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Fußball: TSV Amshausens Trainer Meik Tischler blickt auf seine größten Spiele zurück

Zusammenprall mit Schiri – Profitraum platzt

Steinhagen (WB). Poster, Zeitungsberichte, Fotos und sogar eine eigene Autogrammkarte. In einer Kiste hat die Mutter von Meik Tischler all diese Erinnerungen an die Fußball-Karriere ihres Sohnes aufbewahrt. Dieser hat in der Jugend für Spvg. Steinhagen und TSV Amshausen gespielt, es später bis in den Profikader von Eintracht Braunschweig geschafft. Heute ist der 53-Jährige Trainer des A-Ligisten TSV Amshausen und Lehrer an der Gesamtschule in Quelle. Er blickt auf große Spiele wie das Duell mit dem späteren Weltmeister Guido Buchwald zurück – aber auch an den Tag, als ein Schiedsrichter seinen Traum von einer erfolgreichen Profi-Karriere endgültig platzen ließ.

Stephan Arend

Ein Fußballer-Leben in einer Kiste. Für das WESTFALEN-BLATT hat Meik TIschler auf seine größten und wichtigsten Spiele zurückgeblickt. Foto: Stephan Arend

29. August 1989: Hertha BSC - FC Gütersloh 0:1 (0:0). Meik Tischler ist zusammen mit Lutz Nierhoff vom Verbandsligisten Spvg. Steinhagen zum FC Gütersloh gewechselt, der in der Oberliga (damals die höchste Amateurliga) vor einer schwierigen Saison steht. Doch in der ersten Runde des DFB-Pokalwettbewerbs wächst der Außenseiter über sich hinaus, trotzt dem Zweitliga-Spitzenteam Hertha BSC im heimischen Heidewald-Stadion ein 1:1 ab. Somit kommt es zum Wiederholungsspiel im Berliner Olympiastadion. „Das war für uns schon etwas ganz Besonderes. Wir sind von Paderborn mit einer Turboprop geflogen, haben im Hotel gewohnt und uns ein wenig wie Profis gefühlt“, erinnert sich Tischler. Der damals 22-Jährige wird zum gefeierten Matchwinner. „Ich habe im Strafraum gegrätscht, um mit einem langen Bein noch an den Ball zu kommen. Es war ein halber Pressschlag und der Ball ist über den herausstürzenden Torwart Walter Junghans geflogen und ins Tor gerollt“, so Tischler über die Szene, die noch heute auf Youtube aufzurufen ist. Nach dem Treffer rennt der Torschütze jubelnd in Richtung Kurve. „Erst hinterher hat man mir erzählt, dass dort nicht ein einziger Zuschauer war“, lacht Tischler. Überhaupt verirren sich nur 3200 Fans im weiten Rund. Für den finanziell angeschlagenen FCG ist der Einzug in Runde zwei von großer Bedeutung, zumal der nächste Gegner bereits feststeht. Der VfB Stuttgart garantiert ein volles Haus.

23. September 1989: FC Gütersloh - VfB Stuttgart 0:2 nach Verlängerung. In der Tat ist das Heidewaldstadion mit 12.000 Zuschauern ausverkauft. Als der Außenseiter und das Bundesliga-Spitzenteam mit seinen Stars den Rasen betreten, schießt Meik Tischler ein Gedanken durch den Kopf: „Oh man, was sind das für Tiere. Ich dachte immer, dass ich körperlich stark bin. Doch Maurizio Gaudino oder Karl Allgöwer hatten doppelt so dicke Oberschenkel wie ich.“ Vor dem Spiel des Jahres hat sich Tischler im Training eine Schulter-Prellung zugezogen. Doch er verschweigt seine Schmerzen, will unbedingt dabei sein. Gütersloh verliert erst nach späten Treffern von Guido Buchwald (115.), der ein Jahr später mit Deutschland Weltmeister wird und Diego Maradona ausschaltet, und Demir Hotic (118.) in der Verlängerung. In der 34. Minute verpasst es Meik Tischler, der Partie eine ganz andere Wendung zu geben, als er mit Keeper Eike Immel zusammenprallt: „Wir haben beide voll durchgezogen. Ich habe ihn und den Ball getroffen. Immel ist liegengeblieben und hat geschrien. Ich habe gar nicht wahrgenommen, dass das Spiel weiterlief und der Ball frei war. Ich hätte nur aufstehen und ihn ins leere Tor schießen müssen.“ So scheidet der FCG aus und steigt am Ende der Saison auch ab.

Saison 1990/91: Kickers Emden - Eintracht Braunschweig. Zweitligist Eintracht Braunschweig ist auf Meik Tischler aufmerksam geworden und verpflichtet ihn. „Ich hatte keinen Spielerberater. Arminias Manager Rüdiger Lamm hat mir später gesagt, dass er mich groß rausgebracht hätte, wenn ich kooperativer gewesen wäre. Doch ich verbiege mich eben nicht“, erklärt Tischler, warum er aus seiner Sicht nur zu einem Zweitliga-Einsatz für die Eintracht kommt. Immerhin: Er verdient 3.000 Mark im Monat, auch die Kosten für sein Auto und die Wohnung bezahlt der Verein. Keine schlechte Bezahlung für einen Studenten, denn der Neuzugang studiert parallel zum Profifußball Sozialpädagogik, kommt in den Praxiseinheiten auch in Braunschweigs sozialen Brennpunkten zum Einsatz. Das Benefizspiel gegen den unterklassigen Gegner aus Emden will er sich empfehlen. Doch es kommt anders. „Ich habe mich gedreht, um einen Konter zu unterbinden. Dabei bin ich mit dem Schiedsrichter zusammengerasselt. Der Schiri hat sich aufgerappelt und mir die Rote Karte gezeigt“, ist Meik Tischler ob der größten Ungerechtigkeit in seiner Laufbahn noch heute fassungslos. Zumal der Referee auch bei der Sportgerichtsverhandlung bei seiner Version bleibt, dass ihn Tischler mit voller Absicht die Beine weggegrätscht hat. Tischler: „Da die Linienrichter angeblich die Szene nicht gesehen haben, bin ich für vier Monate gesperrt worden. Da war für mich der Ofen in Braunschweig endgültig aus.“

Pfingsten 1993: SV Gadderbaum - TSV Amshausen 3:1 nach Verlängerung. Nach dem kurzen Ausflug ins Zweitliga-Profigeschäft spielt Meik Tischler in Paderborn und bei Preußen Münster auf höchstem Oberliga-Niveau. Doch die Prioritäten verschieben sich für den angehenden Lehrer immer mehr in Richtung Studium. Mit 26 Jahren wechselt er zur Halbserie zum Bezirksligisten SV Gadderbaum, wo Gönner Heinz Kummer seine Amateurkicker großzügig entlohnt und mit seiner herzlichen Art als Vaterfigur geschätzt wird. Kummer ist schwer krank, der Gadderbaumer Aufstieg sein großer Wunsch. Der SVG und TSV Amshausen haben sich einen packenden Zweikampf um den Titel geliefert, schließen die Saison punktgleich an der Spitze ab. Da das Torverhältnis nicht zählt, kommt es zum Showdown, der die heimische Fußball-Szene elektrisiert. 1.800 Zuschauer werden im Brackweder Stadion Zeuge einer dramatischen Partie. „Sogar Radio Bielefeld war vor Ort, um live zu berichten“, erinnert sich Tischler. Für ihn ist es auch emotional eine besondere Partie. Auf der einen Seite trifft er auf Spieler wie Werner Haskenhoff, mit denen er früher zusammen für den TSV gekickt hat. Auf der anderen Seite ist da das Versprechen an Heinz Kummer, der nicht mehr im Stadion dabei sein kann, mit Gadderbaum aufzusteigen. „Wir alle haben für Heinz gespielt“, sagt Tischler, der mit seinen Teamkollegen das Versprechen einlöst. Zwei Tage nach dem Spiel stirbt Heinz Kummer.

In einer offenen Partie bringt Olaf Kösters den TSV schon nach drei Minuten in Führung. Michael Sanke gleicht nach Flanke von Tischler in der 49. Minute aus. In der Verlängerung vergibt Uwe Kösters die große Chance, Amshausen in Führung zu bringen, ehe auf der Gegenseite Tobias Borgschulte (101.) und Thomas Behrendt (116.) Gadderbaum in die Landesliga schießen. Das Bild des Rotz und Wassers weinenden TSV-Stürmer Uli Möntmann, der von Werner Haskenhoff und Spielertrainer Andreas Strathoff vom Rasen geführt wird, findet Platz im WB-Jahresrückblick.

23. Mai 2000: SC Herford - Borussia Dortmund 2:2. Nach seiner Zeit in Gadderbaum erhält Meik Tischler das Angebot, beim kriselnden Oberligisten SC Herford noch einmal höherklassig einzusteigen. „Ich musste erst einmal wieder fit werden und bin von 0 auf 100 in die Liga eingestiegen“, blickt Tischler auf seine letzte Station als Spieler zurück. Für ihn der krönende Abschluss ist das Benefizspiel, zu dem Bundesligist Borussia Dortmund mit seinem Retter Udo Latteck im Jahnstadion antritt: „Beim BVB stand Teddy de Beer im Tor. Und ich habe beide Herforder Treffer erzielt“, so Meik Tischler, der auch im Trashtalk keine Angst vor großen Namen kennt. Als sich Lars Ricken über ein zu hartes Einsteigen beschwert, antwortet der Doppeltorschütze: „Für Leute wie dich, die sofort weinen, habe ich immer Taschentücher dabei. Ich kann dir gerne eins geben.“

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