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Tischtennis: Ehemalige Driburgerin Katharina Michajlova ist in der Ukraine geboren und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe

„Die Logistik wird schwieriger“

Bad Driburg

Es fällt ihr schwer, die Fernsehbilder aus der Ukraine zu verfolgen. „Noch schlimmer sind aber die Videos und Fotos, die uns Verwandte und Freunde schicken“, sagt Katharina Michajlova. Von 2013 bis 2017 hat sie beim TuS Bad Driburg in der Tischtennis-Bundesliga gespielt. Aktuell lebt sie im Bergischen Land – und engagiert sich seit Kriegsbeginn in der Ukraine-Hilfe.

Von Sylvia Rasche

Noch im September haben Katharina Michajlova (rechts) und ihre Schwester Lisa die ukrainische Hauptstadt Kiew besucht, hier vor der berühmten Andreaskirche. Jetzt musste ihr Großvater Juri aus der Stadt fliehen und ist sicher in Deutschland eingetroffen.Vollgas am Tisch: So kennen die Driburger Fans Katharina Michajlova. Sie hat insgesamt vier Jahre beim TuS gespielt und engagiert sich aktuell in der Ukraine-Hilfe. Foto: privatSylvia Rasche

„Mein Freund und ich haben in unserer Wohnung noch ein Zimmer frei. Dort könnten wir Ukrainer aufnehmen. Außerdem habe ich mich in einer Liste eingetragen, über die Dolmetscher vermittelt werden“, erzählt Michajlova, die fließend russisch spricht.

Sie selbst wurde in Cherson geboren und war vier Jahre alt, als ihre Familie 1993 aus der Ukraine nach Deutschland flüchtete. „Wir waren damals eine Woche in Unna im Erstaufnahmelager und sind dann nach Gelsenkirchen gekommen. Dort haben wir neun Monate in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt“, erzählt Katharina Michajlova. Obwohl sie damals noch ein Kleinkind war, hat sie eigene Erinnerungen an die erste Zeit in Deutschland. „Wir hatten nur ein Zimmer mit einer kleinen Küchenzeile. Dazu gab es pro Etage eine Toilette und für zwei Etagen eine Dusche“, berichtet die 33-Jährige.

Vater Alexander, der in ihrer Driburger Bundesligazeit nahezu alle Partien als Coach begleitete, war in der Ukraine Mathe- und Physiklehrer. „Damals war es mit der Anerkennung der Abschlüsse in Deutschland noch schwierig. Weil sich meine Eltern selbst versorgen wollten, hat mein Vater schon nach drei Monaten angefangen zu arbeiten“, erzählt Kathrina Michajlova. Ein Tischtenniskollege besorgte ihm einen Job im Hochbau, den er jahrelang ausübte. „Über den Sport haben wir in Gelsenkirchen schnell Anschluss gefunden. Der FC Schalke 04 unterstützt unsere Familie noch heute, wenn wir zum Beispiel an den weltweiten Maccabi-Spielen der jüdischen Gemeinde teilnehmen“, erzählt die mehrfache deutsche Hochschulmeisterin.

Vollgas am Tisch: So kennen die Driburger Fans Katharina Michajlova. Sie hat insgesamt vier Jahre beim TuS gespielt und engagiert sich aktuell in der Ukraine-Hilfe. Foto: Sylvia Rasche

In der vergangenen Woche ist sie zusammen mit ihrem Vater und ihrem Freund Przemyslaw selbst an der polnisch-ukrainischen Grenze gewesen, um ihren Opa Juri abzuholen. Der lebte bis zuletzt in Kiew und wollte auch in den ersten Kriegstagen noch nichts von einer Flucht nach Deutschland wissen. „Wir alle haben es uns nicht so krass vorgestellt, wie es dann sehr schnell gekommen ist. Mein Opa hat sich schließlich doch umstimmen lassen, einen kleinen Rucksack gepackt und sich auf den Weg gemacht“, erzählt Katharina Michajlova. Der 82-Jährige sei zunächst über eine Stunde zu Fuß durch fast menschenleere Straßen der Millionenstadt gelaufen, dann mit dem Bus gefahren und hatte letztlich „großes Glück, als Mann einen Zug erwischt zu haben. 95 Prozent der Passagiere waren Frauen und Kinder.“

Als er es es endlich über die Grenze geschafft hatte, wurde er in Polen von Schwiegersohn, Enkelin Katharina und deren Freund erleichtert in Empfang genommen. Zuvor hatte das Trio am Bahnhof und in einer Schule, in der Flüchtlinge untergekommen sind, mitgebrachte Lebensmittel verteilt. „Wir hatten das ganze Auto vollgepackt“, sagt die ehemalige Driburgerin.

Nach der Rückkehr in Deutschland engagiert sie sich weiter in der Ukraine-Hilfe. „Das läuft über unterschiedliche Kanäle. Gebraucht werden aktuell vor allem Geldspenden. Bei Sachspenden wird die Logistik immer schwieriger“, berichtet sie – und erfährt während des Gesprächs mit dieser Zeitung, dass ein Hilfsgütertransport, den sie über einen Tischtennis-Trainingspartner organisiert hat, klappt. „Er schickt einen Mitarbeiter mit einem 7,5-Tonner nach Polen. Dort werden die Hilfsgüter entweder in Krakau der Caritas übergeben oder direkt zur Grenze gebracht.“

Katharina Michajlova hat die deutsche Staatsbürgerschaft, hat in der deutschen Jugendnationalmannschaft gespielt und dort unter anderem eine EM-Silbermedaille gewonnen. Von Bad Driburg zog sie 2017 weiter nach Kolbermoor, wurde mit dem Verein Deutscher Mannschaftsmeister und spielt aktuell in der 2. Liga. Während der Corona-Zeit hat sie viel in einer zum Tischtennisraum umfunktionierten Garage trainiert.

Kontakt in die Ukraine hält sie vor allem über ihre Familie. Beide Eltern haben vor der Übersiedlung nach Deutschland in der ukrainischen Tischtennis-Nationalmannschaft gespielt. „Wir haben all die Jahre Beläge und Sportkleidung immer nach Cherson geschickt“, berichtet sie.

Dass russische Sportler von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen sind, begrüßt die 33-Jährige. „In diesen Zeiten im russischen Nationaltrikot sportliche Erfolge zu feiern, geht gar nicht“, betont sie und fügt hinzu: „Vielmehr müssten die Sportler ihre Stimme gegen den Krieg erheben. Sie werden gehört.“

Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Lisa war Katharina Michajlova, die unter anderem in Bielefeld und St. Petersburg studiert hat, im vergangenen Herbst noch zu Besuch in Kiew. „Ich war vorher lange nicht in der Ukraine und sehr überrascht, wie schön es dort ist“, erinnert sie sich gerne an die Reise in ihr Geburtsland zurück. Umso schlimmer sind nun die Bilder, die sie aus der Ukraine erreichen.

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