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EM in Berlin: Amanal Petros verpasst bei 10.000-m-Rennen zweimal die Wasserflasche

Großer Mut, trockener Hals

Bielefeld  (WB/jm). Eine Europameisterschaft ist der falsche Zeitpunkt und Ort, um Jein zu sagen. Also hat Amanal Petros bei drückender Hitze Ja gesagt zu einem überraschend flotten 10.000-Meter-Rennen (wir berichteten am Mittwoch ausführlich) – und für seine Courage eine schmerzhafte Lektion bekommen. Die letzten 2000 Meter taten einfach höllisch weh. Doch Petros »biss«.

Atmosphärischer 10.000-Meter-Lauf: Amanal Petros (Nummer 10), der lange in der Spitzengruppe mitlief, war oft im Fokus der Kamera. Mit der Nummer 29 Morhad Amdouni. Der Franzose setzte sich in 28:11,22 Minuten durch.

Gut sechs Stunden vor dem Startschuss ließ der Athlet via Sozialem Netzwerk wissen: »Ich bin aufgeregt und nervös. Drückt mir bitte die Daumen.« Eine Hundertschaft an Facebook-Freunden schenkte ihm ein aufmunterndes Echo; Sauerstoff für Kopf, Seele und Beine. Von Beginn an nahm der Brackweder Langstreckler sein Herz in beide Hände und lief in der Innenkurve ein engagiertes Rennen. Europas Jahresschnellstem Richard Ringer, der nach 6,8 Kilometern platt aufgeben musste, stahl er an dem Abend die Schau. Denn der Brackweder hielt sich bei seiner ersten großen Meisterschaft Runde um Runde forsch im Sog der internationalen Elite auf. Fest beseelt vom Ziel, auf einem Top-Ten-Platz abzuschließen. Ein Plan, den Heimtrainer Thomas Heidbreder als »sehr sportlich« kommentierte.

»Alles auf eine Karte gesetzt«

Udo Brandt-Hüdepohl, der Amanal Petros im Höhentrainingslager in St. Moritz ebenfalls für eine Weile mit betreut hatte, fand es »ganz schön verrückt, dass so schnell bei der Hitze gelaufen wurde.« Auch Thomas Heidbreder litt mit seinem Schützling. »Amanal hat was versucht«, resümierte er. »Dass er so schnell angefangen hatte, kostete auf den letzten zwei Runden einige Plätze. Ihm ist kein Vorwurf zu machen. Er hat bei der extremen Wärme alles auf eine Karte gesetzt und lag zeitweilig an siebter Stelle. Im Gegensatz zu einigen Konkurrenten, die vorzeitig das Handtuch warfen, hat er das Rennen voll durchgezogen. Das verdient große Anerkennung.«

Bester Deutscher im Klassement

Zur Rennhälfte lag der Brackweder mit einem »guten Gefühl« noch auf Rang sieben (14:10,34 min). Letztlich sollten sein extremer Mut und seine Angriffslust auf den schweißtreibenden 25 Stadionrunden nicht komplett belohnt werden. Klar wurde er als 16. bester Deutscher im Klassement, und diese Platzierung beim EM-Debüt in der Männer-Hauptklasse war alle Ehren wert. Schließlich bedeutete seine Meldezeit von 28:29.78 Minuten Rang 20 in Europa. »Auf den letzten Kilometern war wirklich die Luft raus. Mein Hals war so trocken«, erklärte Amanal Petros. Im Rennen hatte er gleich zweimal eine Wasserflasche, die auf Tischen auf der Gegengeraden aufgereiht waren, verpasst. Die vergeblichen Extrameter zum Getränkestand kosteten zusätzlich Körner.

Strategie »mutig und richtig«

Amanal Petros genoss die Atmosphäre im weiten Rund des Olympiastadions. Stolz und glücklich, obgleich nicht ganz zufrieden, lief er winkend ins Ziel. Die 29:01,19 Minuten bedeuteten seine bislang zweitbeste Zeit auf der Bahn über diese Distanz. »Unter den laufwidrigen Bedingungen und nach dem hohen Anfangstempo beachtlich«, urteilte Heidbreder. Ohnehin fand der Petros’ Strategie, sich in die Spitze einzureihen, »mutig und richtig. Sonst hätte er alleine laufen müssen, was schwierig gewesen wäre.«

Interview-Marathon

Seine Beine waren extrem hart, auch der Interview-Marathon hinterließ Spuren. »Das war echt anstrengend.« Duschen, Massage, Abendessen, Schlafen; mehr ging nicht. Petros freute sich, dass am Mittwoch Freundin Dorina kam.

Vor der Glotze fieberten viele Freunde und Trainingsgefährten mit. Etwa Hendrik Pohle. Der Brackweder zollte seinem Vereinskollegen großen Respekt. »Das war ein harter Lauf bei dieser Hitze. Schade, dass er sein Vorhaben verfehlt hat. An einem Sahnetag hätte es gutgehen können, aber oft geht es halt nicht gut. Ich hätte ihm einen Topplatz so gegönnt. Aber auch davon wird Aman sich erholen.«

www.amanal-petros.de

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