Serie Meine schönsten Sporterlebnisse: Vater und Sohn Amstutz laufen beim Ironman Hand in Hand über die Ziellinie

„Dieser eine Moment wiegt die Quälerei auf“

Bad Driburg

Mehr als 14 Stunden haben sie gekämpft, sind 3,8 Kilometer geschwommen, 180 Kilometer Rad gefahren und einen Marathon gelaufen. Nach den Strapazen überqueren Michael und Heinz Amstutz die Ziellinie am Frankfurter Römer Hand in Hand unter dem Applaus der begeisterten Zuschauer.

Sylvia Rasche

Es ist schon fast dunkel über dem Frankfurter Römer, als Heinz (links) und Michael Amstutz nach 14:34 Stunden das Ziel erreichen. Hand in Hand laufen Vater und Sohn über die Ziellinie. Für beide gehört dieser Moment zu den sportlichen Highlights. Foto:

Beide lächeln glücklich. Kaum jemand ahnt, was sich vor allem in der letzten Stunde vor dem Zieleinlauf abgespielt hat. „Ich war eigentlich schon raus, wollte aufgeben und hätte das auch getan, wenn mein Vater mich nicht eingesammelt hätte“, sagt Michael Amstutz.

Der Bad Driburger ist 2003 einer der schnellsten Läufer des Kreises Höxter, hat bereits den als besonders schwer geltenden Ironman auf Lanzarote erfolgreich beendet. Vater Heinz Amstutz, damals 61 Jahre alt, bestreitet seinen ersten Ironman in Frankfurt. Es ist heiß an diesem Tag in der Mainmetropole. Mehr als 30 Grad im Schatten. Aber Schatten gibt es auf der Strecke kaum. Michael Amstutz ist nach Schwimmen, Radfahren und den ersten Runden auf der Marathonstrecke völlig ausgelaugt, sucht Schutz unter einer Brücke. „Es war gar nicht mehr weit bis ins Ziel, vielleicht fünf oder sechs Kilometer. Doch es ging nichts mehr“, erinnert er sich. Vater Heinz Amstutz passiert die Stelle und rät seinem Sohn, dort auf ihn zu warten, bis auch er auf der letzten Runde sein würde.

Gesagt, getan. Heinz Amstutz läuft seine Runde weiter und nimmt Michael auf den letzten Kilometern einfach mit. Hand in Hand geht es dann über die Ziellinie. „Wer kann schon von sich behaupten, mit seinem Vater gemeinsam einen Ironman beendet zu haben“, sagt Michael Amstutz 18 Jahre später. Wegen dieser besonderen Konstellation gehört der Frankfurter Triathlon trotz aller Dramatik des Tages zu seinen schönsten Sporterlebnissen.

Schon ein Jahr vorher waren Vater und Sohn gemeinsam in Frankfurt – allerdings in unterschiedlichen Rollen. Michael auf der Strecke und Heinz als Zuschauer. „Die Atmosphäre hat mich gepackt. Ich war so begeistert, dass ich noch vor Ort den Entschluss gefasst habe, im Folgejahr selbst mit dabei zu sein“, erzählt Heinz Amstutz. Das Problem: „Ich konnte nicht schwimmen.“ Mit eiserner Disziplin wurde er Stammgast im Bad Driburger Hallenbad und erlernte die Kraultechnik. „Nach dem Schwimmen habe ich zu Hause erst mal in Ruhe gefrühstückt und bin dann eine Runde Rad gefahren“, erzählt er. „Hut ab, dass mein Vater das damals so geschafft hat“, lobt Michael Amstutz. Beide haben jeweils fünf Ironman-Rennen absolviert.

Ausgerechnet den schweren Ironman auf Lanzarote sucht sich Michael Amstutz für seine Premiere aus. Foto: privat

Michael feierte seine Premiere ausgerechnet beim schweren Rennen auf Lanzarote. „Der Ironman dort ist noch härter als der auf Hawaii“, sagt der selbstständige Malermeister. Vereinskollegen der Non-Stop-Ultra Brakel hatten eine Reise auf die Kanareninsel organisiert, Amstutz schloss sich an und bewältigte die Tortur in 12:34 Stunden. Anschließend startete er noch viermal in Frankfurt. „Irgendwann fehlte mir aber die Zeit. Das Training ist so intensiv, dass ich es kaum mit meinem Beruf vereinbaren konnte. Ich habe eigentlich immer viel zu wenig Radkilometer absolviert und das im Rennen zu spüren bekommen“, sagt er rückblickend.

Vater Heinz Amstutz hat seine fünf Ironman-Rennen allesamt in Frankfurt absolviert. „Der erste war mein schönster Ironman. Allein der Zieleinlauf zusammen mit Michael unter dem Applaus der Zuschauer war die ganze Quälerei wert“, sagt der 79-Jährige im Rückblick. Bei seiner zweiten Teilnahme war er zwar 40 Minuten schneller, hat mit 13:53 Stunden seine Bestzeit aufgestellt, trotzdem bleibt die gemeinsame Aktion das Highlight.

Heinz Amstutz ließ sich übrigens trotz des Wettkampfes nie aus der Ruhe bringen. „Ich habe mir in den Wechselzonen immer Zeit gelassen, während sich andere die Schuhe noch im Laufen zugebunden haben“, erzählt der zehnfache Opa.

Den Ausdauersport als Hobby entdeckte Heinz Amstutz erst mit Ende 40. „Vorher war ich Fußballer, habe selbst gespielt und dann die Jugend trainiert“, blickt er zurück. Als A-Jugendcoach billigte er einem Akteur übrigens nicht allzu viel Einsatzzeit zu: Sohn Michael.

1992 gewinnt Michael Amstutz zum zweiten Mal den Klassiker vom Hermannsdenkmal zur Sparrenburg. Foto: privat

„Fußball war nicht so meins. Irgendwie war immer der Ball im Weg“, lacht der heute. Als Läufer zeigte er dagegen sein Talent vor allem über lange Strecken, entwickelte Ehrgeiz im Training und sollte schnell die ersten Erfolg feiern. Schon seinen ersten Osterlauf lief er in 40:05 Minuten, vier Jahre später waren 31-er Zeiten an der Tagesordnung. 1987 wurde Michael Amstutz Westdeutscher Juniorenmeister im Marathon, zwei Jahre später lief er seinen ersten Hermannslauf, wurde auf Anhieb Zweiter und hatte seinen Lieblingslauf gefunden. „Der Hermann ist etwas ganz besonders für mich und er wird es immer bleiben“, schwärmt Michael Amstutz. 1990 und 1992 gewann er den Klassiker sogar und bekam im Ziel unter der Bielefelder Sparrenburg den Lorbeerkranz umgehängt. Seit 1989 hat er keinen Hermann ausgelassen. „Ich möchte 50 Läufe voll machen – und wenn ich mich auf Krücken über den Hermannsweg schleppe“, hat er bereits mehr als einmal verkündet. „Corona macht es nicht einfacher. Ein Lauf ist schon ausgefallen, hoffentlich wird dieses Jahr im Herbst der aktuelle Lauf nachgeholt, sonst werde ich nach hinten raus zu alt“, lacht der Ausdauer-Athlet der derzeit drei- bis viermal die Woche läuft und zusätzlich eine Radeinheit einschiebt.

Vater Heinz Amstutz liebt den Hermannslauf ebenfalls, hat dort ausgerechnet im Jahr von Michales zweitem Sieg 1992 seine eigene Premiere gefeiert und stand zweimal in der Altersklasse auf dem Siegertreppchen. „Aber nie mit meiner Bestzeit. Ich bin zweimal 2:13 Stunden gelaufen. Das hat damals aber nicht für einen Podestplatz in meiner Altersklasse gereicht“, berichtet der 79-Jährige.

Der Paderborner Osterlauf war für Heinz Amstutz (gelbes Trikot) in seiner aktiven Zeit ein Pflichttermin. Foto: Sylvia Rasche

2008 war sein letzter Osterlauf, danach ließ es Heinz Amstutz auf Rat seines Kardiologen langsamer angehen. Inzwischen hat er sich ein E-Bike gekauft, um sich fit zu halten und wieder größere Runden drehen zu können.

Einen Ironman wird er nicht mehr absolvieren, das Erlebnis, auf der Promenade am Frankfurter Römer Hand in Hand mit seinem Sohn über die Ziellinie zu laufen, kann ihm aber niemand mehr nehmen.

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