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Fußball: Carlotta Wamser hat nach drei Jahren in den Jungenmannschaften der Spvg Brakel beim Erstliga-Club SGS Essen schnell Fuß gefasst

Mit Vollgas in die Bundesliga

Brakel (WB). Carlotta Wamser zählt zu den Top-Talenten im deutschen Frauenfußball. Im Sommer ist die Bad Salzuflerin von den B-Junioren der Spvg Brakel zur SGS Essen gewechselt. Dort stand Wamser mit 16 Jahren für ihr neues Team bereits in allen sieben Saisonspielen der Frauenfußball-Bundesliga auf dem Platz. Nach dem Gewinn der U17-Europameisterschaft 2019 und der Fritz-Walter-Medaille in Bronze 2020 geht die Karriere der Ex-Brakelerin weiter steil nach oben.

Lena Brinkmann

Essens Trainer Markus Högner (rechts) ist von den Fähigkeiten seines Neuzugangs Carlotta Wamser überzeugt. Schnell hat sich die 17-Jährige einen Stammplatz im Team des Bundesligisten erkämpft. Foto: Lena Brinkmann

Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf den schmucken Fußballplatz der Tönnies-Arena. Das schmuddelige Herbstwetter legt an diesem Abend in Rheda-Wiedenbrück eine Pause ein. Die markanten Gebäude der Tönnies-Fabrik pulsieren im Hintergrund. Doch sie schreiben in diesem Fall keine Schlagzeilen, sondern die Protagonistinnen im Fußballstadion inmitten des weitläufigen Areals. Der FSV Gütersloh trägt hier seine Zweitrundenpartie im DFB-Pokal gegen die SGS Essen aus. Auf Seiten der Gäste stehen zwei 16-Jährige in der Startelf. Eine von ihnen ist Carlotta Wamser, die am Abend vor ihrem 17. Geburtstag somit ihr erstes DFB-Pokalspiel absolviert. Seit ihrem Wechsel nach Essen hat die Schülerin bis dato bereits sieben Bundesligaspiele sowie ein Bundesligator in der Statistik stehen.

Beeindruckende Athletik

Gemeinsam mit Nationalspielerin Nicole Anyomi ist Carlotta Wamser eine der Ersten, die vor der Partie gegen Gütersloh den Kunstrasen betritt. Kraftvoll und dynamisch - bereits beim Aufwärmprogramm sticht die Teenagerin mit ihrer beeindruckenden Athletik heraus. Den anschließenden spannenden Pokalfight gewinnt dann doch ein wenig überraschend der klassentiefere FSV Gütersloh in der Verlängerung mit 3:2 gegen Ex-Finalist Essen. Bei der ehrgeizigen Carlotta Wamser überwiegt kurz nach dem Spiel mehr die Enttäuschung über das frühe Ausscheiden, als die Freude, als erst 16-Jährige 120 Minuten in diesem entscheidenden Spiel mitgewirkt zu haben. „Wir haben zu viele einfache Fehler gemacht und unsere Chancen nicht genutzt”, analysiert die Junioren-Nationalspielerin die Partie bereits detailliert wie ein alter Trainerfuchs.

Essen setzt auf Talente

Einige Top-Spielerinnen haben die SG Essen-Schönebeck im Sommer verlassen. Der etablierte Frauen-Bundesligist befindet sich im personellen Umbruch und spielt vorerst um einen Platz im gesicherten Mittelfeld. Die Pokalniederlage gegen Gütersloh sieht Essens Trainer Markus Högner demnach als Lernprozess seines jungen Teams: „Carlotta ist eines der Gesichter der Zukunft. Sie zählt zu den stärksten Spielerinnen Deutschlands in ihrem Jahrgang. Das hat jetzt auch die Auszeichnung mit der Fritz-Walter-Medaille bewiesen. Es war die richtige Entscheidung sie zu verpflichten, da sie wirklich ein außergewöhnliches Talent ist. Carlotta ist sehr schnell, hat ein starkes Durchsetzungsvermögen und immer Zug nach vorne. Lobenswert ist ihre Einstellung und Motivation, denn sie gibt immer Vollgas.”

Nachdem Carlotta Wamser in der vergangenen Saison noch in der männlichen B-Jugend der Spvg Brakel in der Landesliga unter Trainer Thorsten Kraut gekickt hat, blickt die 17-Jährige bodenständig auf das erste Vierteljahr in Essen zurück: „Ich bin super aufgenommen worden. Jede Trainingseinheit macht Spaß und ich lerne soviel dazu. In Brakel bei den Jungs habe ich auf der Sechserposition gespielt. In Essen komme ich im Sturm meistens über außen zum Einsatz.”

Dankbar für die Zeit in Brakel

Voller Stolz berichtet Carlotta Wamser über ihr erstes Bundesligator, das sie kürzlich gegen den SV Meppen erzielt hat: „Das war mit dem Kopf. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich noch nie ein Kopfballtor erzielt. Aber mit 16 Jahren das erste Bundesligator war schon ein tolles Gefühl.”

Insbesondere für die Schnelligkeit und den Körpereinsatz haben die drei Jahre bei den Brakeler Jungs Carlotta Wamser stark geprägt. „Ich bin dankbar für die Zeit in Brakel, weil sie jetzt mein Spiel auszeichnet. Ich habe aber bereits zwei gelbe Karten kassiert, weil bei den Frauen zu viel Körpereinsatz doch schneller gepfiffen wird. Auch charakterlich hat mich die Zeit bei den Jungs geprägt, weil ich gelernt, habe mich durchzusetzen”, betont die junge Ostwestfalin.

Tag startet um 5 Uhr

Um in Essen Fußball zu spielen, nimmt Carlotta Wamser fast jeden Tag ein Mammutprogramm auf sich. Die Schülerin wohnt bei ihren Eltern zu Hause in Bad Salzuflen und besucht in Bünde die zwölfte Klasse des Berufkollegs, um dort das Wirtschaftsabitur zu absolvieren. „Mein Tag startet um 5 Uhr. Vor dem Unterricht gehe ich zunächst in den Kraftraum der Schule. Nach dem Schulunterricht fahre ich spätestens um 14 Uhr zwei Stunden mit dem Zug nach Essen. Von 17.15 Uhr ist dort gut zwei Stunden Training angesetzt. Danach geht es wieder mit dem Zug zurück und ich bin oft erst um 23 Uhr zu Hause”, schildert Deutschlands Top-Talent ihren straffen Tagesablauf, der viel Disziplin erfordert.

„Mein Leben besteht nur aus Fußball. Wir arbeiten dafür genauso hart wie unsere männlichen Kollegen. Doch der Frauenfußball bekommt in Deutschland weiterhin nicht so viel Aufmerksamkeit. Von den Medien angefangen, die zum Beispiel über jedes Kreisligaspiel der Männer berichten, aber nicht über die Frauen-Bundesliga.”

Traum von der U20-WM in Costa Rica

Carlottas großes Ziel im kommenden Jahr ist die U20-WM in Costa Rica, falls die wegen Corona überhaupt stattfindet. Ihr erstes U20-Länderspiel ist aufgrund der Pandemie bereits ausgefallen. Trotzdem geht die Karriere weiter steil nach oben, wenn sie von Verletzungen verschont bleibt. Und dann wird sie auch irgendwann mit einem Lächeln auf das lehrreiche Pokalspiel im Spätherbst 2020 in der Tönnies-Arena zurückblicken.

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