt Birgitt Harz: „Der war in jungen Jahren auch schon gut. Aber seinen Torinstinkt hat er erst später richtig entwickelt.“

Sechs Einheiten pro Woche vor Corona

Neben ihrer Tätigkeit beim TSV Amshausen ist Birgitt Harz auch im Offenen Ganztag an zwei Grundschulen in Amshausen und Steinhagen im Einsatz. „Vor Corona habe ich so sechs Mal pro Woche trainiert. Nur mittwochs hatte ich frei“, sagt Birgitt Harz. Nicht ganz uneigennützig, wie die unermüdliche Rentnerin einräumt. „Aus dem OGS habe ich auch schon mal eine ganze E-Junioren-Truppe rekrutiert“, so Harz und betont: „Ich spreche aber nur Kinder an, die noch keinem Verein angehören.“

2013 war fast Schluss

„Ich wollte 2013 eigentlich aufhören, um mehr bei den Spielen meiner drei Enkel zuschauen zu können“, erzählt Harz. Doch es kam anders. 19 Kinder wechselten aus den F- in die E-Junioren und der TSV gründete eine vierte Mannschaft bei den Acht- bis Zehnjährigen. Einzig ein Übungsleiter fehlte. Natürlich ließ sich Birgitt Harz nicht zweimal bitten. Enkel Frederik, der selbst damals in den D-Junioren kickte, stand ihr als Co-Trainer zur Seite. In früheren Jahren hatten Harz‘ Söhne Andreas und Karsten (52) schon ab und zu die Assistententätigkeit übernommen.

Harz‘ Fazit im Jubiläumsmagazin zum 90-jährigen Vereinsbestehen lautete 2014: „Es gibt gute und schlechte Tage. Die Jungs kämpfen bis zum Umfallen und sind eigentlich immer gut gelaunt. Das ist doch das Wichtigste.“

Novum: Endspiel mit zwei Siegern im Altkreispokal

Weil das schon immer ihr Credo gewesen ist, sorgte Birgitt Harz beim Altkreispokal der F-Junioren 2010 für ein Novum. Nach einem 1:1 im Finale gegen die Spvg. Steinhagen, verzichteten beide Vereine nach Absprache auf ein entscheidendes Neunmeterschießen. Beide wurden zu Siegern erklärt und die Pokale des Erst- und Zweitplatzierten sollten nach einem halben Jahr getauscht werden.

Auf dem Platz sind die Schmerzen vergessen

„Früher war es mit den Kindern leichter. Es gab nur den Fußball und sie haben sich anders benommen. Die Kameradschaft untereinander ist auch heute noch groß, aber irgendwie ist es anders“, sagt Harz. Damals seien Kinder noch von ihren Lehrern zum Fußball geschickt worden, um sich richtig auszupowern. „Sowas kommt heute nicht mehr vor“, so Harz, die betont: „Der Fußball fehlt mir wie noch nie. Corona ist eine grausame Zeit. Für mich genauso wie für die Kinder.“ Das glaubt man ihr gern. „Als ich vor einigen Jahren neue Kniegelenke bekommen habe, stand ich nach sechs Wochen Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt mit Krücken wieder auf dem Platz. Da waren die Schmerzen vergessen.“

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