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Grenoble-Abenteuer: Till Winklers erster 100-Meiler ein »perfekter Lauf«

Gefühlsexplosionen

Bielefeld (WB). Till Winkler hat seinen ersten 100-Meilen-Lauf erfolgreich bewältigt. Die »Ultra Tour Des 4 Massifs« (UT4M) mit Start und Ziel in Grenoble beschenkte ihn dabei mit mancher »Gefühlsexplosion. Dieser Lauf war wie eine Reise. Wie eine kompakte Lebensreise. Es war, als ob ich vergessene Teile von mir wiedergefunden habe.«

Jörg Manthey

Till Winkler in wunderschöner Kulisse; im Hintergrund die Olympiastadt Grenoble. Für die 100 wilden Meilen (170 Kilometer) über vier Alpengipfel benötigte der gut vorbereitete Sportwissenschaftlicher 33 Stunden. »Es war wie eine kompakte Lebensreise.«

Der 41-Jährige wähnte sich in den französischen Alpen teils »wie ein Passagier in meinem Körper. Gleichzeitig war ich aber auch der Kapitän, der das Sagen hatte.« Winklers Resümee nach gestoppten 33:06 Stunden ohne jede Müdigkeit, die ihn als Gesamt-16. und Dritten seiner Altersklasse V1H auswiesen: »Hammer! Alles richtig gemacht!« Sein meistgewähltes Wort in den ersten Stunden auf den recht engen Trails: »Pardon«. Wenn er von hinten heranrauschte, um vorsichtig den langen bunten Bandwurm vor ihm zu überholen. Hundertfach. Von Platz 183 über 92 (nach gut sieben Stunden), 39 (nach 17 Stunden) und 21 (nach 25 Stunden).

Ausgereifte Ernährungsstrategie geht auf

Erstaunlicherweise wurde er mit zunehmender Dauer »stärker und stärker. Ich hatte mega viel Energie. Es war einfach der perfekte Lauf. Ich war mit mir im Einklang und habe gemerkt, dass ich über mich hinauswachsen kann. Laufen hat nichts mit Anstrengung zu tun, wenn du es richtig machst. Die hat sich einfach in Nichts aufgelöst. Mitunter war mir, als ob ich schwebe!«

Die ausgereifte Ernährungsstrategie und auch die mentale Strategie des Sportwissenschaftlers an der Universität Bielefeld (»Ich habe mich mit Mantras reguliert, um nicht zu überziehen«) sei wunderbar aufgegangen. Gegangen ist er nicht. Ein Mantra, im Ultramodus angekommen: »Every step faster than walking is great« (Jeder Schritt, der schneller ist als Gehen, ist großartig). Zwar war er geprägt vom Gefühl, dass eine deutlich schnellere Zeit möglich gewesen wäre. Doch hatte Winkler im dritten Marathon eine unliebsame Begegnung mit einem fiesen Steinbrocken; umgeknickt. Der rechte Knöchel schwoll sichtbar an und machte dem möglichen Unterschreiten der 30-Stunden-Schwelle einen brutalen Strich durch die Rechnung.

»Es tat immer mehr weh.« Die Witterung war zum Laufen ideal, lebensbedrohliche Passagen gab es trotz hohen technischen Anspruchs – Trittsicherheit musste jederzeit da sein – keine. In der ersten Nacht war Till Winkler über weite Strecken im Hochgebirge alleine unterwegs. »Ich war die ganze Zeit über komplett im Fokus, nicht ein Mal abgelenkt«, meinte Winkler begeistert, der ohnehin ein gutes Gespür für seine Limits hat.

»Ich stand einfach nur mit offenem Mund da«

Ein berührender Moment auf dem zweiten Bergmassiv: Im tanzenden Licht der Stirnleuchte ging es bei einem unfassbar langen Anstieg über Wurzelwege immer näher Richtung Baumgrenze. »Ich bin dann durch die Wolken gestoßen. Es war nahe dem Sonnenaufgang. Der Sternenhimmel war klar, der Mond erhellte den dunklen Gipfel über mir, und unter mir lag ein weißer Teppich. Dieses majestätische Bild hat mich so geflasht; ich stand einfach nur mit offenem Mund da. Unfassbar magisch!«

Etwa 40 Kilometer vor dem Ziel machte er Bekanntschaft mit Markus Jurala aus Helsinki. »Ein toller Typ.« Der Finne stand ihm bei, das physische Unbill zu ignorieren. »Wir haben uns gegenseitig bis ins Ziel gepusht.« Die gemachte Erfahrung bestärkte den Ultrasportler, den nächsten Schritt gehen zu wollen. »Der Tor des Geants reizt mich.« Die Umrundung des gesamten Aostatals ist gut 330 Kilometer lang und mutet übermenschlich an: 24.000 Höhenmeter, 25 Pässe, 32 Bergseen, 43 Verpflegungsstellen. »Da werde ich mindestens zwei, drei Jahre drauf hinarbeiten. Und ich mache es nur mit einer Supporting-Crew.«

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