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Golf: Milla-Marlen Sagel vom Bielefelder GC startet bei der Deutschen Meisterschaft

Im Bunker fühlt sie sich am wohlsten

Bielefeld (WB). Es könnte der Golfsommer ihres Lebens werden: Erst vor kurzem hat Milla-Marlen Sagel mit der Damenmannschaft des Bielefelder Golfclubs den Durchmarsch in die Regionalliga geschafft. Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften der Altersklasse 16 will Sagel im September noch einen draufsetzen. Davor steht aber erst einmal eine Golfrunde mit WESTFALEN-BLATT-Volontär Henrik Wittenborn auf dem Trainingsplan.

Rasante Entwicklung: Noch vor etwas mehr als einem Jahr lag Milla-Marlen Sagel vom Bielefelder Golfclub mit ihrem Handicap im deutschen Mittelmaß. Im September tritt sie bei der Deutschen Jugend-Meisterschaft in Brückhausen an und misst sich mit den größten Nachwuchstalenten des Landes. »Ein Platz unter den ersten 20 wäre toll.« Foto: Mike-Dennis Müller

Erster Abschlag

Ausnahmsweise startet Milla-Marlen Sagel ihre Runde nicht auf Bahn eins, sondern auf dem 14. Abschlag – und zeigt prompt, dass Golf kein Sport der dicken Oberarme und breiten Schultern ist. Wer ihr mit ihrer eher zierlichen Statur keine großen Weiten zutraut, wird gleich mal eines Besseren belehrt. Milla holt aus, zieht durch – und weg ist der Ball. Irgendwo in den Himmel über der Anlage des Bielefelder Golfclubs in Hoberge-Uerentrup geschossen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit fällt die kleine, etwa 4,3 Zentimeter große und 46 Gramm schwere Kugel wieder in das Sichtfeld zurück. Und hat in mehr als 200 Meter Entfernung die Spielbahn fast mittig getroffen.

Die verkürzte Runde beginnt mit einem Par-5-Loch. Das bedeutet, dass Milla die Bahn mit höchstens fünf Schlägen beenden sollte. Raum für Patzer lässt ihr Handicap kaum noch zu. Das liegt mittlerweile bei 2,7. Vereinfacht erklärt: Für eine komplette Runde auf dem Par-73-Platz in Bielefeld darf sie sich nur 2,7 – aufgerundet und ohne Berücksichtigung der von Platz zu Platz unterschiedlichen Spielvorgabe – drei Schläge mehr erlauben.

Schlag zwei landet im Sandbunker kurz vor dem Grün. »Ich spiele gerne aus Bunkern«, scherzt Milla. Ein Satz, den man in Amateur-Golferkreisen wohl auch nicht allzu oft zu hören kriegen dürfte. Doch Milla meistert die Herausforderung im tiefen Sand souverän und kriegt den Ball aufs Grün. Lochversuch Nummer eins ist gut, aber nicht drin. Der zweite aus einem Meter biegt kurz vor dem Loch nach links ab und geht vorbei. Ärgerlich, aber: »Das muss man schnell abhaken.« Gerade die mentale Stärke spiele im Golf eine große Rolle. »Man muss immer konzentriert sein und so viele Sachen gleichzeitig beachten«, sagt Milla und hat ihre Faszination für den Golfsport damit schon auf den Punkt gebracht. »Positiv bleiben« ist das Motto.

Das musste Milla auch beim Ausscheidungsturnier zur DM. Auf den ersten beiden Löchern der Schlussrunde »verlor« sie bereits drei Schläge und spielte mit 68 Schlägen am Ende dennoch eine überragende Runde.

Zweiter Abschlag

Der verzogene Putt ist schnell vergessen. Wieder zischt der Driver, der Schläger für die langen Abschläge in Millas Golftasche, mit einer für das Auge kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit durch den Ball. Um ihr Handicap zu halten, müsste Milla in der Theorie jetzt einen Schlag gut machen und statt der geforderten 4 eine 3, einen »Birdie«, spielen. Doch genau darin liegt die Kunst: Ein auf dem letzten Grün verlorener Schlag kann eben nicht ohne Weiteres mit dem Abschlag auf der nächsten Bahn zurückerobert werden.

Noch vor gut einem Jahr wäre ein verzogener Abschlag, eine unpräzise Annäherung oder ein zu kurzer Putt in Sachen Handicap kein großes Problem für Milla gewesen. Mit einer Vorgabe um die 30 tummelte sie sich etwa im deutschen Durchschnitt. Doch was ist seitdem passiert, dass die Schläge immer weiter und das Handicap derart rasant immer kleiner wurde? So richtig erklären können sich Millas Eltern Julia und Claus, selbst passionierte Golfer, das auch nicht.

Das Talent ihrer Tochter machte in jedem Fall schnell die Runde – nicht nur im Bielefelder Golfclub. Auch NRW-Landestrainerin Alexandra Schleining wurde auf Milla-Marlen Sagel aufmerksam. Nach einem Sichtungstraining schaffte sie es prompt in den Per-spektivkader und kurz danach bis in den Spitzenkader. Beim Jugendländerpokal half Milla mit, die Silbermedaille in der AK16 nach NRW zu holen. »Das war ein tolles Gefühl, mit der Mannschaft unterwegs zu sein.«

Golf ist übrigens bei weitem nicht ihr einziges Talent: Schwimmen, Ballett, Tennis, Turnen, Klavier – die Liste der Hobbies wurde mit den Jahren immer länger. »Tennis ist mir irgendwann zu langweilig geworden«, sagt Milla. Seitdem liegt der Fokus auf Golf. Zum ersten Mal griff sie vor gut acht Jahren mit sieben zum Schläger. Und legt ihn nur noch äußerst ungern aus der Hand. Lustlose Phasen gibt es nicht. »Ich mache diesen Sport einfach extrem gerne.«

Dritter Abschlag

Jetzt ist taktisches Geschick gefragt. Ihr Abschlag auf der 16. Bahn liegt noch etwa 140 Meter vom Loch entfernt. Eigentlich keine Distanz für den Griff zum Eisen 8, einer der kürzeren Schläger in der Golftasche. Aber Milla hat da etwas beobachtet. »Wir haben ja gerade ein bisschen Rückenwind.« Wie an der Schnur gezogen hebt der Ball im hohen Bogen ab und fällt eben jene 140 Meter weiter vorn in Nähe des Loches auf das Grün.

Die kurze Brise kann Milla nichts anhaben, sie ist andere Bedingungen gewöhnt. »In Schottland oder England hat der Wind einen viel größeren Einfluss auf das Spiel.« Zuletzt schlug sie zum Beispiel bei den English Girls Championships ab und landete auf Platz 37. An ihrer Seite spielte dabei übrigens Schwester Mathea. In Sachen Handicap sitzt die Zehnjährige ihrer älteren Schwester schon jetzt im Nacken.

Vierter Abschlag

Auf dem vorletzten Loch der Runde türmt sich eine der großen Besonderheiten des Bielefelder Golfplatzes auf. In etwa 200 Meter Entfernung wartet eines der vielen Sieks nur darauf, missratene Bälle zu verschlingen. Milla legt zweimal vor und jagt den Ball mit dem dritten Schlag auf das Grün.

Welche Herausforderungen bei der Deutschen Meisterschaft in Brückhausen bei Münster auf Milla warten, davon will sie sich in den nächsten Wochen noch ein genaueres Bild machen. Den Turnierplatz hat sie bei einer gemeinsamen Runde mit der Familie schon einmal grob unter die Lupe genommen. Wie viele verschiedene Plätze sie schon gespielt hat? So genau kann sie das nicht sagen. »Sehr, sehr viele.«

Sehr, sehr viele Trainingseinheiten spult Milla auch in Ostwestfalen ab. Mindestens viermal in der Woche steht sie mit und ohne Vereinstrainer Bradley Kerr auf dem Platz in Bielefeld oder Halle. Dazu kommen Einheiten mit der Landestrainerin in Köln.

Bei der Deutschen Meisterschaft wird vor allem Ausdauer gefragt sein. Gespielt wird nämlich über drei Runden à 18 Loch. Das Ziel: »Ein Platz unter den besten 20 wäre schon toll.« Dafür müsste Milla aber den so genannten Cut nach zwei Runden überstehen. Nur die besten 28 der mehr als 40 Spielerinnen dürfen am Finaltag um die Deutsche Meisterschaft mitspielen.

Fünfter Abschlag

Das Clubhaus ist allmählich wieder in Sichtweite. Zum letzten Mal zischt der Driver über den Rasen. Allerdings nicht so, wie Milla sich das vorgestellt hat. Der Ball macht einen Knick nach links und landet in einer Baumreihe. »Da habe ich ja noch nie hingespielt«, sagt Milla grinsend. Ihr scheint’s aber gar nicht so unrecht zu sein. »Golf wird nie langweilig. Auf jedem Loch gibt es neue Herausforderungen.« Trotz ihres beeindruckenden Talents hat Milla auch noch eine Schwachstelle in ihrem Spiel ausgemacht. Das Chippen, also die kurzen Schläge auf die Grüns, müsse sie noch üben.

Vielleicht auch irgendwann in den USA: Schon den vergangenen Winter verbrachte sie in Tampa/Florida und feilte weiter an ihrem Spiel. In Amerika ist Golf – anders als in Deutschland – ein Massenphänomen. Den Sprung über den großen Teich an ein US-College könnte sie sich auch nach dem Abitur in drei Jahren am Ratsgymnasium durchaus vorstellen.

Vorher ist aber noch einmal Konzentration gefragt. Den verzogenen Abschlag hat Milla mit einem guten Chip repariert, nach zwei Putts liegt der Ball im Loch. Um das Handicap zu bestätigen, hat es allerdings nicht ganz gereicht. Also genug für heute? Mitnichten. Vater Claus wartet schon auf seinen ersten Abschlag beim Herrenturnier am Nachmittag. Milla begleitet ihn als Fußgänger auf die Runde. Sie macht das einfach extrem gerne.

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