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Meine Corona-Pause: Voltigiertrainerin Anna Brinkmann über die Auswirkungen des Lockdowns für ihren Sport

„Die Pferde trainieren weiter“

Brakel

Die Brakeler Voltigierer zählen seit 40 Jahren zu den Besten in ganz Deutschland. Mit Edelmetall bei Welt- und Europameisterschaften gelingt den Pferdeakrobaten des RV Nethegau in ihren „goldenen“ 2010er Jahren auch der internationale Durchbruch. Erst selbst als aktive Voltigiererin und schließlich als Trainerin prägt Anna Brinkmann diese starke Erfolgsstory seit 30 Jahren mit.

Lena Brinkmann

Mehr Zeit für die Familie: Anna Brinkmann mit Ehemann Fabian und den Kindern Lina und Jannis sowie Voltigierpferd „Dachico“. Foto: Lena Brinkmann

„Ich liebe diesen Sport einfach, ob damals als aktive Voltigiererin oder jetzt als Trainerin“, schwärmt die 35-jährige Brakelerin über das Turnen auf dem Pferderücken, für das die Nethestädter über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt sind.

Mit Motivation und Ehrgeiz geht die junge, aber bereits langjährige Trainerin für ihre Sportler voran. Voltigieren war und ist in diesem schwierigen Corona-Jahr eine der stark betroffenen Mannschaftssportarten im Kreis Höxter. Wo Reiter als Individualsportler bereits wieder Turniere austragen durften, mussten die Voltis aufgrund des Kontaktsports noch lange mit dem Training pausieren. Wo selbst Hand- und Fußballer im Sommer wieder den Spielbetrieb aufgenommen hatten, trainierten die Voltis vorerst nur unter strengen Auflagen. Meisterschaften und Championate haben 2020 gar nicht stattgefunden. Voltigierturniere, die auch von begeisterten Zuschauermassen leben, gab es nur vereinzelt im Spätherbst. In der Region traute sich der RV Paderborn Anfang Oktober mit 150 Zuschauern ein kleines Pflichtturnier auszurichten, bei dem die Brakeler wie gewohnt absahnten.

„Das Turnier in Paderborn war wieder ein bisschen Normalität und dann kam der erneute Lockdown. Dieses Mal konnten wir uns vorher noch treffen, um mit den Voltis ihre Trainingspläne für zu Hause auszuarbeiten. Auch die Voltigierpferde sind kein Tennisschläger, den man für ein paar Monate in die Ecke stellen kann. Sie bekommen ein Ausgleichstraining, um fit zu bleiben“, berichtet Anna Brinkmann.

Trotz Corona-Zwangspause hat Anna Brinkmann beim Reiterverein Nethegau Brakel alles fest im Griff: Voltigierer und Voltigierpferde, wie hier Erfolgspferd „Dorian Gray“, müssen fit bleiben. Foto: Lena Brinkmann

So hat die Trainerin A-Voltigieren mit Hilfe ihres Trainerteams, allen voran ihrer Mutter Elisabeth, die die Brakeler Voltigierabteilung damals groß gemacht hat, täglich in der Reithalle noch viel zu tun. Ohne Reit- und Voltigierunterricht müssen die sechs Vereinspferde in Absprache mit Reitlehrer Eike Heise versorgt und bewegt werden. „Die Kondition unserer Pferde muss genau so erhalten bleiben, sonst könnten wir nach dem Lockdown nicht wieder mit dem Unterricht starten“, betont Anna Brinkmann, die im Brakeler Emmaus Kindergarten als Erzieherin tätig, momentan aber noch in Elternzeit ist.

Mit sechs Jahren begann die Brakelerin selbst mit dem Voltigieren beim RV Nethegau und war auch in Nachwuchsprüfungen im Reitsattel erfolgreich. Mit zwölf Jahren schaffte sie den Sprung in die erste Mannschaft, die 1997 erstmals im Bundeskader Voltigieren stand.

Auch im Einzelvoltigieren stand eine hoffnungsvolle Karriere bevor, die die damals 17-Jährige aber nach einem Kreuzbandriss beenden musste. Bereits ein Jahr nach der schweren Knieverletzung kämpfte sich Anna Brinkmann wieder in der ersten Mannschaft heran und half noch lange in der zweiten Mannschaft aus, als sie den Fokus bereits auf ihre Trainerkarriere legte.

Seit 2010 konzentriert sich die Brakeler Voltigierabteilung vermehrt auf den U18-Juniorenbereich. Anna Brinkmann übernahm das erste Juniorteam und eine beeindruckende Erfolgsserie mit den Voltipferden „Dachico“ und „Dorian Gray“ startete. „Das schönste sportliche Erlebnis mit der Mannschaft war der überraschende Sieg beim Preis der Besten 2014 und die anschließende Silbermedaille bei der Europameisterschaft in Ungarn“, bekommt Anna Brinkmann beim Rückblick immer noch Gänsehaut. Es folgten Silbermedaillen bei Deutschen Meisterschaften und weitere Titel. Hervorzuheben sind auch die Silbermedaillen bei Welt- und Europameisterschaften von 2015 bis 2017 mit Franziska Peitzmeier im Einzel mit Anna Brinkmann an der Longe.

„Auch wenn uns das komplette Wintertraining fehlt, wo wichtige Grundlagen für die kommende Saison geschaffen werden, sind unsere jungen Voltis hoch motiviert und hoffen so sehr auf eine Turniersaison 2021“, stellt Anna Brinkmann heraus.

Kurz gefragt

Kraft- oder Lauftraining: „Spezifisch für das Voltigieren ist beides wichtig. Unsere Voltis haben für die Zeit des Lockdowns einen individuellen Trainingsplan mit verschiedenen Kraftübungen, Lauf- und Beweglichkeitstraining erhalten. Dafür hat sich jeder Voltigierer Ziele gesetzt, die er in dieser Zeit hierfür erreichen möchte.“

Bringdienst oder selber kochen:„Für unsere Kinder Lina und Jannis kochen wir natürlich selbst. Aber abends, wenn die Kinder schlafen, genießen mein Mann Fabian und ich auch mal gerne in Ruhe eine Pizza vom Lieferservice.“

Playstation oder Netflix: „Netflix, aber eigentlich schaue ich wenig Fernsehen und dann einen schönen Kinderfilm mit meinem Sohn.“

Podcast oder Buch: „Ich bin keine Leseratte und für Podcasts fehlt mir das Interesse. Ich lese aber Fachbücher, über das Voltigieren oder beruflich über Kinderentwicklung.“

Spotify oder Radio: „Im Auto und unter der Dusche schalte ich das Radio ein. Über Amazon Prime Music machen wir zu Hause auch gerne mal eine Kinderdisco.“

Lieblingsseite im Internet: „Auf Youtube schaue ich mir gerne Voltigiervideos an und auf Pinterest hole ich mir schöne Ideen fürs Basteln, gerade jetzt zur Weihnachtszeit.“

Sportlerbiografie: „Leider hat noch keiner der Weltklasse-Voltigierer eine Biografie verfasst. Ansonsten beeindrucken mich Sportler, die nie aufgeben, egal wie schwierig die Situation auch ist.

Zum Beispiel Golfstar Bernhard Langer, der seinen Ball bei einem großen Turnier hoch in einen Baum geschlagen hatte, auf den Baum kletterte und aus dieser ausweglosen Situation noch den zweiten Platz holte. Sein Zitat: „Glück braucht man nicht, wenn man trainiert“ ist prägend.

Corona-Rituale: „Den Sonntag haben wir momentan als festen Familientag eingeplant, an dem wir Vier etwas zusammen unternehmen, was wir alle sehr genießen. Ohne Training, Turniere oder Lehrgänge lässt sich das gut einrichten. Zudem komme ich selbst mehr zum Reiten, da die Pferde ja schließlich weiterhin ihre Bewegung benötigen.“

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