Erfolgreiche Voltigierer des RV Nethegau trainieren sogar draußen

Brakeler Talentschuppen improvisiert

Brakel

Kompliziert wie ihre spektakulären Übungen auf dem Pferderücken gestalten sich momentan die coronabedingten Trainingsabläufe der heimischen Voltigierer. Immerhin dürfen die Brakeler Einzelvoltis ihren Sport aufgrund der örtlich niedrigen Inzidenzwerte draußen auf dem Pferd überhaupt ausüben. Das bringt aber allein aufgrund der bisher unbeständigen Witterung regelmäßige Schwierigkeiten mit sich.

Lena Brinkmann

Finja Eyers (links) und Hannah Lötzke mit „Dachico“. Das Duo freut sich, aktuell überhaupt trainieren zu dürfen. Foto: Lena Brinkmann

Der Westfale „Dachico“ fällt auf. Imposant ist er, Schulterhöhe 1,80 Meter und ein Blick, den nichts zu erschüttern scheint. Mit seinen 16 Lebensjahren zeichnen sich noch immer die kräftigen Muskeln unter seinem nussbraunen, glänzenden Fell ab. Er trug seine Brakeler Voltis in den vergangenen zehn Jahren zu den größten Erfolgen in der Geschichte des Reitervereins (RV) Nethegau.

Wie an der Perlenschnur gezogen, zieht „Dachico“ auch an diesem stürmischen Frühlingstag seine Runden auf dem Außensandplatz an der Brakeler Reithalle. Auf seinem Rücken wirbelt Finja Eyers durch die Luft. Gekonnt schwebt das 16-jährige Talent in einem Unterarmstütz über dem galoppierenden Pferderücken. Die Beine im Spagat. Das Markenzeichen ihrer anspruchsvollen Kür. „Super Finja“, lobt Franziska Peitzmeier, Junioren-Vizeweltmeisterin der Jahre 2015 und 2017, am Rand.

Die 21-jährige Gütersloherin voltigiert jeden Samstag in Brakel mit. Derweil konzentriert sich Trainerin und Longenführerin Anna Brinkmann vollends auf „Dachico“. Und das verlangt trotz aller Zuverlässigkeit des großen Braunen ihre ganze Aufmerksamkeit. „Voltigieren funktioniert eigentlich nur in der Reithalle. Draußen lässt sich das Fluchttier Pferd einfach zu schnell ablenken. Das Verletzungsrisiko für die Voltigierer ist zu groß. Auch unter freiem Himmel ist das Training derzeit nur mit zwei Personen möglich. Bei unserer Anzahl an Voltigierern stellt das unser toll zusammenarbeitendes Trainerteam immer wieder vor organisatorische Herausforderungen“, berichtet Anna Brinkmann, Trainerin der ersten Mannschaft und der Einzelvoltigierer des RV Nethegau.

Talent Finja Eyers trainiert auf dem Holzpferd und holt sich dabei wichtige Tipps der ehemaligen Vize Weltmeisterin Franziska Peitzmeier. Foto: Lena Brinkmann

Unter 14-Jährige dürften auch beim Voltigieren draußen in Gruppen trainieren. „Wir können das Training auf dem Pferd momentan nur für die erste Mannschaft und die Einzelvoltis realisieren. Mit den Nachwuchsgruppen, die aufgrund des Alters eigentlich zusammen trainieren dürften, ist es einfach zu gefährlich, wenn sich die Pferde draußen erschrecken“, hofft Anna Brinkmann, dass das Voltigier-Vereinsleben unter diesen Bedingungen nicht zum Erliegen kommt.

Hoffnungsschimmer brachte den Brakeler Pferdeakrobaten aktuell ein Kaderlehrgang mit der kompletten Mannschaft in Münster. Dieser wurde von Landestrainerin Martina Rook aus Höxter organisiert. Alle Beteiligten mussten sich 24 Stunden vorher testen lassen. Zudem findet beim RV Paderborn ein Online-Voltigierturnier statt. Dafür mussten die Brakeler in den vergangenen Wochen fleißig im Training unter Wettkampfbedingungen Pflicht- und Kür- Durchgänge filmen und die Videos nach Paderborn schicken. Dort wird an diesem Wochenende von einer Jury bewertet. Zudem gibt es zumindest Hoffnung auf den ein oder anderen Wettkampf zum Saisonende.

Die Westfälischen Voltigiermeisterschaften in Münster wurden jetzt von Juni auf den August verschoben. Daran würde auch gerne Finja Eyers teilnehmen. Brakels größtes Talent lernte das Voltigieren in ihrer Heimatstadt beim RV Bad Driburg. Vor fünf Jahren wechselte die heute 16-Jährige zum RV Nethegau und feierte gleich in ihrem ersten Brakeler Jahr ihren bisher größten Erfolg, den Deutschen Vizemeistertitel mit dem U18-Team.

Franziska Peitzmeier macht es vor. Eigentlich trainieren Voltigierer in der Halle, doch das ist aktuell nicht erlaubt. Foto: Lena Brinkmann

In ihrer ersten Saison als Einzelvoltigiererin gewann Finja Eyers das einzige Turnier, das im vergangenen Jahr überhaupt stattgefunden hat. Kürzlich wurde die Driburger Schülerin in Westfalens Nachwuchskader berufen und erhält seitdem regelmäßig Stützpunkttraining.

„In Brakel trainiere ich zwei- bis dreimal in der Woche auf dem Pferd. Hinzu kommen das Grundlagentraining zu Hause und das Turnen. Ich möchte es im Einzel und mit dem Team zu den Deutschen Meisterschaften schaffen und bei internationalen Turnieren starten“, betont das ehrgeizige Talent.

Gerade in der Anfangszeit im Einzelvoltigieren sind Turniere sehr bedeutend, weiß auch Anna Brinkmann: „Ich traue Finja in den kommenden Jahren einiges zu. Sie kann in Westfalens Juniorspitze mithalten. Dafür benötigt sie aber Turniere, um Routine zu sammeln und ihre Leistungen auf den Punkt abzurufen. Von daher ist es für unsere jungen Einzelvoltis toll, dass jemand wie Franziska Peitzmeier mittrainiert.“

Die Top-Voltigiererin kann ihre schweren Übungen mit Souveränität, Pferdegefühl und Ausdruck immer noch jeder Zeit abrufen. Die 21-jährige Studentin sieht die aktuelle Situation gelassen: „Ohne jeglichen Druck genieße ich das Training in Brakel momentan total. Ich hätte nie gedacht, dass ich es einmal so schätze wieder auf dem Pferd trainieren zu können. Vor Corona war das alles immer selbstverständlich. Wir motivieren uns hier gegenseitig.“

Auch Hannah Lötzke aus Holzhausen ist Einzelvoltigiererin und Mitglied der ersten Mannschaft des RV Nethegau. Die 18-Jährige trainiert ebenfalls im Wechsel gemeinsam mit Franziska Peitzmeier. Für die Abiturientin ist es jedoch bereits das letzte Juniorenjahr. „Das ist sehr schade, denn bereits in der vergangenen Saison konnte Hannah ihr Können gar nicht richtig präsentieren. Sie hat gerade in der letzten Zeit noch einmal eine tolle Entwicklung hingelegt. Ich hoffe für sie, dass es in diesem Jahr doch noch ein, zwei Turniere gibt, wo sie ihre Leistung bestätigen kann“, stellt Anna Brinkmann heraus.

So ist jeder Trainingserfolg für Hannah Lötzke momentan das Schönste: „Natürlich kann nichts ein Voltigierturnier mit der Stimmung voller Zuschauerränge ersetzen. Eigentlich würden wir uns in dieser Saisonphase im Training bereits voll und ganz auf die Turniere fokussieren. Momentan ist das Privileg überhaupt auf dem Pferd trainieren zu dürfen jedoch Genuss pur. Ohne Turnierdruck, eine Pflicht und Kür im Feinschliff präsentieren zu müssen, kann man jetzt auch mal Übungen turnen, die man immer schon probieren wollte.“

Vielleicht darf dann zeitnah auch wieder in der Reithalle voltigiert werden. Bis dahin wird „Dachico“ weiter zuverlässig seine Runden mit glücklichen Voltigierern auf dem Rücken draußen ziehen.

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